Kathrin Klement sitzt in einem Sessel und liest ein Buch.
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Leidenschaftliche Vorleserin: Kathrin Klement, die auch im Tutzinger Verschönerungsverein aktiv war und den „Lebendigen Adventskalender“ mitorganisiert hat.

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Schiff, Bad und Baustelle als Lesestuben in Tutzing: Verein „Leselounge“ verlegt Vorlesestunde ins Internet

Der Verein „Leselounge“ entdeckt die Bücherwelt neu. In Tutzing entstehen sogar Ideen für recht ungewöhnliche Methoden – digital oder im ganz normalen Leben.

Tutzing – Kathrin Klement hat es sich im Schneidersitz vor ihrem Laptop bequem gemacht. Sie liest aus ihrem Lieblingsbuch vor: „Ritter Kuno Kettenstrumpf“ von Oliver Pötzsch. Aber ihre Zuhörer sieht sie nicht. Vor ihr steht ihr Laptop, sie schaut in die Kamera. Es ist der Freitag, der bundesweit zum „Vorlesetag“ ausgerufen worden ist. Eigentlich wollte sie das alles in der Tutzinger Buchhandlung Held machen und vorher auch schon in der Weilheimer „Lesbar“. Aber die Internetverbindung hat nicht funktioniert, nun liest sie halt per „Skype“ von daheim in Bernried aus.

Vorlesen war für sie schon immer wichtig. „Marisa, unser Geld ist futsch“ heißt ein Buch von Lore Buro, aus dem ihr ihre vier Jahre ältere Schwester früher oft vorgelesen hatte. Später hat sie sich in ihren Studien der germanistischen Linguistik und der Mittelalterforschung (Mediävistik) auch wissenschaftlich mit diesem Thema beschäftigt. Im vorigen Jahr ist sie auf den 2017 gegründeten Verein „Leselounge“ gestoßen.

Wie sich dessen Initiatoren fürs Lesen einsetzen, das begeistert Klement. Bekannte Autoren, Schauspieler, Moderatoren und professionelle Sprecher sind dabei, so Saskia Vester, Cally Stronk, Alexander Mazza oder Tim Gailus. „Wir wollen für Bücherliebhaber das werden, was ein großer gelber Automobilcub für die Autofahrer ist“: Das hat der Vereinsvorsitzende Mike Petschel in einem Radiointerview als Ziel bezeichnet.

Besondere Idee: SUP-Board und Friseur als Lesestube

In Kindergärten, Schulen, Krankenhäusern und Altenheimen und anderen Einrichtungen versucht der Verein, mehr und mehr aktiv zu werden. Die begeisterten Vorleser beweisen, dass die digitale Welt keineswegs im Gegensatz zur Bücherwelt stehen muss. Aber Kathrin Klement träumt davon, auch „besondere Räume in Tutzing zu Lesestuben zu machen“. Sie bringt auch gleich außergewöhnliche Beispiele: Schiff, Baustelle, Friseur, Nordbad, vielleicht von einem SUP aus.

„Gefühlvolles Vorlesen“, das steht für Kathrin Klement fest, ist für Kinder wichtig, denn damit werde auch „wohlige Wärme verbreitet“. Doch etwa 32 Prozent der Eltern in Deutschland lesen ihren Kindern selten oder nie vor, wie eine „Vorlesestudie“ der Stiftung Lesen, der Wochenzeitung Die Zeit und der Deutsche Bahn Stiftung ergeben hat. Der Verein Leselounge will dagegen halten – wegen der Corona-Einschränkungen zurzeit auch mehr und mehr mit einer „digitalen Leselounge“.

Vorleser werden immer gesucht

Über die Webseite www.LeseLounge-eV.de sind etliche Beiträge abrufbar. Vorleser würden immer gesucht, unterstreicht Kathrin Klement, die sich auch schon im Tutzinger Verschönerungsverein engagiert und den „Lebendigen Adventskalender“ mitorganisiert hat, der heuer ausfällt. Das mit dem Vorlesen könne man sehr gut von zu Hause aus machen. Technisch sei es kein Problem, auch wenn am Freitag bei dem kleinen Auftritt in der Tutzinger Buchhandlung nicht alles geklappt hat: „Zu einer vereinbarten Uhrzeit rufen die Leute von der Leselounge mich an und stöpseln es zusammen.“

Lorenz Goslich

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