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Zwischen Vasen aus den 50er Jahren: Erich Rüba (l.) und Olaf Nie.

Gemeindegalerie Weßling

Von der Tütenlampe bis zum Brezenhalter

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Seit gut einem Jahr gibt es im alten Rathaus an der Hauptstraße in Weßling die Gemeindegalerie. Derzeit ist in den lichten Räumen – verwoben mit der ständigen Sammlung – die erste Sonderausstellung zu sehen. „Tischkultur der 50er Jahre“ ist sie überschrieben – und ein Fundus für alle Generationen.

Weßling– Dieser Nierentisch. Das verzierte Geschirr. Und die Brezenhalter. Alles schon mal irgendwo gesehen, als Kind, im Alltag bei der Oma oder der Tante: Wer in diesen Tagen in die Weßlinger Rathaus-Galerie findet, den katapultiert es gleich mit Macht zurück in die Vergangenheit. Verzierte Kaffeetassen und schiefe Vasen, Unikate zwischen Kunst und Kitsch, davon haben die meisten auch noch irgendwo etwas im Regal stehen oder im Keller. Jeder Heinz-Erhard-Film war perfektes Produkt-Placement aus dieser Zeit, ein 50er-Jahre-Wimmelbild. In der Weßlinger Galerie zieren derzeit zwischen Erinnerungen an Renoir und historischen Fotografien von Weßling hunderte Vasen, zartes Geschirr, Tütenlampen, Drahtmännchen und eben diese Brezenhalter die Regale.

Erich Rüba, Vater des Museums und sein Kurator, hat sie zusammen mit ihrem Besitzer Olaf Nie in den Räumen mit viel Liebe verteilt. Man kann sich vorstellen, wie viel Spaß die beiden dabei gehabt haben müssen, wie sie das feine Porzellan wendeten und drehten, die besten Plätze für diese unglaublichen Nierentische suchten. Das Geschirr auf ihnen ist zum Teil wunderhübsch und zart, „und sehr zerbrechlich“, weiß Nie. Denn in den 50er Jahren wurde zwar viel produziert, aber die Bowle-Gläser beispielsweise sind viel empfindlicher als die Gläser heute, „und sofort kaputt“.

Ein zerlegter, verstaubter Nierentisch, damit hat eigentlich alles angefangen. Damals wohnte Nie, der in Weßling eine Handbuchbinderei betreibt, noch in Widdersberg. Zuvor war er lange in Germering beheimatet, und geboren ist der 57-Jährige im Ruhrgebiet. In den verstaubten Nierentisch jedenfalls hat sich Nie sofort verliebt, „das war die Initialzündung“. Ab sofort war für Nie alles spannend, was krumme Beine, seltsame Farben und Formen hatte, denn so waren die 50er Jahre: Ein Rausch, das Design verkörperte Instabilität, die Formen waren asymmetrisch und losgelöst von allem, was es vorher gab.

Ende der 50er war dann alle Leichtigkeit verflogen, auch im Design, „die Leute hatten wieder Besitz und etwas, was sie verlieren konnten“. Nie wollten den Dingen nachspüren, wollte verstehen, wie die Eltern gelebt und gefühlt haben, sich über diese Dinge der Generation annähern. Das Design zeigt auch, wie klein die Welt damals war. „Erinnern Sie sich an die kleinen Sinalco-Gläschen – die Flasche hat einen halben Nachmittag gereicht“, sagt Nie, und da muss man dann drüber nachdenken.

Ob ihm die Annäherung an die Eltern gelungen ist, das weiß Nie auch nicht ganz so recht. Tatsache aber ist, dass sie, nachdem sie die Sammelleidenschaft ihres Sohnes erkannt und wohl auch belächelt haben, immerhin von Flohmärkten auch das ein oder andere mitbrachten.

Nie selbst nahm mit, was er fand, oftmals für Pfennigbeträge. „Ahnungslos wie ich war, wollte ich zunächst einmal unterschiedslos alles haben und wissen“, schreibt er in einem Text zur Ausstellung. Er erlebte, wie sich Experten aus der Sammlermasse herausschälten, sich spezialisierten auf die verschiedenen Materialien von damals, Keramik, Resopal, das noch teure Plexiglas, Metall und Holz. Und wurde selbst zum Experten, dessen Wohnung und Garage sich allerdings dramatisch auch mit Dingen füllte, die zum Teil nicht mal mehr gekonnter Kitsch waren.

Nie trennte sich auf einen Schlag von bis zu 80 Prozent und behielt nur die „besseren“ Stücke und Dinge, „die mir für den Normalhaushalt typisch erschienen“. Aus dieser Zeit stammt auch eins seiner Lieblingsstücke, das aber nicht in der Gemeindegalerie zu sehen ist: Eine dreieckige Armbanduhr der Firma Hamilton, die 1957 die erste Armbanduhr der Welt mit einem elektromechanischen Werk herstellte. Nie entdeckte in den 90ern bei einem Händler in Schwabing eine Original-Replik. „Ich war glücklich.“

Heute ist wieder alles anders: In namhafte Museen hat es das Design der 50er längst geschafft. Später kam dann die Internet-Versteigerungsplattform Ebay. „Das war eine unglaubliche Kläranlage für Designstücke“, sagt Nie.

In die Galerie in Weßling hat er nun zusammen mit Rüba zwölf Kisten geschleppt, voll mit großen und kleinen Schätzen, die in Regalen zwischen Gemälden und Skulpturen stehen und liegen. Da kann man stundenlang schauen und sich wundern und erinnern.

Eine ganze Vitrine ist gefüllt mit diesen ulkigen Brezenhaltern, ein Stück Partykultur aus der Zeit der Käseigel. So was gab es damals also tatsächlich: Ein Gläschen für die Salzstangen mit einer lange Stange, auf der sich die kleinen Brezen aufreihen ließen. Verrückte 50er. Sammler Nie freut sich selbst an diesen Sonderlingen aus Glas und Metall. „Das hier ist Alltagskultur“, sagt er. „Und zwar nicht von Konrad Adenauer, sondern von den ganz normalen Leuten.“

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