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„Unseren Ort lebendig erhalten“

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Zuversichtlich ins neue Jahr: Tutzings Bürgermeisterin Marlene Greinwald hat 2022 viel zu tun. Bei einigen Gebäuden wie Seehof oder Andechser Hof rechnet sie bald mit Fortschritten.
Zuversichtlich ins neue Jahr: Tutzings Bürgermeisterin Marlene Greinwald hat 2022 viel zu tun. Bei einigen Gebäuden wie Seehof oder Andechser Hof rechnet sie bald mit Fortschritten. © Andrea Jaksch

Zu Beginn ihres fünften Amtsjahres sieht Tutzings Bürgermeisterin Marlene Greinwald etliche Fortschritte, aber auch manchen Zwiespalt. So bei der Polarisierung des Bauens: Zu starke Verdichtung soll es nicht geben - aber nur größere Bauwerke scheinen einigermaßen bezahlbaren Wohnraum auch für weniger betuchte Menschen zu ermöglichen. Im Ortszentrum tritt dieser Konflikt zurzeit deutlich zutage.

Die Nachfolgeplanung für den Edeka-Markt im Tutzinger Ortskern erlaubt einen Vorplatz, aber sie ist einigen Gemeinderäten zu hoch. Was sagen Sie dazu?

Einige Gebäude in der Umgebung werden tatsächlich immer noch höher sein. Dieses „Auf und Ab“ an unserer Hauptstraße, also der Wechsel zwischen giebel- und traufständisch ist durchaus gewollt. Meiner Meinung nach erfüllt die neu vorgestellte Planung diesen Ansatz. Im derzeit gültigen Bebauungsplan ist der Vorplatz, der durch das Abrücken des Gebäudes von der Hauptstraße entstehen soll, schon enthalten. Diesen beabsichtigen die neuen Eigentümer als öffentlichen Platz zur Verfügung zu stellen. Im Gemeinderat sollten wir in den nächsten Wochen entscheiden, ob und wie viel nach EOF geförderter, zusätzlicher Wohnraum entstehen kann. Hiermit würde bezahlbarer Wohnraum in der Ortsmitte entstehen.

Nicht zu hoch und zu dicht bauen, gleichzeitig bezahlbaren Wohnraum schaffen: Sind diese Pole überhaupt zu vereinbaren?

Das ist ein großer Zwiespalt. Die Grenzen unserer Planungshoheit zeigen sich an vielen Stellen in Tutzing. So zum Beispiel von der mittlerweile stark bebauten Waldschmidtstraße bis zur Bräuhausstraße, wo die Gemeinde gerne mehr steuernd eingreifen würde, aber das geltende Baurecht den Investoren diese Spielräume ermöglicht. Viele Menschen wollen nach Tutzing, weil es hier so schön ist. Somit ist der Baudruck schwer zu steuern, aber wir versuchen es zumindest mit 70 in Bearbeitung befindlichen Bebauungsplänen. Wir brauchen dringend erschwingliche und auch kleinere Mietwohnungen. Die Möglichkeit von Mietvergünstigungen in der Ortsmitte wären eine große Chance. Das sollte nicht vergessen werden, wenn für eine niedrigere Bebauung plädiert wird.

Auch die Bebauung des ehemaligen Roche-Geländes gefällt nicht allen.

Bitte nicht vergessen: Wir brauchen Gewerbesteuern, um unsere vielfältigen Aufgaben erfüllen zu können. Ich halte die Neubauten dort insgesamt für eine deutliche Verbesserung zur vorherigen Situation. Ich bedauere allerdings, dass in diesem Gebiet, die Chance auf bezahlbaren Wohnraum vertan wurde.

Der Gemeinderat hat die Erarbeitung einer Strategie mit Leitzielen für den Ort beschlossen. Fehlt es denn daran?

