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Rauten-Malen für die Brauchtums-Pflege.

Vorzeige-Projekt: Hier lernen die Kleinen Bairisch

Starnberg - Immer weniger Kinder im Freistaat sprechen bairisch, vor allem in Städten stirbt der Dialekt langsam aus. Dagegen steuert ein Projekt in einer Starnberger Kindertagesstätte – die Kleinen werden zweisprachig betreut. Nicht zum Selbstzweck, sondern weil es die Kinder zusätzlich fördert.

Jonas, 5, weiß, was Bairisch ist. „Oachkatzlschwoaf“, sagt der Bub, ein waschechter Starnberger. „Und goibe Ruam“, ruft Oscar, sein Freund in der Katholischen Kindertagesstätte St. Nikolaus, hinterher. Die Kinder kichern und malen mit blauen Buntstiften weiter Rauten aus – Rauten im bayerischen Wappen. Jonas und Oscar sind zwei von 98 Kindern in dem Kindergarten am Stadtrand von Starnberg. Die Einrichtung ist etwas Besonderes – denn seit Beginn des neuen Schuljahres wird dort der bairische Dialekt gefördert. Es gibt ein ähnliches Projekt in einer Kita in Denkendorf (Kreis Eichstätt), doch die Starnberger Konzeption ist bislang einzigartig.

Die Idee kommt von Nadine Wackerl, der Leiterin der Kita. Die 31-Jährige ist Starnbergerin, Mitglied im örtlichen Trachtenverein – und spricht von Herzen gerne Bairisch. Die Erzieherin ist verheiratet mit einem Thüringer. „Unsere Tochter Celina wächst zweisprachig auf – Thüringisch und Bairisch“, sagt Nadine Wackerl und lacht. Bei den Trachtlern kam vor ein paar Monaten eine Diskussion über Sprache auf: Nicht mal mehr im Kindergarten lernen die Kleinen Bairisch, beschwerten sich Wackerls Bekannte. Die 31-Jährige begann, sich über das Thema Gedanken zu machen. Als sie im Urlaub am Strand lag, fiel der Erzieherin plötzlich ein: In jeder der drei Kindergarten- und zwei Krippen-Gruppen spricht mindestens eine Kollegin Dialekt. Nach den Sommerferien beschloss das Team, Bairisch auf den Stundenplan zu setzen. Zunächst mussten die Eltern überzeugt werden – eine Mutter beschwerte sich, wollte nicht, dass ihrem Kind Dialekt aufgezwungen wird. „Aber wir machen ja keinen Frontalunterricht“, erklärt Nadine Wackerl. Doch wie läuft die Mundart-Pflege bei den Kleinen?

Die Kinder in St. Nikolaus sind altersmäßig weit auseinander, die jüngsten sind erst acht Monate, im Vorschulalter sind einige schon sechs Jahre alt. Ohne groß Unterricht zu halten oder auf das Alter oder Entwicklungsstand zu achten, redet das Personal Bairisch – zumindest der Teil, der es beherrscht.

Johanna Lutz zum Beispiel. Die Kinderpflegerin kommt ursprünglich aus Steingaden im Kreis Weilheim-Schongau. Anders als in ihren ersten Berufsjahren verbirgt sie jetzt ihre Muttersprache nicht mehr. Johannas Gegenpart ist Erzieher Sven – er kommt aus Baden-Württemberg und spricht hochdeutsch. So hören die Kinder in der Gruppe jeden Tag praktisch zwei Sprachen – sie können die eine oder andere annehmen, müssen es aber nicht. Durch die unbewusste Zweisprachigkeit wird das abstrakte Denken gefördert, weiß Nadine Wackerl: „Das Erlernen einer Fremdsprache zum Beispiel wird ihnen später einmal leichter fallen.“ Mit diesem Argument der zusätzlichen Förderung gewann Nadine Wackerl die Eltern für das Projekt: „Die hätten es nicht akzeptiert, wenn wir gesagt hätten ,Die Kinder lernen Bairisch, weil wir hier in Bayern sind‘.“

Nur mit Dialektsprechen ist es in St. Nikolaus nicht getan. Auch traditionelle Bräuche werden erklärt: Erst vor kurzem war die Vorschulgruppe in Raisting (Landkreis Weilheim-Schongau) – dort lernten die Kinder, was eine Kirtahutschn ist. Mit einem Bäcker zusammen drehten sie Brezn, die bei einer Leberkas-Brotzeit im Anschluss gleich verspeist wurden. Für die St.-Martins-Fest-Vorbereitung hat der Sprachpfleger Sepp Obermeier, der von der Starnberger Initiative hellauf begeistert ist, schon ein Mundart-Lied geschickt: „Sankt Martin war a guada Mo“, heißt es darin.

Am Maltisch, in der Gruppe um die Buben Jonas und Oscar, wird jetzt auch gesungen – und zwar ohne, dass Johanna Lutz das angeregt hat. Ein Kind fängt leise an: „De Radl vom Bus, de drahn sie rumadum...“

Die anderen stimmen ein, egal, ob sie von Haus aus hochdeutsch oder bairisch sprechen. Kinderpflegerin Lutz hat ohnehin festgestellt, dass fast alle Kinder an der Tür der Kita ihren Dialekt ablegen – aus einer Art Gruppenzwang heraus. 

 Was „Sprache“ bedeutet, oder was „Bairisch“ ist, das freilich wissen die Kinder nicht. Und doch hat das Projekt schon nach kurzer Zeit Erfolg: Die ersten Kinder sagen im Umgang miteinander schon mal „Jetz herst auf!“ oder „Naa!“ Und zum Abschied, da hört man immer seltener „Tschüss“ – aber immer öfter „Servus“ oder „Pfiadi“.

Carina Lechner

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