Engagierten Hildegard Fichtner als Sängerin: Manfred Sturm, Vorsitzender des Männergesangsvereins Weßling (l.), und Hans Wastian, Vorsitzender des Vereins Sängerlust Oberpfaffenhofen. Die Vereine bestehen beide für sich, bilden aber seit 2012 eine Chorgemeinschaft. Foto: Andrea Jaksch

„Ich bin da so reingeraten.“

„Ich möchte nicht auffallen“: Hildegard Fichtner ist die einzige Frau im Männerchor

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In Zeiten, in denen es in Bayern noch immer Blaskapellen gibt, die keine Frauen zulassen, singt Hildegard Fichtner im Männerchor. Schon bevor die Weßlinger Sänger sie im unterbesetzten Tenor aufnahmen, stand die Gilchingerin mit ihnen auf der Bühne – schweigend.

Gilching/Weßling Schwarze Hose, weißes Oberteil: Das ist Hildegard Fichtner wichtig. „Ich möchte nicht auffallen. Deshalb ziehe ich mich an wie die Männer“, sagt sie. Die Kleiderordnung gibt sich die 70-Jährige aber nur, wenn sie einen Einsatz hat. So wie zuletzt beim Grünsinker Fest in Weßling. Fichtners Einsatzgebiet ist außergewöhnlich: Sie singt im Männerchor – als einzige Frau im Landkreis und ziemlich sicher auch darüber hinaus.

„Ich hätte mich nie beworben, ich bin da so reingeraten“, erzählt Hildegard Fichtner, die in Gilching wohnt. Dort sang ihr Mann Erich 60 Jahre lang im Männergesangsverein. Er liebte die Musik, aktiv war er noch im Monat vor seinem Tod im Jahr 2017. Trotz schwerer Krankheit und im Rollstuhl sitzend. Die größte Unterstützerin: seine Frau. Sie sitzt bei Proben und Auftritten hinter ihm, falls er Hilfe benötigt. In jeder Hinsicht. So macht sie es auch nach dem Wechsel zum Männergesangsverein Oberpfaffenhofen im Frühjahr 2016. Dort und beim Partnerverein in Weßling sind die Räumlichkeiten mit dem Rollstuhl einfacher zu erreichen als in Gilching.

Der Tenor war krankheitsbedingt unterbesetzt

Weil sie eben immer dabei ist, kennt Fichtner das Liedgut der Männer. Eines Tages sind mehrere Tenöre der Chorgemeinschaft Oberpfaffenhofen/Weßling krank. Die Vereinsvorsitzenden Hans Wastian und Manfred Sturm haben eine Idee. Fichtner erinnert sich: „Sie haben gesagt, wenn ich eh schon immer hier rumhocke, dann kann ich auch gleich mitsingen.“

„Wo Musik erklingt, wird Dunkelheit erhellt“, „La Montanara“ oder „Sancta Maria“ heißen die Lieder, bei denen Fichtner nun mittendrin statt nur dabei ist. Anfangs habe sie sich bewusst in die hinteren Reihen gestellt. „Aber die Männer haben mich immer nach vorne geschoben, damit ich den Dirigenten besser sehe.“ Der Nachteil für die, die vorne stehen: „Der Dirigent hört eher, wenn man sich versingt.“

Allzu oft passiert Fichtner das nicht. Nicht nur wegen ihrer langjährigen, passiven Erfahrung. Sie sei sehr fleißig und pflichtbewusst, sagt Manfred Sturm, Vorsitzender des Männergesangsvereins Weßling: „Sie fragt regelmäßig, ob sie die Noten mit nach Hause nehmen darf, um zu üben.“ Gesungen hat die heute 70-Jährige schon immer gerne. Vor allem aber in den eigenen vier Wänden. 

„Den Wums eines Mannes krieg ich natürlich nicht hin“

In Gilching machte sie einst einen Stimmbildungskurs mit, einfach aus Interesse. „Es ging darum, tief zu singen, ohne die Stimme zu strapazieren.“ Mit ihrer Alt-Stimme komme sie nun im Tenor, dem hohen Männergesang, gut zurecht. „Die Töne gehen aus dem Hals, ohne dass ich mich verstellen muss“, sagt Fichtner. „Aber den Wums eines Mannes krieg ich natürlich nicht hin.“

Die Männer wollen sie nicht mehr missen, und ihre Ehefrauen behandeln sie auch gut, erzählt Fichtner. In Zeiten, in denen es in Bayern noch immer Blaskapellen gibt, die keine Frauen zulassen, singt in Weßling eine im Männerchor. Die einzige ist Fichtner vermutlich nicht mehr lange. Den Vorsitzenden treiben Personalsorgen um. Er ist in Gesprächen mit zwei weiteren Frauen, die Interesse haben. Die aktuell rund 20 Sänger sind im Schnitt fast 70 Jahre alt. „Die Hauptsache ist“, sagt Manfred Sturm, „der Verein geht nicht unter“.

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