Christuskirche Tutzing
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An einem 1. Advent vor 90 Jahren geweiht: die Christuskirche. Auch gestern wurde gefeiert.

Christuskirche Tutzing

Vorbildliches Nebeneinander

Die Tutzinger haben am Sonntag das 90-jährige Bestehen ihrer Christuskirche gefeiert – und erinnerten dabei an eine „moderne“ Weihnachtsgeschichte aus der Nachkriegszeit.

Tutzing – In den Nachkriegsjahren waren Wohnungen rar. Umso glücklicher war ein junges Paar, das im Dach der evangelischen Tutzinger Christuskirche eine Bleibe fand. Kurz vor Weihnachten mitten in der Nacht gebar die junge Frau ihr erstes Kind, das dann in der Kirche sein erstes Zuhause fand. Monatelang wuchs es mit Orgelklängen auf – so erzählt es Adelheid Pröbster in der Festschrift zum 80. Geburtstag der Kirche. Zehn Jahre später erinnerte am Sonntag Pfarrerin Beate Frankenberger beim Festgottesdienst zum 90-jährigen Bestehen der Christuskirche an diese Tutzinger Weihnachtsgeschichte und an viele andere Begebenheiten in dieser langen Zeit.

Gerade mal 400 Mitglieder hatte die evangelische Gemeinde zur Zeit des Kirchenbaus. Ein paar von ihnen gründeten 1920 einen Protestantenverein. 1927 beschlossen sie, eine Kirche zu bauen. Sie beauftragten den Murnauer Architekten Gustav Reutter. Trotz der Wirtschaftskrise gelang es, 86 000 Reichsmark zu sammeln. In erstaunlich kurzer Zeit wurde die Kirche von Mai bis Dezember 1930 erbaut. Tutzing, damals als Vikarstelle der Gemeinde Weilheim unterstellt, habe den Oberen „als aufmüpfige Gemeinde“ gegolten, sagte die Pfarrerin. Über eine Christus-Figur entbrannte ein so großer Streit im Kirchenvorstand und in der Kirchengemeinde, „dass die Stifterin beschloss, die Figur aus der Kirche zu entfernen“.

In ihrer Predigt spannte Frankenberger einen weiten Bogen über die Entwicklung, mit starkem Wachstum Tutzings und der evangelischen Gemeinde, Errichtung des Gemeindehauses und Erweiterung der Kirche bis zur Sanierung. Nach mehrmonatiger Bauzeit wurde die vom Münchner Architekturbüro Guggenbichler-Netzer neu gestaltete Kirche am 1. Adventssonntag 2015 eingeweiht.

„Ich finde die Kirche wahnsinnig schön“, sagte der damals für die künstlerische Gestaltung zuständige Christian Hörl, der am Gottesdienst teilnahm und unter anderem eine auffallende Lichtsäule gestaltet hat. Vielleicht, sagte die Pfarrerin, habe die Gemeinde immer wieder Zweifel gehabt, wo die Gerechtigkeit Gottes geblieben sei: „Und ob Christus da war in all den Machtkämpfen mit Weilheim, den Streitereien untereinander, sodass es sogar einmal einen illegalen Kirchenvorstand gegeben hat.“ Aber: „Gott braucht uns als Esel, die geduldig tragen, was manchmal schwer zu tragen ist.“

Zugleich führte Frankenberger den neuen Kirchenvorsteher Dr. Oliver Schelske in sein Amt ein. Der gebürtige Berliner, der auf Magdalena Rebas folgt, ist verheiratet und Vater zweier Kinder. Bevor er 2015 nach Tutzing zog, lebte er in Tübingen und Köln. Der Altphilologe ist Akademischer Oberrat in der Abteilung für Griechische und Lateinische Philologie an der Fakultät für Sprach- und Literaturwissenschaften der Münchner LMU.

Besonders erwähnte Pfarrerin Frankenberger auch die Zusammenarbeit mit der katholischen Kirche. Tutzing lebe eine vorbildliche Ökumene, habe jemand geschrieben: „Wie wahr.“ Die gute Verbundenheit bestätigte Tutzings katholischer Pfarrer Peter Brummer, der nach dem Gottesdienst in St. Joseph und wegen eines Todesfalls später dazukam. „Wir haben für Euch gebetet“, sagte er, „sogar noch vor dem Papst.“ Lorenz Goslich

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