Die Erarbeitung von Leitzielen wäre schon vor zehn Jahren sinnvoll gewesen. Nachbarorte haben damals damit begonnen. Nun machen wir aus unserer Situation das Beste, integrieren die Leitziel- Diskussion in unseren ISEK-Prozess, also das Stadtentwicklungskonzept, und kommen trotzdem bei vielen Themen jetzt schon weiter. Nehmen wir beispielsweise die Sanierung der Grund- und Mittelschule, die schon vor 20 Jahren fällig gewesen wäre. Der Schulcampus mitten im Ort ist ein wichtiger Belebungsfaktor. Mit der Sanierung des ganzen Komplexes schaffen wir unseren Kindern eine wunderbare Schule im Herzen unseres Ortes. Kommen wir zur Sanierung der Ortsdurchfahrt. Was haben wir allein über den Kreisel diskutiert! Jetzt sind alle froh, dass er da ist. Der Straßenverkehr verdeutlicht die Problematik generell: Viele verschiedene Interessen treffen aufeinander und führen zu heftigen Diskussionen. Hier müssen wir im ständigen Austausch bleiben und auch immer wieder Kompromisse finden. So wird es meiner Meinung nach auch beim Tempolimit im Ortskern sein. Die Akzeptanz in der Bevölkerung für solche Maßnahmen steigt und ich bin mir sicher, dass Tempo 30 in den Ortskernen zur Normalität wird. Die Einbeziehung aller Verkehrsteilnehmer ist ein schwieriger Entscheidungsprozess, den wir alle erst lernen müssen. Aber wir werden Lösungen finden, und das Ergebnis ist für uns alle sehr wichtig.

Welche Pläne haben Sie für die verschiedenen Ortsteile von Tutzing?

Hier sollten wir mithilfe von Bebauungsplänen den Charakter der Ortskerne erhalten. Für Unterzeismering beispielsweise gibt es bereits einen Entwurf, der vor der Auslegung steht. Ein offener Dialog mit den Einwohnern wäre hier wichtig. In Traubing scheint eine Lösung für die zentrale Brücke in Aussicht zu stehen, dann wird es endlich mit der Dorferneuerung weitergehen. Von dieser Brückenlösung hängt alles ab. Es ist auch für mich schwer zu ertragen, wie lange das alles dauert. Meine Vision ist: Ich möchte unseren Ort lebendig erhalten. Hier gibt es viele schöne, reizvolle Ensembles, kleine Plätze, schöne historische Bauten und unsere großzügigen Parkanlagen am See. Menschen können sich an vielen Orten begegnen und vor allem auch die Lage am See genießen. Nehmen wir als Beispiel das Thomahaus und den Thomaplatz. Hier werden wir hoffentlich mithilfe des ISEK eine Sanierung planen können. Tutzing ist ein lebendiger Ort. Unsere beiden Akademien bestärken uns in unserem weltoffenen Denken und Handeln und unterstützen unser umfassendes kulturelles Angebot. Unsere Geschäftswelt ist vielfältig, den täglichen Bedarf und vieles darüber hinaus können wir in Tutzing decken. Das reiche Angebot und die persönliche Beratung haben wir spätestens seit Corona besonders schätzen gelernt. Auch ein Firmensitz in unserer Gemeinde sollte durch die Nähe zu München, die gute öffentliche Verkehrsanbindung und die reizvolle Landschaft eine attraktive Option sein.

Das Gewerbe braucht auch Erweiterungsmöglichkeiten. Immer wieder hört man Wünsche nach noch einem neuen Gewerbegebiet in Tutzing. Gibt es dafür Pläne?

Für die Kiesgrube bei Traubing gibt es weiter Überlegungen. Ich gebe die Hoffnung nicht auf.

Tutzing braucht dringend Einnahmen, die Gewerbesteuer ist wichtig. Wie sieht es mit ihr aktuell aus?

Im Jahr 2021 sind die Gewerbesteuereinnahmen der Gemeinde in Tutzing gestiegen. Wir haben einige sehr treue und gute Steuerzahler in Tutzing.

