+
Reine Handarbeit: Das betont schlichte Sideboard hat Antonia Beck für ihre Gesellenprüfung selbst entworfen und gefertigt. Dafür hatte sie etwa zwei Wochen Zeit. 

Handwerk

Antonias perfektes Gesellenstück

  • schließen

Frauen im Schreinerhandwerk haben immer noch Seltenheitswert. Antonia Beck weiß das. Sie benötigte fast ein Dutzend Anläufe für einen Ausbildungsplatz. Jetzt hängt sie die Männer ab.

Weßling– Antonia Beck ist eine zierliche, hübsche junge Frau. Ihre langen, leicht gräulich blonden Haare schmückt sie mit einer Art Prinz-Heinrich-Mütze. An einer Hobelbank kann man sich die 22-Jährige nur schwer vorstellen – eher als Modedesignerin oder auch als Maskenbildnerin. In dem Beruf ist auch Antonias Mutter tätig.

Thomas Will versteht nicht, dass seine Schreiner-Kollegen Frauen, die sich für einen Ausbildungsplatz in diesem Handwerkszweig bewerben, auf ihre Konstitution reduzieren. Diese Erfahrung hat auch die junge Weßlingerin machen müssen. Ein ums andere Mal hat sie sich bei der Lehrstellensuche eine Abfuhr abgeholt. „Die haben mir nicht zugetraut, dass ich körperlich der Aufgabe gewachsen bin“, erzählt Antonia. In Gilching ist sie schließlich fündig geworden. Thomas Will hat ihr den Ausbildungsplatz angeboten. Antonia: „Ich habe gar nicht darum betteln müssen.“ Und der kleine Drei-Personen-Betrieb (Meister, Geselle, Azubi) entsprach ganz den Wünschen der jungen Frau: Produktionsschwerpunkt Möbelschreinerei.

Bei der Freisprechungsfeier war sie die einzige Frau unter männlichen Jung-Gesellen

In diesem Jahr hat Antonia Beck ihre Ausbildung abgeschlossen. Bei der Freisprechungsfeier in Starnberg war sie die einzige Frau unter lauter männlichen Jung-Gesellen. Die Statistik der Handwerkskammer München belegt: Frauen führen im Schreiner-Handwerk eher ein Schattendasein. Im Ausbildungsjahr 2016 waren bayernweit von 2806 Auszubildenden 348 Frauen (12,4 Prozent). In den Betrieben der Schreiner-Innung Starnberg wurden im selben Jahr 32 junge Menschen zu Schreinern ausgebildet, darunter fünf Frauen.

Antonia Beck ist stolz auf das Erreichte. Das ist nachvollziehbar: Ihr Gesellenstück, ein Sidebord, ist von der Jury „Die gute Form“ als bestes des Jahrgangs ausgezeichnet worden. Bei der Handwerksmesse im kommenden März in München wird Antonia das Möbelstück am Stand der Schreiner-Innung präsentieren.

Die 22-Jährige will sich weiterbilden. Im Oktober nimmt sie ein Studium in Holztechnik und Bau an der Fachhochschule Rosenheim auf. Sieben Semester wird sie unter anderem Bauphysik, Chemie, Baurecht und Betriebswirtschaftslehre lernen. Das fünfte Semester wird ein Praktikumssemester sein, das die Weßlingerin im Fassadenbau absolvieren möchte. Für ihre berufliche Zukunft hat die 22-Jährige die Latte hoch gelegt. „Ich möchte später einen Betrieb leiten, Möbel entwerfen und produzieren“, umreißt Antonia ihre Ziele.

Eigentlich wollte Antonia Beck Architektin werden

Dabei war die Schreinerei keineswegs ein Wunschberuf der jungen Frau, die mit ihrer jüngeren Schwester noch im Elternhaus in Weßling wohnt. „Ursprünglich wollte ich mal Architektin werden“, verrät sie. Während der Schulzeit hat sie Praktika absolviert, mehr als von der Schule verlangt. Sie war bei einem Design-Unternehmen, in einer Firma, die Fertighäuser herstellt, und im Betrieb eines Onkels – einer Schreinerei. Dort hat sie mitbekommen, „dass Architekten zwar tolle Entwürfe aufs Papier bringen, aber bei der praktischen Umsetzung oft an ihre Grenzen stoßen“, sagt Antonia. Damit war das Architekturstudium aus ihren Gedanken gestrichen.

Nach dem Abitur war für sie zunächst guter Rat teuer, was sie machen sollte. Da kam Antonia das Angebot von Bekannten ihrer Familie gerade recht, auf deren Tauchbasis auf den Malediven zu jobben. Der Tauchsport ist neben dem Skifahren eine Leidenschaft der 22-Jährigen. Diese Leidenschaft teilt sie mit Eltern und Schwester. Drei Monate war sie im Indischen Ozean als Tauchlehrerin tätig.

Leicht war die Ausbildung nicht - dennoch war sie das Richtige

Zurück daheim nahm Antonia ein Jura-Studium auf. „Da kann man immer etwas mit anfangen“, hatte sie sich sagen lassen. Aber nach den ersten Klausuren war ihr klar: Das ist nicht ihr Ding. „Das war mir alles zu theoretisch, ich vermisste das Praktische.“ So landete sie in der Handwerkerausbildung.

Ihr Fazit: „Es war nicht immer leicht in der Ausbildung, es gab manche Missverständnisse. Aber unterm Strich bin ich sehr froh, in diesem kleinen Betrieb gelernt zu haben. Thomas Will ist handwerklich genial und ein super Lehrmeister gewesen.“

Welche Erfahrung nimmt sie mit? „Menschen, die im Handwerk tätig sind, wissen, wie zeitintensiv Handarbeit ist und was sie kostet. Diese Erkenntnis geht vielen Kunden leider ab.“

Zum Tag des Handwerks lesen Sie auch:

Mehr Geschichten aus der Region lesen Sie auch in anderen Heimatausgaben des Münchner Merkur.

Besuch beim Schreiner: Alles aus zwei Händen

Der Beruf des Schreiners ist traumhaft

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Hoch oben auf dem Dießener Münster
Baustellenbesichtigung der besonderen Art: Der Starnberger Merkur war mit Kirchenpfleger Peter Keck oben auf dem Gerüst des Dießener Münsters. 
Hoch oben auf dem Dießener Münster
Trinkgelage endet teuer und schmerzhaft
Das ging schief: Beim Ablöschen eines Lagerfeuers bekamen drei Feiernde in Gilching Probleme. Für einen endete der Abend im Krankenhaus.
Trinkgelage endet teuer und schmerzhaft
Die Dame hat das letzte Wort
„Katharina“ und „Martin“ heißen die beiden neuen Glocken der evangelischen Kirchengemeinde in Berg, die am Sonntag geweiht wurden.
Die Dame hat das letzte Wort
Großeinsatz der Rettungskräfte
Zu einem Großeinsatz rückten Feuerwehr und Rettungsdienst am Sonntagmittag aus - zum Glück war alles nicht so schlimm.
Großeinsatz der Rettungskräfte

Kommentare