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Eine Startrampe für Start-ups

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Von: Hanna von Prittwitz

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Erklärten, was es mit der Transportrakete von „The Exploration Company“auf sich hat (v.l.): Victor Ertl, Sören Mohrdieck und Andrea Jaime.
Erklärten, was es mit „The Exploration Company“auf sich hat (v.l.): Victor Ertl, Sören Mohrdieck und Andrea Jaime. © Photographer: Andrea Jaksch

Trägerraketen für Weltraumexperimente und Drohnen, die mit Wasserstoff betrieben werden: Das sind nur zwei von rund 20 Start-ups, die derzeit im AZO Anwendungszentrum am Sonderflughafen Oberpfaffenhofen zu finden sind. Jetzt fand eine Art Tag der offenen Tür statt.

Oberpfaffenhofen – Hochbetrieb herrschte diese Woche in der AZO Anwendungszentrum GmbH Oberpfaffenhofen im Air Tech Campus am Sonderflughafen. Erst im Frühjahr haben Geschäftsführer Thorsten Rudolph, die kaufmännische Leiterin Stefanie Herrmann und ihre Crew die rund 1000 Quadratmeter im Gebäude direkt neben dem Flughafen-Eingang bezogen. Das wurde jetzt gefeiert. Die Geschichte des AZO reicht indessen viel weiter zurück.

Anwendungen aus der Raumfahrt in den menschlichen Alltag zu überführen – dafür wurde 2004 der erste bayerische Raumfahrt-Inkubator im Namen der Deutschen Raumfahrtagentur im Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) und mit Unterstützung des bayerischen Wirtschaftsministeriums gegründet. „Ziel des AZO war und ist, Innovationen und Technologietransfers bei Start-ups in erfolgreiche Unternehmen zu begleiten“, erklärt Rudolph (56), AZO-Geschäftsführer seit der ersten Stunde. Vor dem Einzug in das neue Gebäude befand sich das AZO im Argelsrieder Feld, dann im Asto-Park. „Hier bleiben wir jetzt“, sagt Rudolph. Auch wenn die 1000 Quadratmeter Platz schon nicht mehr reichen. „Aber es gibt genug Erweiterungsmöglichkeiten am Flughafen.“

Bevor die jungen Firmen im AZO bei Rudolph landen, durchlaufen sie ein Bewerbungsverfahren. In Bayern gibt es im Rahmen des sogenannten ESA BIC Bavaria Inkubationsprogramms insgesamt fünf Standorte, die anderen vier befinden sich in Neubiberg, Ottobrunn, Nürnberg und Würzburg. Partner vor Ort sind die Universität der Bundeswehr, Airbus, das Fraunhofer IIS und das Technologie- und Gründerzentrum Würzburg. Experten dieser Partner entscheiden, welche Start-ups unterstützt werden. „Viermal im Jahr kommen neue Firmen zu uns“, erklärt Rudolph. 24 Monate haben die Firmengründer Zeit, auf die Füße zu kommen. „Die Erfolgsquote beträgt 83 Prozent.“ Und auch von den anderen 17 Prozent gingen die wenigsten in Insolvenz. Oftmals würden sie übernommen oder verkauft.

Die Start-ups erhalten eine finanzielle Unterstützung von der Raumfahrtbehörde ESA und vom Freistaat. Mit dem Geld entwickeln sie ihre Prototypen. „Wenn sie hier rauskommen, können sie ein Produkt anbieten“, sagt Rudolph. Allein in Oberpfaffenhofen unterstützen Rudolph und sein Team 20 Firmen im Jahr. Bundesweit sind es bis Ende 2022 insgesamt 13 ESA BICs in sieben Bundesländern. Das gesamte Netzwerk besteht aus 25 Zentren in 19 Ländern und an 80 Standorten.