Beim Steuerthema gibt es Vorhaltungen wegen der Zweitwohnungssteuer, die die Gemeinde vom König von Thailand für seine Villa nicht eingefordert hat. Wie sehen Sie das?

Es ist eine Unterstellung, die Gemeinde würde nicht alle Steuerpflichtigen gleich behandeln. Bei der Zweitwohnungssteuer ist das zu Grunde liegende Gutachten überarbeitet worden. Dies findet seit Einführung der Zweitwohnungssteuer in unserer Gemeinde regelmäßig statt. Zu den Anfragen im Rechnungsprüfungsausschuss wird die Verwaltung in einer der nächsten Sitzungen Stellung nehmen.

Nicht wenige Tutzinger Gebäude und Grundstücke, teils in guter Lage, stehen leer – vom Seehof über den Andechser Hof bis zum Minigolfplatz.

Ich würde nicht sagen, dass wir eine Leerstandsproblematik haben. Jeder Fall hat seine eigene Historie. In mehreren Fällen deuten sich schon Lösungen an. Das Seehof-Grundstück ist verkauft, und ich bin zuversichtlich, dass das Konzept, das bereits als Satzungsbeschluss vorliegt, auch so realisiert werden wird. Auch bei mehreren anderen Gebäuden gehen die Planungen und Arbeiten voran: beim Edeka-Nachfolgebau, beim früheren Café Hofmair und auch beim zukünftigen Café Erin neben der Parfümerie. Der Bebauungsplan zum Grundstück des Andechser Hofs wird fortgeführt. Hier hat der Gemeinderat ein Vorgehen analog zum Seehof beschlossen. Wir gehen davon aus, dass der Satzungsbeschluss bald gefasst werden kann. Im Gemeinderat werden gerade alle kommunalen Immobilien und Grundstücke auf ihre Verwertungsmöglichkeiten betrachtet. Dabei geht es vor allem um die spätestens 2025 fällige Finanzierung der Sanierung der Grund- und Mittelschule. Vor Abschluss dieser Diskussion werden wir keine Entscheidung über die Zukunft, zum Beispiel des Minigolfplatzes, treffen können.

Wie geht es denn mit der Mittelschule weiter?

Beginnend mit dem alten Volksschulgebäude wird der gesamte Komplex saniert. Hier schaffen wir die Voraussetzungen für das Recht auf Ganztagsschule ab 2026. Die Mensa wird auf die Versorgung aller Schülerinnen und Schüler ausgelegt sein. Wir freuen uns, dass wir mit der Auslagerung der Mittelschule während der Umbauzeit in Gebäude der Bundeswehr in Feldafing eine gute Lösung gefunden haben. Hier warten wir nur noch auf die Genehmigung durch das Landratsamt, dann kann es losgehen.

In zwei Jahren steht bereits die nächste Bürgermeisterwahl an...

Ich möchte gerne wieder antreten, es ist eine wundervolle Aufgabe. Die Gemeinde Tutzing mit all ihren Menschen liegt mir sehr am Herzen. Die gute Zusammenarbeit mit Gemeinderat und Verwaltung erleichtert vieles. Schade ist, dass seit fast zwei Jahren ein offener und öffentlicher Dialog mit Mitbürgerinnen und Mitbürger nur sehr eingeschränkt möglich ist.

Was wünschen Sie sich für Tutzing?

Mein Wunsch ist es, dass wir alle in Tutzing gut miteinander auskommen. Dass wir dieses besondere Lebensgefühl, die Hilfsbereitschaft und das gute soziale Gefüge erhalten können. Die Herausforderungen des Klimawandels angehen und uns trauen, miteinander neue Wege zu gehen. Der neue Jugendbeirat wird dazu beitragen, der jungen Generation mehr Gehör zu verschaffen.

Das Gespräch führte Lorenz Goslich

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