+
Neues Leben für alte Kalender: Christa Jaworski aus Tutzing fertig Tragetüten, die sie für einen guten Zweck verkauft. 

Kunsthandwerk

Tutzings Kalendertaschentante

Taschen der eigenen Art sind in Tutzing gefragt. Sie bestehen aus Kalenderblättern – jedes Stück eine Einzelfertigung von Christa Jaworski. Sie hat auch eine besondere Beziehung zum Midgardhaus.

Tutzing – Jetzt atmet sie erst mal durch. 80 „Kalendertaschen“ hat die 94 Jahre alte Christa Jaworski in den vergangenen Wochen und Monaten hergestellt. Beim zweitägigen Tutzinger Hobbykünstlermarkt war sie kürzlich mit ihnen wieder vertreten, wie seit vielen Jahren – und am zweiten Tag waren sie bis auf zwei alle verkauft. Zwischendurch musste sie von daheim Nachschub holen. „Da hatte ich glücklicherweise noch welche“, sagt sie. Nun ist der ganze Vorrat weg.

Die gebürtige Düsseldorferin, die mit ihrem gleichaltrigen Mann Joachim seit genau 60 Jahren in Tutzing wohnt, plant nun eine kleine Pause ein, aber dann wird sie sich wieder an die Arbeit machen. Denn Mitte nächsten Jahres wartet der Bernrieder Markt „Kunst im Torbogen“, bis dahin will sie 120 Taschen fertig haben. Und dann ist bald wieder der nächste Tutzinger Hobbykünstlermarkt dran.

Nur bei diesen beiden Gelegenheiten verkauft sie ihre Kalender regelmäßig – für ein, zwei und drei Euro, je nach Größe. An Material fehlt es nicht. Von allen Seiten bekommt die Tutzingerin Kalender geschenkt, quasi ihren „Rohstoff“. Sogar die Tragegriffe fingerhäkelt sie selbst. Den Erlös – heuer waren es 400 Euro, in anderen Jahren auch schon 500 Euro oder mehr – spendet sie seit Jahren an die Lebensgemeinschaft Höhenberg im niederbayerischen Velden an der Vils, in der die Tochter ihrer Freundin Wilhelmina Bosch lebt.

In Tutzing sind die Jaworskis noch für etwas anderes bekannt: die Erhaltung des Midgardhauses. Für die Villa am See, in der sie von 1957 bis 1975  wohnten, haben sie, als das Haus in den 1970er-Jahren einem Hotel weichen sollte, mit einer Bürgerinitiative gekämpft. Viele Gleichgesinnte halfen ihnen dabei, unter ihnen Ex-Schauspielerin Marianne Koch. So ernst ihnen dieses Thema war – sie haben es mit einem Augenzwinkern verknüpft und ihren Protest in eine recht lokalkritische Fassung des Jennerwein-Liedes gepackt, mit dem sie bei einer denkwürdigen Versammlung im „Andechser Hof die angespannte Stimmung“ auflockerten.

Dem Werbefachmann Joachim Jaworski kam dabei seine künstlerische Ader zugute, mit der er vor Jahrzehnten auch einen bekannten Slogan geschaffen hat: „Nimm gutes Mehl, nimm besseres Mehl, am besten nimm gleich Rosenmehl.“ Vielleicht hatte das Paar nicht zuletzt mit dieser nicht ganz bierernsten Art bei der damaligen Tutzinger Kontroverse Erfolg.

Das Midgardhaus steht jedenfalls noch. Mit seinem Wirt Fritz Häring ist es zu einer der bekanntesten Gaststätten am Starnberger See geworden. Etwas stolz darauf sind die beiden immer noch, aber so ein Theater wie damals, das die Tutzinger Kommunalpolitik erschütterte und den Bürgermeisterkandidaten Hubert Hupfauf um die Bewerbung brachte, brauchen sie wohl nicht mehr. Da sieht sich Christa Jaworski doch lieber als „Kalendertaschentante“.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Kleine Kunstwerke und ihre Geheimnisse
Ein Autorenkreis um Professor Ortwin Greis hat ein Buch über den Maler und Lehrer Wilhelm Lehr veröffentlicht.
Kleine Kunstwerke und ihre Geheimnisse
„Das ist etwas für Jahrzehnte“
Der Sieger des Architektenwettbewerbs für die Neugestaltung des Bahnhofsumfeldes in Herrsching steht fest. Ein Büro aus Ulm überzeugt die Jury mit „Einfachheit und …
„Das ist etwas für Jahrzehnte“
Greinwald: Parkgebühren am Bahnhof
Die bisher umsonst nutzbaren Parkplätze am Tutzinger Bahnhof dürften kostenpflichtig werden. Einheimische erhoffen sich dadurch auch eine abschreckende Wirkung auf …
Greinwald: Parkgebühren am Bahnhof

Kommentare