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„Ich bin froh, hier zu sein“, sagt Mazlum Amo im Gottesdienst. Er ist aus Syrien geflüchtet und in Tutzing herzlich aufgenommen worden. Ähnlich geht es der Familie Hussain (links) und Osman Jah (rechts). Ihre Geschichten machen nachdenklich – und sie haben die Gemeinde positiv verändert, findet Pfarrer Peter Brummer.

Christen und Muslime feiern gemeinsam

Weihnachten mit Flüchtlingen: Tutzing leuchtet in der Heiligen Nacht

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München - In vielen Gemeinden ist Weihnachten dieses Jahr ein ganz besonderes Fest. Weil sie in ihrer Mitte Menschen aufgenommen haben, die aus ihrer Heimat flüchten mussten. Tutzing ist eine solche Gemeinde. Hier sitzen an Heiligabend Christen und Muslime gemeinsam am Tisch.

Es wird still in der Kirche, als Pfarrer Peter Brummer Mazlum Amo das Mikrofon reicht. Der 26-Jährige tritt ein paar Schritte nach vorne und zieht einen Zettel aus seiner Jackentasche. Die Worte, die er heute sagen will, sind ihm so wichtig, dass er sie aufgeschrieben hat. „Mein Name ist Mazlum, ich komme aus Syrien und bin Kurde“, liest er in flüssigem Deutsch vor. „Ich lebe seit 15 Monaten in Tutzing und hoffe, dass ich hier bald eine Wohnung finde. Ich bin froh, hier zu sein. Danke. Danke für alles.“

Mazlum Amo hat diese Sätze vor 200 Schülern gesprochen, die gerade in St. Joseph ihren Weihnachtsgottesdienst feiern. Es hat ihn ein wenig Überwindung gekostet, vor so vielen Menschen zu reden. Und doch hat er nicht mal überlegt, als Pfarrer Brummer ihn gefragt hat. Er hat in den vergangenen 15 Monaten viel Zeit in der katholischen Kirche hier am Starnberger See verbracht. Nie hat es eine Rolle gespielt, dass er kein Christ ist. Die Türen in St. Joseph standen ihm immer offen.

Anfangs, erzählt er, hat er im Gottesdienst natürlich kein Wort verstanden. Er hat still für seine Familie in Syrien gebetet, eine Kerze angezündet. Und er hat es genossen, sich nicht so allein zu fühlen. Auch heute ist er nicht allein. Neben ihm steht Abdul Hussain mit seiner Frau und seinem Sohn. Die Hussains sind aus Afghanistan geflüchtet. In nur vier Monaten in Tutzing haben sie so gut Deutsch gelernt, dass sie sich im Gottesdienst vorstellen können. Auch Osman Jah spricht ein wenig Deutsch. Aber er ist nervös heute, deshalb erzählt er in der Kirche lieber auf Englisch von seiner Flucht aus Sierra Leone über das Mittelmeer.

Die Realschüler hören aufmerksam zu. Dann beginnen sie zu klatschen. So laut, wie in einer Kirche selten geklatscht wird. Es ist kein höflicher Applaus – sondern einer, der Mut machen soll. Und ein Zeichen der Anerkennung. Pfarrer Peter Brummer lächelt ein stilles, unbemerktes Lächeln, während er das beobachtet. Er liebt diese Momente. „Die meisten Jugendlichen haben von den Flüchtlingen in unserer Gemeinde gehört, aber viele sind noch keinem von ihnen begegnet“, sagt Brummer. Er ist überzeugt: Das ist gerade ein Augenblick, in dem sich Türen öffnen. Jetzt gerade geht es nicht um Flüchtlingsmassen – sondern um einzelne Menschen. Um ihre Nöte und Ängste.

Die Zahl der Flüchtlinge hat sich in Tutzing 2015 fast verfünffacht. Vergangenes Weihnachten hat die Pfarrei alle 50 Asylbewerber zum Essen eingeladen. Dieses Jahr leben 240 Flüchtlinge in der 9500-Einwohner-Gemeinde. Die meisten von ihnen sind keine Christen, sie feiern Weihnachten nicht. „Aber sie alle spüren, dass es für uns eine besondere Zeit im Jahr ist und ein besonderes Fest“, sagt Brummer.

Für Osman Jah ist es das erste Weihnachten in seinem Leben. Er ist Muslim – aber er nimmt an fast jedem Gottesdienst in St. Joseph teil. Er lebt seit fünf Monaten im Kirchenasyl, weil er nach Italien abgeschoben werden sollte. Italien ist das EU-Land, in das er zuerst eingereist war. Nach der Dublin III-Verordnung muss dort über seinen Asylantrag entschieden werden, erst nach sechs Monaten geht die Zuständigkeit für das Asylverfahren auf Deutschland über. Doch Osman war mit einer zertrümmerten Hüfte von Afrika nach Europa geflüchtet. „Er konnte vor Schmerzen kaum laufen, als er hier ankam“, erzählt Angelika Pfaffendorf, die sich im Tutzinger Helferkreis engagiert. In Italien hätte niemand die Operation finanziert – deshalb hat die Kirchengemeinde ihn aufgenommen und vor der Abschiebung bewahrt. Den Heiligen Abend wird er gemeinsam mit Pfarrer Brummer feiern. Zwischen dem Abendsgottesdiensten und der Christmette gibt es ganz traditionell Kartoffelsalat und Würstchen. Für Osman Würstchen aus Geflügelfleisch – die hat der Pfarrer längst organisiert.

Aber in Tutzing sind nicht nur die Kirchentüren für die Flüchtlinge geöffnet. Einige Familien laden an den Weihnachtsfeiertagen Flüchtlinge zu sich nach Hause ein. „Den Tisch zu teilen ist eine große Geste“, sagt Pfarrer Brummer. „Das hat auch in anderen Kulturen eine wichtige Bedeutung.“ Außerdem hat die Pfarrei viele Spenden bekommen, um ein Weihnachtsessen für die Flüchtlinge zu organisieren. Wieder einer dieser Tage, an denen Pfarrer Brummer viel gelächelt hat. An dem er besonders stolz war, in dieser Gemeinde Pfarrer zu sein. „Der Grundwasserspiegel der Solidarität war in Tutzing immer hoch“, sagt er. „Aber im letzten Jahr ist er noch einmal deutlich gestiegen.“ Die Flüchtlingskrise hat die Gemeinde positiv verändert, findet er.

Es wird ein besonderes Weihnachten werden in Tutzing. Der kleine Mohammed aus Afghanistan wird im Gottesdienst das Jesuskind in die Krippe legen. An einigen Tischen werden Christen und Muslime gemeinsam beim Festessen sitzen. In vielen Familien wird für Menschen gebetet werden, die verfolgt werden oder um ihr Leben fürchten müssen. Geschichten wie die von Mazlum Amo, Osman Jah oder der Familie Hussain machen Weihnachten in diesem Jahr zu einem nachdenklichen Fest. „Es gibt Krisen, die erschüttern so sehr, dass wir tief in uns das Fundament und die Grundwerte wiederentdecken“, sagt Pfarrer Peter Brummer. „Genau das erleben wir gerade.“

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