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Alle fünf Jahre gibt es eine Fischerhochzeit in Tutzing.

Tutzing im Ausnahmezustand

Route, Brautpaar, Regisseur: Alle Infos über die Fischerhochzeit

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    Sebastian Tauchnitz
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Alle fünf Jahre wird am Starnberger See eine Riesenhochzeit gefeiert: 10 000 Tutzinger und noch mal so viele Besucher verheiraten eine Fischerstochter vom Ostufer des Sees mit einem Fischerssohn vom Westufer. An diesem Wochenende läuten wieder die Hochzeitsglocken.

Tutzing– Es ist die Zeit der napoleonischen Kriege. Auch der Tutzinger Fischersohn Michael Gröber muss nach Russland – obwohl er eigentlich als Hoffischer auf dem Starnberger See von der Wehrpflicht freigestellt ist. Damit nicht genug: Michael schafft es nicht mehr rechtzeitig, seine Angebetete Veronika Bierbichler, die vom Ost- ufer des Sees stammt, von seiner Liebe zu überzeugen. Das Drama nimmt seinen Lauf, als Michael aus Russland nicht mehr heimkehrt. Veronika entdeckt nun doch ihre Liebe zu dem Tutzinger Burschen und trauert jahrelang. Es ist aber nie zu spät für die Liebe: Nach Jahren kehrt Michael zurück und kann 1812 seine Braut heimführen.

So schön das klingt: Das Drama mit Happy End ist ausgedacht. Der Tutzinger Heimatpfleger Josefranz Drummer schrieb das Schauspiel und inszenierte es erstmals 1929. Die Freude war damals so groß, dass es die Tutzinger 1935 nochmals aufführten. 1975 belebte der örtliche Trachtenverein, die Tutzinger Gilde, das Spektakel. Seitdem gibt es alle fünf Jahre eine Fischerhochzeit, die der ganze Ort feiert – heuer zum zwölften Mal. Die Bürger feiern mit, die Darsteller der etwas mehr als 20 Rollen kommen zumeist aus alten Tutzinger Familien. Realität und Fiktion können dabei verschwimmen: Diesmal ist Midgardhaus-Wirt Fritz Häring der Wirt im Historienspiel, und der Direktor der Evangelischen Akademie, der Theologe Udo Hahn, darf als Hofmarksrichter das Paar trauen.

Das Spiel setzt mit dem Polterabend am Guggerhof am Abend vor der Hochzeit ein. Das Brautpaar, seine Gäste und die Zuschauer erleben den Hochzeitstag mit Anreise der Braut per Boot vom Westufer, Gottesdienst in der Kirche St. Joseph, Trauung im Tutzinger Schloss und Essen im Festzelt am Rathaus. Dann kommt die Hauptsache: Der rund einen Kilometer lange Festzug mit Brautpaar, Hochzeitsgesellschaft, Trachtenvereinen, Musikkapellen und Tutzingern in Biedermeierkostümen zieht durch den Ort.

Das Brautpaar

Die 24-jährige Theresa Feldhütter spielt Veronika Bierbichler. Ihr Bräutigam Michael Gröber wird von Benedikt Greif (25) dargestellt. Voraussetzung für die Rolle: Die Brautleute müssen aus alten Fischerfamilien stammen. Die Sozialpädagogin Theresa wusste gar nicht, dass sie einem Fischergeschlecht entstammt, bis die Organisatoren sie aufforderten, den Part der Braut zu übernehmen. Darüber kann ihr Bräutigam – er ist von Beruf Produktionsmanager – auch ein Dreivierteljahr später noch lachen. „Du hast das gar nicht gecheckt, gell?“

Er selbst weiß um die Gnade seiner Geburt: Seine Urgroßmutter Maria Zistl war 1929 die erste Fischerbraut. Sie war bereits verheiratet, als sie die Hauptrolle antrat – seit der Wiederaufnahme 1975 sind die Hauptdarsteller stets unverheiratet. Die beiden jungen Tutzinger sind im wirklichen Leben kein Paar. Als Schauspieler empfinden sie sich nicht. „Wir sind halt so, wie wir sind.“ Genau so sehen auch die Tutzinger ihre Fischerhochzeit: Sie veranstalten sie für sich und führen eine Geschichte auf, die sich ein bisschen so anfühlt, als wäre sie wirklich passiert, damals, im Jahr 1812.

