164 Quadratmeter am Starnberger See: Die Gemeinde hatte das gesamte Nordbad-Gelände verpachtet. Auch das Privatgrundstück (roter Kreis)

Frieden am Starnberger-See-Ufer

Kompromiss im Tutzinger Grundstücksstreit

Tutzing - Theresia Vielreicher, 93, hat vor Jahren ein Grundstück am Starnberger See geerbt, die Gemeinde Tutzing hat es ihr weit unter Wert abgekauft. Die Rentnerin nahm sich einen Anwalt. Nun könnte am Seeufer Frieden einkehren.

Es waren aufregende Monate für Theresia Vielreicher. Die Art von Aufregung, auf die sie gerne verzichtet hätte. Der ganze Trubel begann mit einem Brief, in dem ihr der Tutzinger Bürgermeister Stephan Wanner mitteilte, dass ihr auf dem Nordbad-Gelände am Starnberger See ein 164 Quadratmeter großes Grundstück gehöre. Der Chamer Stadtpfarrer Augustin Maierhofer hatte es seiner langjährigen Haushälterin und Köchin Theresia Vielreicher vererbt.

Die Gemeinde Tutzing hatte das gesamte Areal jahrelang verpachtet – nicht wissend, dass ein Stück davon Privatgrund war. Bürgermeister Wanner betont, er habe erst von den Eigentumsverhältnissen erfahren, als er sich wegen eines Nachbarschaftsstreits vergangenen Sommer den Pachtvertrag genauer anschaute. Damals wollte er den rechtswidrigen Zustand bereinigen – und schrieb den Brief. Kurz darauf rief er die betagte Dame persönlich an, um ihr ein Kaufangebot zu machen, erzählt er. Dafür hatte er den Wert des Grundstücks von einem ortsansässigen Makler schätzen lassen. „Die Wertermittlung ist außerordentlich problematisch, weil es sich um ein Unikat handelt“, erklärt Wanner. Die Gemeinde sei damals davon ausgegangen, dass das Grundstück nur 8000 Euro wert sei, weil es nicht erschlossen ist. Vielreicher erbat sich damals Bedenkzeit – und willigte schließlich ein. Erst als sie den Kaufvertrag unterschrieben hatte, erfuhr sie, dass das Grundstück möglicherweise viel mehr wert sei. Das war „ein bisserl ausg’schamt“, sagte sie damals gegenüber der Mittelbayerischen Zeitung, wollte die Angelegenheit aber auf sich beruhen lassen.

Der Tutzinger Bürgermeister war indessen in die Kritik geraten, weil er bei dem Gespräch mit der ehemaligen Pfarrersköchin erwähnt hatte, dass er einst Ministrant gewesen sei. Es wurde ihm als Taktik ausgelegt, der 93-Jährigen das Grundstück unter Wert abzuhandeln. Wanner betont jedoch, dass er erst nach dem geschäftlichen Teil seines Anrufes mit Vielreicher über ihre Tätigkeit gesprochen habe. „Zu dieser Frage fühlte ich mich ermutigt, weil mein Urgroßonkel Stadtpfarrer in Krumbach war und meine Großmutter in seinem Pfarrhof das Kochen und Backen gelernt hat. Sie war es, die mich motiviert hat, Ministrant zu werden.“ Dieses Gespräch sei keine Strategie gewesen, um die alte Dame um den Finger zu wickeln, betont er.

93-Jährige schlägt Bürgermeister Kompromiss vor

Theresia Vielreicher fühlte sich einige Wochen nach dem Kaufvertrag jedoch getäuscht. Sie nahm sich einen Anwalt und forderte von der Gemeinde eine Nachzahlung in Höhe von 96.000 Euro. Wanner wies das als ungerechtfertigt zurück. Einige Monate später sieht es ganz so aus, als würde im Grundstücksstreit Frieden geschlossen werden. In der Gemeinderatssitzung an diesen Dienstagabend wird Wanner dem Gremium einen Vorschlag vorlegen, der eine Einigung bedeuten würde. Inzwischen hat ein von der Gemeinde beauftragter Gutachterausschuss den Wert des Grundstücks auf 46.000 Euro festgelegt. Damit ist der abgeschlossene Kaufvertrag unwirksam. Theresia Vielreicher ließ Wanner mitteilen, dass sie auf den Verkauf des Grundstücks nicht angewiesen sei. Ihre Erben sollen eines Tages entscheiden, was mit dem Seegrundstück passiert.

Aber die 93-Jährige bot Wanner einen Kompromiss  an: Sie wolle das Grundstück für eine Jahrespacht von 2500 Euro an die Gemeinde verpachten. Die Gemeinde würde ihr für die nicht gezahlte Pacht eine Entschädigung in Höhe von 7500 Euro zahlen. „Damit wäre allen geholfen“, sagt Wanner. Die Pächter des Nordbads könnten das Seegrundstück behalten, Vielreicher würde Geld bekommen und der rechtswidrige Zustand sei endlich bereinigt. „Das war mein größtes Anliegen“, sagt er. Er ist optimistisch, dass seine Gemeinderäte dem Vorschlag der Verwaltung heute Abend zustimmen werden. Theresia Vielreicher sagt: „Ich wäre froh, wenn der Streit endlich vorbei ist.“

Katrin Woitsch

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