+
Der Leidenschaft für die Musik hat seine schwere Erkrankung keinen Abbruch getan. Ganz im Gegenteil. Claus Angerbauer genießt, obwohl er im Alter von 35 Jahren erblindete, das Leben in vollen Zügen.

Blinder Musiker 

Skifahren? Gar kein Problem!

Weßling - Mit 35 Jahren erblindete Claus Angerbauer. Für den Gemeinderat, Jugendreferent, Musiker und Mitglied der Bürgermeisterband nahm das Leben seither eine Wendung – und es ist nach eigenen Worten mindestens genauso schön wie früher.

„Hast Du den Film gesehen ... äh... gehört?“ Oder der Erblindete steht beim Metzger vor der Theke und die Bedienung fragt seine Frau: „Was für a Wurscht mog er?“ Und dann die Geschichte, in der der Bassist ihn auf dem Klo vergisst...

Wenn Claus Angerbauer erzählt, muss der Zuhörer unwillkürlich lachen. Sein übersprudelnder Frohsinn ist ansteckend. Er, der viel zu früh das Augenlicht verlor und dem gut meinende Mitbürger voller Mitleid ein „grausames Schicksal“ bescheinigten. Mit „grausam“ und „Schicksal“ bringt und brachte sich Angerbauer nie in Verbindung.

Klar war er verzweifelt, als die Ärzte dem 25-jährigen Sportler und Motorradfahrer prophezeiten, er könnte erblinden. Er dachte: „Wenn i nix mehr seg, kann i ja gor nix mehr.“ Die Mutter reagierte gelassen. „Jetzt schau erst mal. Und wenn du erblindest, habe ich keine Bedenken, dass du das hinkriegst.“ Sie sollte recht behalten.

Aber wie macht der Weßlinger das? „Ich vergleiche, was ich tue nie mit dem, was ich früher gemacht habe.“ Seine Prämisse: „Es muss genauso viel Spaß machen wie vorher.“ Etwa wenn der ehemalige Trickskifahrer auf Skiern die Berge erobert. Wie früher, nur im Schneckentempo. Als Protektor umringen ihn seine Freunde.

„Mein Freundeskreis ist genial“, sagt der 59-Jährige. Und dennoch zucken seine Begleiter immer ein bisschen zusammen, wenn der umtriebige Sänger wieder eine seiner Ideen hat. „Weil sie wissen, sie werden miteinbezogen.“

Man verstehe sich im wahrsten Sinne blind, greift Angerbauer zu einem Wortspiel. Ein Zustand, den er zehn Jahre lang mit zig Operationen bekämpfte. Nach der endgültigen Diagnose war er erleichtert. „Jetzt war es klar“ – und nur zehn Tage später betrat der Musiker wieder die Bühne. Mit Leisten kennzeichneten die Bandkollegen seinen Bereich und das Mikro ersetzte er durch ein Headset. „Es war total irre, vor sich die Menschen zu spüren, statt zu sehen.“

Den Blindenstock wollte man ihm nicht sofort geben, so ersetzte er jenen durch einen Ast und ging so mit dem Hund spazieren. In seinem Elternhaus baute der begeisterte Hobbykoch die Küche um. Hier lebt er mit Gattin Karin und blaue Flecken sind trotz dem vertrauten Ecken und Kanten an der Tagesordnung. Zum Beispiel, als seine Frau einen Mikrowellenherd vor der Treppe abstellte.

Angerbauer stolperte, machte einen Hecht nach vorn, hielt sich mit der linken Hand am Geländer fest und drehte einen „1a Helikopter“. Diese Sportlichkeit hat schon so manch schweren Sturz abgemildert. Und sportlich sah der Gemeinderat es auch seine Wahl vor acht Jahren. Hier setzt er sich nicht nur für Inklusion ein. So debattierte er zur Belustigung einiger Räte schon Mal leidenschaftlich für die Straßenbeleuchtung oder bekam bei Baugenehmigungen zu hören: „Du musst des ja ned anschaun.“

Angeschoben hat der Jugendreferent schon einiges: Auf sein Konto geht der Skatepark, er kämpfte für den Ausbau des Hortes und gestaltet in Eigeninitiative die „Music Night“ am Grünsinker Fest. Mit Lebensfreude packt er die Dinge an, denen er sich verschrieben hat. Was er vermisst? Vielleicht die Spontanität – und das Zeitungslesen natürlich.     mk

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Seeuferstraße geräumt und wieder frei
Schwere Unwetter haben am Freitagabend im Landkreis Starnberg mehrere Verletzte gefordert. Die Feuerwehren waren im Dauereinsatz.
Seeuferstraße geräumt und wieder frei
Wie die Helfer und Retter ihre Basis sichern
Die Wachstation der Starnberger Wasserwacht in Kempfenhausen ist unter der Woche meistens verwaist. Das lockt zunehmend mehr ungebetene Gäste an, die sich nicht selten …
Wie die Helfer und Retter ihre Basis sichern
Eine Glatze wie ein Pulverfass
Die Nähe zum Flughafen Oberpfaffenhofen bringt nicht nur Lärm, sie birgt auch Gefahren - möglicherweise explosiv. Darum werden neue Baugebiete gut untersucht.
Eine Glatze wie ein Pulverfass
Leidenschaft wird zum Beruf
Die Liebe zum Garten ist im Laufe der Jahre bei Jana Schmaderer gewachsen, jetzt ist sie eine von zwei Gartenbäuerinnen im Landkreis Starnberg.
Leidenschaft wird zum Beruf

Kommentare