Lyrikzeitschrift vorgestellt

Politisch und persönlich: Neuer Gedichtband zeigt Wendepunkte auf

Anton G. Leitner. präsentierte den 26. Band der Lyrikzeitschrift „Das Gedicht“. Das Thema diesmal: „Wende“ - im politischen aber auch im persönlichen Sinn.

Weßling Seit 26 Jahren publiziert Anton G. Leitner jährlich die Lyrikzeitschrift „Das Gedicht“. In der Adventszeit kamen 3000 Exemplare der neuesten Ausgabe aus der Druckerei. Zum allerersten Mal erschien „Das Gedicht“ erst im Dezember ein bis zwei Monate später als gewohnt.

Verleger Leitner und seine Mitherausgeberin Melanie Arzenheimer haben bei der Themenwahl „Wende“ offensichtlich vor einem Jahr in die Glaskugel geschaut. Wie sonst hätten sie vorhersehen können, dass der Lyriker und Verlagschef im vorigen Februar lebensgefährlich erkranken und sein Leben daraufhin eine entscheidende Wende nehmen würde? Ursprünglich zielte die Themenwahl auf den Fall der Mauer ab, der sich heuer zum 30. Mal jährt. „Allerdings wollten wir dabei nicht nur die politischen Aspekte der deutsch-deutschen Wende berücksichtigen, sondern die damaligen Umbrüche zum Anlass nehmen, um auch persönliche Wendepunkte im Leben einer genaueren poetischen Betrachtung zu unterziehen“, schreibt der Weßlinger im Begleitbrief zur 26. Ausgabe.

Die Herausgeber entschieden sich für eine Zweiteilung des Bandes, in der 140 deutschsprachige Lyriker entweder in der Abteilung „Wendepunkte“ für die gesellschaftspolitische oder in der Abteilung „Der poetische Dreh“ für die persönliche Aufarbeitung des Themas sorgen. Und deshalb lässt sich der 26. Gedicht-Band auch wortwörtlich auf den Kopf stellen. Das erklärt sich damit, dass Leser sich entweder vom „poetischen Dreh“ auf die Mitte hinarbeiten oder das Werk eben auf den Kopf stellen und ihre Lektüre unter dem Aspekt „Wendepunkt“ beginnen können.

Arzenheimer nahm den persönlichen Blickwinkel unter ihre Fittiche. Aber „Ein/Wenderoman // ist kein/Drehbuch“, ermahnt Lyriker Jan-Eike Hornauer im Einstieg. Dennoch löst so manch verdichtetes Gedankengut beim Leser ein Kopfkino aus. Etwa Anna Breitenbachs Entfernung: „Weil das Nahe bei ihm/ nicht zu finden war, / suchte sie das Weite.“ Oder Hellmuth Opitz, der bildreich „Im Tristen das Trösten“ beschreibt: „Erst Mitte Januar und schon haben die ersten / aufgegeben, das angebrochene Jahr zu überstehen“.

Leitner übernahm den gesellschaftspolitischen Part. Salli Sallmann dichtet darin unter dem Titel „Leipziger Osten, 29 Jahre Wende, ein Sekundenfilm“ über das Zusammenleben der Kulturen im Osten. „Und ‘ne deutsche Schnepfe neckt // den Araber mit: Na!, haste Schweinefleisch?“. Leitner widmet sich dichterisch dem Mauerfall: „Freier / Trouble / Trabbi / So // Viele / Trabanten / Mit Mit / Läufern (...)“ Und Uwe-Michael Gutzschhahn gestaltete den Kinderteil, der „ein Feuerwerk und ein Spielplatz der Sprache und ihrer Möglichkeiten, ihrer Bilder und Laute“ geworden sei, dankte der Lyriker den Mitwirkenden.

Obwohl Leitner ankündigt, dass er der Gesundheit zuliebe künftig weniger Zeit am Schreibtisch verbringen werde, ist die 27. Folge von „Das Gedicht“ für 2019 bereits aufs Gleis gebracht, mit Christoph Leisten als Mitherausgeber. Der aktuelle Band 26 ist im Buchhandel oder unter www.dasgedicht.de erhältlich.

Michèle Kirner

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