Fotos als Erinnerung: Dr. Beate Vollmer aus Weßling war ehrenamtlich in Myanmar unterwegs. Die Menschen und das Land haben sie nachhaltig beeindruckt
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Fotos als Erinnerung: Dr. Beate Vollmer aus Weßling war ehrenamtlich in Myanmar unterwegs. Die Menschen und das Land haben sie nachhaltig beeindruckt

Dr. Beate Vollmer aus Weßling unterstützt Ärzteteam im Irrawaddy Delta in Myanmar

Im Einsatz auf der schwimmenden Klinik

  • Simon Nutzinger
    vonSimon Nutzinger
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Die Weßlinger Ärztin Dr. Beate Vollmer war ehrenamtlich in Myanmar im Einsatz. Die Corona-Pandemie verkürzte ihren Aufenthalt, ihre Eindrücke wirken dennoch nach.

Weßling - Die Frau wird sterben. Da ist sich Dr. Beate Vollmer (63) sicher. Zu stark sind ihre Atembeschwerden, zu hoch ist der Blutdruck, zu groß der Gewichtsverlust. „Alles Anzeichen für Lungenkrebs“, sagt die Ärztin aus Weßling. Einzig die Frage nach dem Zeitpunkt des Todes ist noch offen. Doch ist es wirklich ratsam, diesen möglichst weit hinauszuzögern?

Eine Frau Mitte 60 alleine in eine über 100 Kilometer weit entfernte Klinik zu schicken? Zu einer Therapie, die sie weder bezahlen kann, geschweige denn, dass sie eine Gewissheit auf Besserung beinhaltet?

Beate Vollmer sagt Nein. Sie gibt der Frau einige Nahrungsergänzungspillen sowie etwas Medizin an die Hand. Dann schickt sie die Frau zurück aufs Festland, zurück in ihr kleines Dorf in Myanmar. Die Tabletten werden ihren Zustand verbessern, den Tod aufhalten werden sie nicht. Beate Vollmer weiß das und sagt doch: „Es ist besser so. Ich hätte ihr keinen Gefallen getan, sie auf einen Weg zu schicken, der für sie unmöglich begehbar ist. Es geht immer darum, was das Beste im Sinne des Patienten ist.“

Ziemlich genau ein Jahr ist es her, dass die Weßlingerin diese Entscheidung sowie viele weitere dieser Art getroffen hat. Zwölf Tage unterstützte die Gynäkologin und Homöopathin in Myanmar ehrenamtlich das Ärzteteam der Schiffsklinik Polli. Das ganze Jahr über fährt die schwimmende Klinik, wie das Schiff von den Einheimischen genannt wird, Tag für Tag verschiedene abgelegene Dörfer im Irrawaddy Delta an, um dort die Menschen medizinisch zu versorgen. „Eine sehr lohnenswerte Sache“, betont Beate Vollmer. „Anders hätten die meisten Menschen dort keinerlei Zugang zu ärztlicher Betreuung.“

Das Projekt, das von der Artemed-Stiftung in Tutzing geleitet wird, sieht vor, dass ein festes Team burmesischer Ärzte und Pflegekräfte gemeinsam mit wechselnden internationalen Medizinern, wie etwa Beate Vollmer, durch das Delta reist. Ein bis zwei Tage verweilt die Klinik, die drei Behandlungsräume samt EKG-Gerät und Ultraschall sowie ein Labor und eine voll ausgestattete Zahnarztpraxis umfasst, jeweils pro Dorf. Zeit genug für alle Bewohner, mit ihren Beschwerden am Schiff vorstellig zu werden. Dort werden sie zunächst gewogen, dann wird Blutdruck und Fieber gemessen, ehe es zu den Ärzten geht. Anhand eines kleinen Büchleins, das jeder Dorfbewohner mit sich trägt, sehen die Mediziner, welche Vorerkrankungen und Behandlungen diese bereits durchlebt haben – sozusagen ein analoges Pendant zur Computer-Krankenakte.

Die Fälle, die Beate Vollmer dabei begegneten, sind vielfältig. Von Kopfschmerzen, Schlafproblemen, Abszessen und Menstruationsstörungen bis hin zu tödlichen Diagnosen, wie etwa bei der Frau mit Lungenkrebs. Dass es ihr nicht möglich war, dieser Patientin nachhaltig zu helfen, stimmt Vollmer noch immer nachdenklich. „In Deutschland wäre so etwas undenkbar“, sagt sie. Hierzulande wäre die Frau sofort behandelt worden, wären alle Hebel in Bewegung gesetzt worden, sie zu heilen – unabhängig von sozialer Schicht oder Vermögen. „In Myanmar läuft alles anders. Auf derselben Erde, im selben Zeitalter.“

Wie unterschiedlich das Leben und die Herangehensweisen in dem südostasiatischen Staat im Vergleich zu Europa sind, machte sich auch in der Zusammenarbeit mit den einheimischen Ärzten bemerkbar. So zeigte Vollmer diesen etwa den richtigen Umgang mit einem Ultraschall-Gerät. „Gynäkologisch waren sie nicht ganz so bewandert“, räumt die Weßlingerin ein, die seit 1995 eine Praxis in Pasing betreibt. Jedoch profitierte sie auch umgekehrt von ihren burmesischen Kollegen. „Sie haben mir oft gezeigt, dass man die Dinge auch einfacher lösen kann, als wir es gewohnt sind zu handeln.“ So sei ein gewisser Pragmatismus oftmals gar nicht so verkehrt, anstatt alles typisch deutsch vorschriftsmäßig zu zerdenken. Auch vom Umgang miteinander ist Vollmer begeistert. Es herrsche eine „extreme Offenheit“ und kaum Hierarchiedenken. „Jeder hilft sich, bringt seine Fähigkeiten ein“, sagt sie. „Man kann sich sehr aufeinander verlassen.“

Dass Vollmer ihre Zelte in Myanmar nach gerade einmal zwölf Tagen abbrechen musste, war dem damals gerade so richtig in Fahrt kommenden Coronavirus geschuldet. Bis heute sind die Grenzen des Landes geschlossen. Die Ärztin aus Weßling wartet nur darauf, dass sich dieser Zustand ändert. „Sobald es möglich ist, möchte ich wieder zurück“, betont sie. Die Arbeit dort habe sie mit großer Freude und Genugtuung erfüllt. Die Dankbarkeit der Menschen für die medizinische Betreuung sei immens im Vergleich zu Deutschland. „Hier wird schon sehr vieles vorausgesetzt und als selbstverständlich hingenommen.“ Das sei in Myanmar anders. Vollmer unterstreicht: „Die Reaktionen der Menschen geben der Arbeit eine Sinnhaftigkeit.“

Wie es ihren dortigen Patienten derzeit ergeht, vermag die Weßlingerin nicht zu sagen. Auch ihr bleibt nicht mehr übrig, als mit großer Sorge auf die dramatischen Bilder zu sehen, die derzeit tagtäglich aus Myanmar in die Welt hinausgehen. Seit einem Putsch durch das Militär Anfang Februar samt Inhaftierung der Friedensnobelpreisträgerin und Staatschefin Aung San Suu Kyi ist das Land tief gespalten. Vollmer hofft lediglich, dass die Burmesen, die fernab der Hauptstadt Naypyidaw leben, wo sich der Brennpunkt der blutigen Unruhen abspielt, nicht so sehr davon betroffen sind. Sie sagt: „Ich hoffe inständig, dass die Kämpfe bald beendet sind. Die Menschen dort haben so etwas nicht verdient.“

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