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Gelebte Tradition: Bei der Fischerhochzeit in Tutzing wird alle fünf Jahre die Liebesgeschichte zweier Fischerkinder nachgespielt. Einige tausend Gäste verfolgen das Spektakel mitsamt Festzug, hier im vergangenen Jahr.

Vortrag

Der Dialekt und das Fünfseenland

Der Sprachwissenschaftler Professor Anthony Rowley macht sich Sorgen um den bairischen Dialekt. Am Freitag hält er einen Vortrag in Tutzing

Tutzing – Ein gebürtiger Brite ist Fan und Fachmann der bairischen Sprache. Professor Dr. Anthony Rowley, Sprachwissenschaftler an der LMU München, beschäftigt sich schon lange mit dem Dialekt. Am heutigen Freitag kommt der Wissenschaftler ins Tutzinger Roncalli-Haus (ab 19 Uhr, Eintritt ist frei) und spricht zum 100. Jubiläum des Freistaats darüber, wie es um den bairischen Dialekt steht. Dabei möchte er auf die Besonderheiten des Fünfseenlandes eingehen. Hier muss man sich ein bisschen mehr Sorgen machen als im Rest Bayerns, sagt Rowley. Dem 1953 in Nordengland geborene Professor ist aber nicht bange um den bairischen Dialekt, wie er im Gespräch mit dem Merkur erklärt – aktive Wertschätzung brauche der Dialekt aber durchaus. Der Sprachwissenschaftlicher berichtet auch von seinen Erfahrungen in Pöcking und Herrsching und sagt, worauf er bei seinem Vortrag in Tutzing gespannt ist.

-Wie bedroht ist das Bairische?

Im Grunde bin ich optimistisch. Hier im Fünfseenland sollte man sich allerdings ein bissl mehr Sorgen machen als im Rest Bayerns. Die Zuzügler sind nur einer der vielen Faktoren zugunsten des Hochdeutschen.

-Was bedroht den Dialekt sonst noch?

Wo wenig Vereinsleben stattfindet oder wo das Traditionswirtshaus fehlt, da verwundert es nicht, wenn die jungen Leute sich dem Hochdeutschen zuwenden. Außerdem sind die Kindergärten inzwischen die größte Bremse des Dialekts. Die Schulbehörden sind mittlerweile aufgeschlossen für eine Zweisprachigkeit, was natürlich nicht garantiert, dass diese Offenheit bei jedem Lehrer angekommen ist.

-Waren die Zeiten früher also besser?

Nein. In den Siebzigern war das Klima dem Dialekt gegenüber feindlicher. Auch ist bei jungen Leuten die Bereitschaft zum Umschalten in den Dialekt gewachsen. Die junge Musik im Dialekt ist auch positiv. Bairisch hat eben mehr Ausdrucksmöglichkeiten und mehr Ausdruckskraft. Es gibt Begriffe, da klingt das Hochdeutsche dann halt einfach falsch.

-Was ist das Besondere am Fünfseenland?

Schon seit 100 Jahren sind Orte wie Starnberg oder Tutzing stark vom Münchnerischen geprägt, weil die Großstädter an den See zogen. Gleichzeitig gibt es Besonderheiten, wie das lange „is“ in „du biescht“, „der Hahn auf dem Miescht“, was in einem Kontinuum westlich von Pasing vorkommt und schon Nähen zum Schwäbischen zeigt. Oder „Nussgratsch“ für den Eichelhäher: Ein Wort, mit dem die Gegend um Tutzing ihren Kontakt mit Tirol verrät. Dialekte zeigen Offenheit für Berührungen mit den Nachbarn – es wäre ja auch traurig, wenn es nicht so wäre.

-Müsste man die Erhaltung des Bairischen fördern?

Keinesfalls darf Bairisch statisch werden, denn eine Sprache, die sich nicht wandelt, wäre nicht mehr lebendig. Die Urgroßväter mit ihren vielen Begriffen aus der Landwirtschaft würden wir heute sowieso kaum noch verstehen. Eine Hilfe für das Bairische wäre mehr Wertschätzung für Handwerksberufe und Vereine. Denn dort merken dann auch Gymnasiasten, dass sie mit Hochdeutsch an Grenzen stoßen. Neulich wollte ein Gymnasiast Braumeister werden und hat seine Eltern komplett erstaunt, als er auf einmal Bairisch sprach. Aber bei manchen Berufen gehört Bairisch einfach zum guten Ton. Immerhin aus Pöcking und Herrsching kenne ich einige Leute mit richtigem Stolz auf ihren Dialekt, auf Tutzing bin ich gespannt.

Interview: Andreas Bretting

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