Der Regisseur

Michael Fleddermann ist verantwortlich, dass aus dem Stück eine unterhaltsame Inszenierung wird. Der Regisseur und Schauspieler kennt sich am See aus: Er ist im Starnberger Ortsteil Hadorf aufgewachsen. Seine Aufgabe ist dennoch nicht einfach: Am Text von Josefranz Drummer (1887-1959) darf er nichts verändern, das hat der Autor so verfügt. Und er arbeitet mit Laien. Ein Umstand macht es ihm dann doch nicht allzu schwer: „Das Ensemble ist hoch motiviert und engagiert. Da muss ich ihnen ein großes Kompliment machen.“

Fleddermann hat mit allen Darstellern zunächst einzeln geübt, vor allem mit jenen, die viel Text haben. Etwa mit dem Hochzeitslader, dessen Besetzung kurzfristig Sorgen bereitete. Seine Rolle musste drei Wochen vor der Aufführung aus Krankheitsgründen neu besetzt werden. Auch das hat geklappt: Es fand sich jemand, der einspringen wollte und auch noch reiten konnte. „Wir haben an der Sprache, an der Pointierung und den Emotionen gearbeitet“, sagt Fleddermann. Und er hat ein paar Neuerungen eingeführt: Die Schauspieler arbeiten mit Headsets, die Trauungszeremonie wird auf der Terrasse des Schlosses und damit näher am Publikum gefeiert – und auch das Hochzeitsessen findet unter den Augen der Öffentlichkeit im Festzelt statt.

Die Organisatoren

Ein Komitee aus engagierten Tutzingern ist seit fast einem Jahr dabei, die diesjährige Fischerhochzeit zu organisieren. An der Spitze stehen die beiden Bürgermeisterinnen Elisabeth Dörrenberg und Marlene Greinwald, die selbst einer alten Fischerfamilie angehört. Eine solche Großveranstaltung – in dem 10 000-Einwohner-Ort werden noch mal so viele Besucher erwartet – lässt sich nur stemmen, wenn alle mithelfen. „Keine Ahnung, wie viele freiwillige Helfer wir mittlerweile haben“, sagt Zweite Bürgermeisterin Elisabeth Dörrenberg. „Es werden bestimmt an die 300 sein.“

Dass alle an einem Strang ziehen, ist überall im Ort zu sehen: „Häuser, die seit vielen Jahren keine Blumen mehr gesehen haben, hängen heuer voller Geranien“, sagt Dritte Bürgermeisterin Marlene Greinwald. „Die Malerbetriebe haben in Tutzing reichlich Überstunden geschoben, so viele Fassaden sind in den vergangenen Wochen noch schnell frisch gestrichen worden.“ Neben dem eigentlichen Fest gibt es viel Drumherum zu organisieren: die Straßensperrungen, die Parkplätze. Erstmals musste die Gemeinde Tutzing auch ein Sicherheitskonzept erstellen. Eine Folge: Im Zelt und im Schloss kann es Taschenkontrollen geben, und Lastwagen werden den Festzug abriegeln.

Die Kostümwächterin

Bei einem Historienspiel sollte es historisch zugehen – da müssen die Details stimmen. Die Frau für diese Details ist Marion Fröhlich. Die 48-Jährige überprüft die Kostüme der Schauspieler und der Festzugteilnehmer. Viele kommen in Fischertracht, die Marion Fröhlich zur Genüge kennt. Sie war sechs Jahre lang Trachtenwartin beim Trachtenverein Tutzinger Gilde. Sie weiß also, was angemessen ist und was nicht. „Braune Schuhe zur Tracht gehen gar nicht“, sagt Fröhlich. Dafür ist für alle Fischertracht-Träger der schwarze Flor am Hals obligatorisch, eine Art Kragenschutz.

Auch die Biedermeierkostüme der gräflichen Herrschaften sind durch die Kontrolle von Marion Fröhlich gegangen, damit niemand historisch unkorrekt im Sisi-Gewand unterwegs ist. Die Damen tragen Lockenfrisur und Kleider mit hoher Taille, die Herren brauchen Rock und Zylinder. Damit Michael in historisch passender Gesellschaft seine Veronika heiraten kann.

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