Ein Gemälde kehrt heim: Vor zwei Wochen überreichte Birgitta-Maria Hackelsberger (4.v.l.), jüngste Tochter des von den Nazis verfolgten ehemaligen Schloss-Eigentümers Albert Hackelsberger, das „Bildnis einer jungen Dame“ von Sir Thomas Lawrence an den Direktor der Evangelischen Akademie, Udo Hahn. Das Gemälde hatte die Familie aus ihrer Zeit im Schloss bewahrt. Nun soll es „wieder seinen richtigen Platz erhalten“, wie die 84-Jährige sagte.
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Ein Gemälde kehrt heim: Vor zwei Wochen überreichte Birgitta-Maria Hackelsberger (4.v.l.), jüngste Tochter des von den Nazis verfolgten ehemaligen Schloss-Eigentümers Albert Hackelsberger, das „Bildnis einer jungen Dame“ von Sir Thomas Lawrence an den Direktor der Evangelischen Akademie, Udo Hahn. Das Gemälde hatte die Familie aus ihrer Zeit im Schloss bewahrt. Nun soll es „wieder seinen richtigen Platz erhalten“, wie die 84-Jährige sagte.

Kunstobjekte vor dem Hintergrund der NS-Zeit überprüfen

Evangelische Akademie Tutzing lässt dunkles Kapitel aufarbeiten

  • Peter Schiebel
    VonPeter Schiebel
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Die Evangelische Akademie Tutzing erhält als eine der ersten kirchlich getragenen Einrichtungen in Deutschland Fördermittel des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste. Ziel der Forschungsarbeit ist es, ehemalige und aktuelle Kunstobjekte des Schlosses vor dem Hintergrund der NS-Zeit zu überprüfen.

Tutzing – Haben sich hochrangige Nazis oder mit dem NS-Regime verbandelte Wirtschaftsgrößen an Kunstwerken aus dem Tutzinger Schloss bedient? Wurden in der Zeit des Dritten Reiches, spätestens ab 1938, Werke daraus deutlich unter Preis verkauft? Vermutungen gibt es, Beweise bislang nicht. Die erhoffen sich die Verantwortlichen der Evangelischen Akademie Tutzing um Direktor Udo Hahn nun von einem Forschungsprojekt, mit dem eine Historikerin kommenden Monat starten soll.

Das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste hat Ende vergangener Woche insgesamt 2,1 Millionen Euro für zwanzig Projekte zur Verfügung gestellt mit dem Ziel, unrechtmäßig entzogene Kulturgüter in Museen, Bibliotheken und dergleichen zu erforschen. Eines dieser Projekte beschäftigt sich mit dem Tutzinger Schloss, das seit 1949 der Evangelisch Lutherischen Landeskirche gehört und in dem die Evangelische Akademie untergebracht ist. Sie ist damit eine der ersten kirchlich getragenen Einrichtungen in Deutschland, die sich an diesen Forschungen beteiligt und Fördermittel bekommt.

„Es geht uns um Klarheit, Wahrheit, Gerechtigkeit und Aufklärung“, betont Udo Hahn im Gespräch mit dem Starnberger Merkur. Durch zwei Tagungen zur Provenienzforschung (Erforschung der Herkunft und Geschichte von Kulturgütern) sei die Akademie für das Thema sensibilisiert worden. „Besitzansprüche liegen keine vor“, betont er. „Wir wollen Licht ins Dunkel bringen, in das vielleicht dunkelste Kapitel des Schlosses überhaupt.“

Drei frühere Schloss-Besitzer im Mittelpunkt der Forschung

Im Mittelpunkt der Forschung stehen drei frühere Besitzer des Schlosses: der ungarisch-jüdische Kunstsammler Marczell von Nemes (1866-1930), der Unternehmer Albert Hackelsberger (1893-1940) und der Oetker-Inhaber Richard Kaselowsky (1888-1944).

Marczell von Nemes trug Anfang des 20. Jahrhunderts eine gewaltige Sammlung zusammen: Gemälde, Zeichnungen, Grafiken, Skulpturen, Möbel, Tafelsilber, Schmuck, Wandbehänge, Teppiche, Stoffe und kirchliche Talare nannte er sein Eigen. Viele der Kunstwerke befanden sich im Tutzinger Schloss, das Nemes 1921 gekauft hatte und in der Folge prachtvoll ausstatten ließ. Aber vieles ist nicht mehr da. Denn als Nemes 1930 starb, hinterließ er nicht nur seine Sammlung, sondern auch einen Berg Schulden. Um die abzutragen und die Gläubiger auszuzahlen, bedienten sich die Banker, vornehmlich der Dresdner Bank, auch an den Kunstwerken.

Albert Hackelsberger nutzte das Schloss zusammen mit seiner Familie von 1936 bis 1938 als Sommersitz, ehe er von der Gestapo verhaftet und misshandelt wurde und zwei Jahre darauf an den Folgen starb. Richard Kaselowsky schließlich erwarb das Schloss im Jahr 1940. Er gehörte dem einflussreichen „Freundeskreis Heinrich Himmler“ im Dunstkreis des SS-Reichsführers an.

Udo Hahn, Direktor der Evangelischen Akademie Tutzing

Wenn die Akademie nun davon spricht, dass nur noch etwa 49 bis 53 Exponate aus der Sammlung Nemes’ vorhanden sind, stellt sich zwangsläufig die Frage: An wen, wann und vor allem zu welchem Preis wurden die Kunstwerke verkauft? Jedenfalls würden die vorhandenen Werke „in keinem Verhältnis mehr stehen zu dem ursprünglichen Umfang der Kunstsammlungen und Einrichtungen des Schlosses, weder zu Zeiten von Marczell von Nemes noch der Familie Hackelsberger“, sagt Udo Hahn.

Dass die Akademie vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste ausgewählt worden sei, belegt nach Ansicht des Akademieleiters den Aufklärungsbedarf. Auf ein Jahr ist die Forschungsarbeit angelegt, bei der viel Recherchearbeit nötig ist – in Archiven, aber zum Beispiel auch in Auktionskatalogen aus den 1930er- und 1940er-Jahren. Einen „vorsichtigen Blick“ in die Zukunft lässt Hahn schon mal schweifen. „Ich glaube, es ist bei Verkäufen nicht das erlöst worden, was hätte erlöst werden können. Mein Verdacht: Es wurde Druck ausgeübt.“ Wie, wann, von wem und in welchem Umfang? Auch darauf erhoffen sich die Beteiligten Antworten. ps

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