Anwendungen aus der Raumfahrt sozusagen in die zivile Welt zu überführen, ist das eine. „Aber wir sehen auch, dass viele Start-ups in die Raumfahrt gehen“, erklärt Rudolph. Zum Beispiel „The Exploration Company“. Das Unternehmen baut unbemannte Kapseln fürs All, auf denen sich Firmen für Experimente in der Schwerkraft einen Platz buchen können. Ein erster Demoflug ist für 2024 geplant, 2026 soll der Jungfernflug folgen. 5000 Euro sind pro Kilogramm Material zu bezahlen. Projektentwickler Victor Ertl ist selbst überrascht, wie schnell die Entwicklung möglich war. Und er erzählt am Rande, dass er auch Anfragen von Privatleuten habe, die eine Whiskey- oder Wodkaflasche ins All schießen wollten – sozusagen als Gag. „Aber das werden wir begrenzen, das ist nicht unsere Intention“, betont er.

Aus dem AZO sind die Firmen Lilium und Mynaric bereits als börsennotierte Unternehmen hervorgegangen. Beide produzieren am Flughafen, von seinem Büro aus kann Rudolph die Firmengebäude fast sehen. „An die Börse zu gehen ist eine gute Strategie, weil die Raumfahrt sehr teuer ist. Die USA machen uns das vor“, erklärt er. Ein Beispiel sei Elon Musk, der seine Milliarden in sein SpaceX-Projekt gesteckt habe. „Das findet jetzt bei uns viele Nachahmer“, sagt Rudolph und spricht vom „New space“, der Kommerzialisierung der Raumfahrt.

Insgesamt sind bisher 200 Firmen aus den bayerischen Anwenderzentren auf den Markt gegangen. „Sie haben bislang 1,4 Milliarden Euro an Risikokapital und Börsenkapital eingesammelt, und zwar nur an den fünf Standorten in Bayern“, so Rudolph. Er ist beeindruckt von dem Boom, den die Branche derzeit erlebt. „Und das passiert hier im Landkreis Starnberg, hier am Flughafen. Es ist ein Paradies zum Leben, aber auch ein Paradies zum arbeiten und Geld verdienen.“ Dabei sei der Standort 2004 noch tot gewesen. „Damals war Dornier insolvent und die Frage war: Was nun? Es hätte alles anders kommen können.“ Dafür gebe es heute einen Fachkräftemangel. „Früher arbeiteten bei uns kaum ausländische Mitarbeiter. Heute sind es mehr als 50 Prozent.“

Rudolph hat selbst Luft- und Raumfahrt an der TU München studiert und beim DLR in Oberpfaffenhofen gearbeitet. „Damals entstand die Idee, den Transfer von Technologien über Firmengründungen zu machen. Das war die Strategie.“ Heute begleitet er die jungen Firmengründer. „Wir coachen und beraten sie, damit sie ja keine Bruchlandung hinlegen und keine Fehler machen. Und wir bringen sie mit Kunden zusammen und helfen ihnen, vor Investoren zu pitchen, sich zu präsentieren.“

Aufbruchstimmung ist beim Tag der offenen Tür, offiziell „Housewarming“ genannt, im Airtech-Campus zu spüren. Strahlende Gesichter und auskunftsfreudige junge Gründerinnen und Gründer tummeln sich auf den Fluren und in den Räumen. Dr. Stefan Mändl, Geschäftsführer der Silentwings GmbH, präsentiert in einem Raum eine imposante Drohne, die er gemeinsam mit TQ Systems aus Seefeld entwickelt hat und die mit Wasserstofftechnologie und einer Brennstoffzelle betrieben wird. Im Flur hängen die Namen unzähliger Start-ups, die in den Bereichen Satellitensysteme, Medizintechnik, Umweltschutz, Industrie, Verkehr, Sport, Unterhaltung, Forschung und Luftmobilität Entwicklungen aus dem DLR in die Alltagswelt transferiert haben. „Es ist eine wunderbare Arbeit“, schwärmt Rudolph. „Und sie bringt viel Spaß.“

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