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Vollgas auf die Weide: Die angestaute Energie muss raus, als die Kühe im Galopp auf die grüne Weide rasen. Das macht dem Bauern zwar mehr Arbeit, wird von der Molkerei Scheitz aber auch mit einem höheren Milchpreis belohnt.

Weideauftrieb

Rindsgalopp ins Frühjahr

Nach vielen Monaten im Stall dürfen die Kühe von Biobauer Pulfer endlich wieder auf die Weide. Ein Riesenspaß für die Tiere – und für diejenigen, die sie beobachten.

Tutzing – Milka vollführt Luftsprünge, Pepsi scharrt mit den Hufen und wirbelt eine Menge Staub auf, bevor sie erhobenen Hauptes auf die Weide trabt: Die 23 Milchkühe vom Tutzinger Bio-Bauernhof Pulfer laufen am Gründonnerstag nach einem langen Winter im Stall und auf dem Laufhof zum ersten Mal ausgelassen über das saftige Grün der angrenzenden Wiese.

Ein Fest für Umstehende und Tiere ist das. Und etwas ganz Besonderes in Zeiten, in denen die meisten Kühe aus Gründen der Wirtschaftlichkeit im Stall bleiben müssen, betont Barbara Scheitz, Geschäftsleiterin der gleichnamigen Molkerei. Jedes Jahr feiert die Andechser Molkerei den ersten Weidegang auf einem anderen Hof.

Seit 2009 gehören Josef und Marita Pulfer zu den aktuell 530 Bio-Milch-Lieferanten des Andechser Traditionsunternehmens, übernahmen den bäuerlichen Betrieb 2001. „Meine Schwiegereltern überlegten, den Hof ganz aufzugeben“, erinnert sich die 58-Jährige. Die studierten Geographen überlegten wiederum nicht lange – und initiierten die Umstellung auf Bio. „Wir wollten unsere Familie gesund ernähren und so lag es nahe, den Hof biologisch zu bewirtschaften.“

Idealismus sichert wirtschaftliches Überleben

Die Schwiegereltern schüttelten über so viel Idealismus den Kopf, schließlich war damals der Milchpreisverfall noch kein Thema. Heute stellen viele genau deshalb auf Bio um, so Scheitz. Zum Vergleich: Konventionell gewonnene Milch bringt 33 Cent pro Liter, die Molkerei Scheitz bezahlt brutto 55 Cent. Und wer den Aufwand betreibt, die Tiere auf die Weide zu lassen, bekommt von der Molkerei einen Zuschlag. Schließlich ist der Freigang mit Mehrarbeit verbunden. „Der Zaun muss geflickt, die Flächen bereitgestellt, die Kühe morgens auf die Weide gelassen und abends wieder in den Stall getrieben werden“, veranschaulicht Sohn Sepp die zusätzliche Arbeit.

Unterdessen tobt das Jungvieh durch den eingezäunten Bereich. Unter ihnen Wusel, die schnurstracks auf einen Fotografen zugeht, die Kamera anstarrt und gemüßlich einmal mit ihrer Zunge darüber zieht. Wusel und alle anderen Tiere haben Hörner. Diese abzuschneiden, komme nicht in Frage. „Aus Überzeugung“, sagt der 55-jährige Bio-Bauer Pulver.

Das Horn bleibt dran

Ihm gehe es dabei hauptsächlich um die Kuh. Denn schmerzfrei sei die Prozedur nicht, weiß die Bio-Bäuerin. „Klar gibt es Rangkämpfe, aber die gehören dazu. Aber mehr als ein paar Kratzer gab es noch nie“, versichert Jungbauer Sepp. Vor einer Minute noch vertrieb er Rumba vom Heuhaufen, in den sie jene Hörner gebohrt hatte und übermütig getrocknetes Gras durcheinanderwirbelte.

Draußen geht sie sofort in den Zweikampf, verkeilt ihre Hörner mit denjenigen einer Konkurrentin und schiebt sie weg. Das war’s: Die Rangordnung zwischen den beiden ist geklärt. In der Regel von Anfang April und oft bis in den November hinein grasen die Kühe im Freien. Auch Ilse, die ein Beinleiden hat und selektiv das entzündungshemmende Beinwell frisst, erzählt Marita. 35 bis 37 Kräuter wachsen auf einer Bio-Weide, auf konventionell bewirtschafteten Wiesen zwischen fünf und sieben. Von Michèle Kirner


Bilder: Endlich dürfen die Kühe wieder auf die Weide

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