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Jetzt ist Gesang gefragt: Die Zoologin Lisa Trost montiert Mikrofone an der Voliere der Zebrafinken. Dr. Andries ter Maat hilft ihr.0

Max-Planck-Institut für Ornithologie öffnet seine Pforten

Verhaltensforschung bei Vögeln: Singen für die Wissenschaft

Es liegt ein wenig abgeschieden und geheimnisvoll mitten im Wald bei Andechs. Doch im Max-Planck-Institut für Ornithologie geht es gerne mal laut zu. Auch in der Vogelwelt dreht sich alles um Liebe, Fremdgehen, Schlafen bei der Arbeit – und sogar Leben in der Rente. Ein Besuch.

Seewiesen – Die Zoologin Lisa Trost öffnet zwei der mannshohen Boxen nur einen Spalt. Und es geht sofort los. Ohne sich zu sehen, schwatzen die Zebrafinken lauthals in ihrem fröhlich-witzigen Gesang. „Das heißt jetzt: Wer ist noch da? Ich bin da“, erklärt die Zoologin. „Die reden grade nur zum Spaß.“ Einer der graublauen Vögel – er fällt durch einen lustigen Punk-Schopf auf – ist besonders laut. „Seine Partnerin scheint recht zufrieden mit ihm“, erklärt Trost. „Sonst säße sie nicht so nahe bei ihm auf der Stange.“

Männer und Frauen und die Sangeskunst – das ist Thema einer von vielen Studien des Max-Planck-Instituts für Ornithologie (MPIO) in Seewiesen (Kreis Starnberg). Wissenschaftler wie Lisa Trost erforschen unter Führung eines der Institutsdirektoren, Professor Manfred Gahr, wie die Zebrafinken Singen lernen. Soviel sei verraten: Die Männchen können es besser. Die Weibchen haben im zuständigen Gehirnareal weniger Nervenzellen, sie haben nur angeborene Rufe drauf und lernen nicht mehr. Klar, die Damen müssen ja nicht beeindrucken wie die Männchen.

In dem Institut in Seewiesen geht es weniger, wie manche meinen, um Vogelbestände oder die Beobachtung ökologischer Probleme. „Wir kriegen oft Anrufe von Leuten, die sagen: Wir haben einen Vogel, der aus dem Netz gefallen ist, könnt ihr den aufnehmen“, erklärt Sprecherin Sabine Spehn. „Da können wir leider nichts machen.“ Denn: In Seewiesen wird Grundlagenforschung betrieben. „Dem Anwenden muss das Erkennen vorausgehen“, sagte Namensgeber Max Planck. „Wir beschäftigen uns mit Lernen und Verhalten – und zwar am Modell Vogel“, erklärt Trost.

Ein wenig abgeschieden im Wald liegt das MPIO in Seewiesen. Nur gelegentlich verirren sich Touristen dorthin.

Das MPIO in Seewiesen sticht unter den 83 Max-Planck-Instituten, die sich meist in Metropolen befinden, ein wenig heraus: Es liegt einsam im Wald bei Andechs. 30 Hektar unberührte Natur. Davor der idyllische Eßsee. Gelegentlich entdecken Touristen den See auf der Karte. Vor dem Stahltor ist jedoch zur Irritation der Badefreudigen der Weg zu Ende. Der Grund für die naturnahe Lage: „Gründervater Konrad Lorenz stellte 1954 zwei Bedingungen: zum einen die Nähe zu München, zum anderen ein See vor der Haustür“, erklärt Spehn. Denn der Verhaltensforscher beschäftigte sich mit Graugänsen – seine „Erziehung“ des Gänsekinds Martina ist legendär. Die heutigen Studien würden Lorenz sicher auch begeistern: Die Seewiesener erforschen, wie Vögel während des Fluges schlafen können. Dass Küken, deren Eltern sich freiwillig – also aus Liebe – paaren, fitter sind als die aus „arrangierten Ehen“. Dass Strandläufer Speed-Dating praktizieren. Oder wie untreu Blaumeisen wirklich sind. Forschung, die durchaus Bezug zu unserem Leben haben kann: Die Flugrouten von Zugvögeln verraten viel über den Klimawandel.

An Lorenz erinnert heute wenig. Das „Gänsehaus“, wo er einst die Vögel beobachtete, gibt es noch, es wird derzeit saniert. Auch das einstige Wohnhaus Lorenz’ wird noch genutzt: Im Wohnzimmer mit offenem Kamin befindet sich heute das Büro von Institutsdirektor Bart Kempenaers. Lorenz machte seinerzeit Schwimmstunden mit Gänsen. Heute steht den Wissenschaftlern viel moderne Technik zur Verfügung. Wie etwa bei der Erforschung der „Gesangsstunden“ der Zebrafinken: Sie bekamen einen Mikrofonsender sowie einen winzigen Rucksack angelegt. Der Gesang wird per Antenne empfangen und aufgenommen. Am Computer werden die Vogelstimmen dann ausgewertet. Neben den rund 70 Forschern arbeiten in Seewiesen aber auch Schreiner, Elektroniker oder Maschinenbauer. „Sie bauen die Technik nach den Vorstellungen der Wissenschaftler“, erklärt Spehn. Wie die „Smart Nest Box“: Mittels Lichtschranke und winzigen Transpondern an den Tieren wird dokumentiert, welcher Vogel wie oft und wann in den Nistkasten flog. Die Forscher bekommen so Rückschlüsse auf das Brutverhalten. „Wir haben zehn Jahre an dem Gerät gearbeitet und testen derzeit, ob es sich vermarkten lässt“, sagt Diplom-Ingenieur Peter Loës. Ein möglicher Einsatz wäre in der Nutztierhaltung.

Aber nicht zu vergessen: Es geht hier um Vogelkunde. Darum gibt es neben den 167 Mitarbeitern jede Menge Vögel, die hier leben. Rund zweitausend Zebrafinken und 400 Kanarienvögel aus eigener Zucht. „Wir haben sogar eine Wohngruppe für die ganz alten Vögel“, sagt Spehn. Eine akademische Alten-WG also, in der fröhlich gesungen wird. Vielleicht auch etwas, von dem wir Menschen lernen können.

Klaus Mergel

Tag der offenen Tür

Am Samstag, 8. Juli, präsentieren die Wissenschaftler des MPIO bei einem Tag der offenen Tür mit Vorträgen, Führungen und Filmbeiträgen Einblicke in ihre Arbeit. Für die kleinen Forscher gibt es eine Kinderuniversität mit Ständen zum Mitmachen und Spielen. Zusätzlich gibt es eine Ausstellung über die Geschichte des Forschungsstandorts und ein Vogelquiz. An kulinarischen Verkaufsständen kann man sich zwischendurch stärken. Für die Besucher gibt eine Busverbindung mit erhöhter Taktung (Linie 951) ab Starnberg Nord.

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