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Sattes Zubrot: Für den Taxler Manfred Rösner (64) und seine Kollegen war die S-Bahn-Störung ein Glücksfall.

Totalausfall der S8 

Bahn-Blackout macht Taxler froh

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Tausende Pendler der S 8 aus dem westlichen Landkreis und vom Ammersee mussten am Montag sehr starke Nerven beweisen. Wegen einer technischen Störung am Stellwerk in Weßling ging auf der Strecke zwischen Herrsching und Germering den ganzen Tag über nichts.

Landkreis – An den Bahnhöfen in Herrsching, Hechendorf, Steinebach, Weßling, Neugilching, Argelsried und Geisenbrunn bilden sich am Morgen Menschentrauben. Wer kann, macht auf dem Absatz kehrt und fährt mit dem Auto in die Arbeit oder lässt sich von den Eltern in die Schule bringen. Der große Rest wartet auf den Schienenersatzverkehr. Bis der aber mit 121 Taxis und zwei Bussen ins Laufen kommt, dauert es seine Zeit. Viele Schüler kommen zu spät, berichtet Rita Menzel-Stuck. Die Direktorin der Herrschinger Realschule sagt: „Für uns ist das eine große Beeinträchtigung.“ Wer es nicht bis 9 Uhr zur Schule schafft, darf zu Hause bleiben.

Die Pendler sind genervt, die Taxler glücklich: „Wir fahren mit der Uhr“, freut sich Manfred Rösner (64) über das unverhoffte Zusatzgeschäft. Der Taxler aus München ist um 6 Uhr an die S-Bahn-Strecke zwischen Germering und Herrsching bestellt worden. Jetzt, um 11 Uhr, gönnt sich der 64-Jährige in Weßling nur eine kurze Pause. Denn eine junge Frau möchte weiterkommen, die Zeit drängt. 60 Leute mehr als üblich habe er schon transportiert, frohlockt Rösner. Bis zum Nachmittag dürften es doppelt so viele werden. Die Fahrgäste kostet das zum Glück keinen Cent, das Bahn-Ticket reicht. „Aber ich nehme auch Schwarzfahrer mit“, scherzt ein anderer Taxler. Zeit, die Tickets zu kontrollieren, hat er bei dem Andrang sowieso nicht.

Am Bahnhof in Gilching hält gerade Alfred Adam nach einem Taxi Ausschau. „Ich habe einen Zahnarzttermin in Herrsching“, klagt der 88-Jährige. Wie sein Sohn am Morgen nach München gekommen ist, weiß der Gilchinger gar nicht. Der Senior macht seinem Ärger Luft: „Wir haben kein Wetter und nichts, das kann doch nicht möglich sein“, schimpft der Rentner auf die Bahn .

Ein paar Kilometer weiter in Weßling versuchen drei Techniker derweil fieberhaft, die Störung zu beheben. „Sie sind noch auf der Suche nach dem Fehler“, weiß Hüseyin Cicek, der eben aus München ein Ersatzteil zum Stellwerk gebracht hat: einen sogenannten Blinkspannungsüberwacher. Das Teil allein bringt den Bahn-Verkehr nicht zum Laufen: „Ein Kollege ist noch unterwegs“, weiß Hüseyin. „Er holt eine Platine, bei dem Verkehr auf der Straße kann das dauern.“

Die Pendler müssen es ausbaden, doch inmitten der Übelgelaunten finden sich am Vormittag glatt auch ein paar Begeisterte. Heidi und Gerhard Lautenbach zum Beispiel: „Besser kann man es sich nicht wünschen“, sagen die Touristen aus Berlin. Vor 20 Minuten ist das Ehepaar in Germering ins Taxi gestiegen und jetzt schon am Zielort in Weßling. Ebenso erfreut sind Dorlies Böhl und Wolfgang Weibel, die gerade in Herrsching angekommen sind. Die Münchnerin und ihr Gast aus Salzgitter freuen sich auf eine Mass Bier in Andechs – „wenn der Bus kommt“.

Die Taxi-Karawane und die Ersatzbusse rollen derweil weiter und sammeln bis zum Abend Menschen ein, die ratlos vor den Bahnhöfen stehen. Und selbst in den Abendstunden tut sich nichts auf der Strecke. Erst heißt es, die Züge fahren um 18 Uhr wieder. Dann 19 Uhr. Dann wird gar keine konkrete Uhrzeit mehr genannt. Bis Redaktionsschluss um 20 Uhr bleibt die S8 gesperrt.

Moderne Technik schützt vor Ausfall nicht

Beim Weßlinger Stellwerk handelt es sich um eines der modernsten im bayerischen S-Bahn-Gebiet. Es ist erst seit wenigen Jahren in Betrieb. Andere Anlagen arbeiten mit Seilzug, einem elektrischen Antrieb oder Relais – die Weßlinger Vorrichtung ist da fortschrittlicher. Vor einem Ausfall ist das elektronische Stellwerk deshalb aber nicht gefeit, wie sich nun gezeigt hat. Montagnacht um 3.28 Uhr lief die Information in der Zentrale an der Donnersbergerbrücke ein: Vier Rechner in der Unterzentrale in Weßling laufen nicht mehr. Ein Bahnbetrieb auf der S8-Strecke zwischen Germering-Unterpfaffenhofen und Herrsching war nach dem Ausfall nicht möglich. Signale und Weichen konnten nicht mehr angepasst werden. Normalerweise werden diese per Mausklick von der Zentrale an der Donnersbergerbrücke gesteuert, erklärt Bahn-Sprecher Bernd Honerkamp. Seit Montagmorgen arbeiteten Techniker in Weßling an einer Lösung. Mittags funktionierten die Rechner kurzzeitig wieder, ein paar Bahnen konnten fahren. „Dann ist das System wieder zusammengebrochen“, sagt Honerkamp. Insgesamt dürften mehr als 70 S-Bahnen ausgefallen sein. Die Techniker haben einen Experten des Herstellers hinzugeholt. „Eine komplizierte Geschichte.“ Der Auslöser für das Chaos ist noch unklar. „Es gibt keinen Hinweis auf einen Blitzeinschlag. Manchmal findet man die Ursache auch gar nicht heraus.“ Für bereits erworbene Bahn-Tickets ab vier Euro bekommen die Fahrgäste ihr Geld zurück, müssen dafür lediglich einen Antrag einreichen. „Es handelt sich schließlich um ein Verschulden der Bahn“, sagt Honerkamp, der von einem der größeren Vorfälle in diesem Streckenbereich spricht. „Dass es bis zur Lösung so lange dauert, ist sehr selten.“ ser

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