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Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt

Der Satellit und die Kommandoflasche

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Eine Armada von Satelliten hat die Erde im Blick. Ende des Jahres kommt ein weiterer hinzu: Auf dem Weg zu seiner Position im Orbit ist seit Dienstagabend der Satellit EDRS-C. Die Kontrolle hat wenige Minuten nach dem Start das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt in Oberpfaffenhofen (DLR) übernommen.

Oberpfaffenhofen – An die 200 geladene Gäste und Journalisten, dazu allein 70 Mitarbeiter im Kontrollzentrum: Beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt in Oberpfaffenhofen (DLR) herrschte am Dienstagabend Partystimmung. Satellitenstarts mit einer Ariane-Trägerrakete sind selbst dort nicht an der Tagesordnung. Und weil das DLR mit dem Start im fernen Kourou (Französisch-Guyana) erst mal nichts zu tun hatte, sondern auf den Kontakt zum Satelliten warten musste, war auch Zeit für Fachgespräche. Auf einer Bühne im großen Saal diskutierte Moderator Uli Boblinger mit Professor Felix Huber, Dr. Andreas Ohndorf (beide DLR-Raumflugbetrieb) und Matthias Schneidereit (Airbus Defence and Space) das Geschehen, das überall auf großen Bildschirmen zu verfolgen war. In Kourou lief der Countdown, das dortige Fernsehen berichtete live, die Missionsexperten zeigten gute Miene und auch Angespanntheit, die Rakete stand bereit. Start war für 21.30 Uhr geplant – mitteleuropäische Sommerzeit.

Das DLR spricht von einem Meilenstein: Der Satellit EDRS-C gilt als Grundstock für das EDRS-Netzwerk aus geostationären Relais-Satelliten, die mittels Laser ein Datenvolumen von bis zu 1,8 Gigabit pro Sekunde zur Erde transportieren können. EDRS-C sorgt dafür, dass weltweit aufgenommene Daten der Sentinel-Satelliten des europäischen Erdbeobachtungsprogramms Copernicus schneller zum Nutzer gelangen. Denn diese kreisen in einer niedrigeren Umlaufbahn um die Erde. Was auch bedeutet, dass sie im Schnitt nur zehn von 90 Minuten in Reichweite ihrer Bodenstation sind. Die Übermittlung von Datenmengen schränkt dies enorm ein. In Zukunft soll EDRS-C die Datenmengen abholen und übertragen. Konkret bedeutet dass: Satellitenbilder eines Krisengebiets brauchen derzeit noch bis zu sieben, acht Stunden. Steht die europäische Datenautobahn im All, dauert die Übertragung nur noch an die 14 Minuten.

Das Projekt basiert auf einer Zusammenarbeit der europäischen Raumfahrtagentur ESA und des Flugzeugherstellers Airbus. Mit rund 235 Millionen Euro, das sind 61 Prozent der Gesamtsumme, trägt Deutschland den Hauptanteil der Kosten. Gebaut, entworfen und getestet wurde EDRS-C in Deutschland. Er wiegt knapp 3,2 Tonnen und ist in 36 0000 Kilometer Höhe unterwegs. Seine Lebensdauer beträgt 15 Jahre. Danach wird er 300 Kilometer höher geschubst, „in den Friedhofsorbit“, wie Huber den Teil des Alls nennt, in dem heute schon eine Menge Schrott unterwegs ist. EDRS-C ist der zweite Verteilerknoten des Programms. EDRS-A ist bereits im Januar 2016 gestartet. Ein EDRS-B ist bisher nicht realisiert, EDRS-D aber soll bis 2021 stationiert werden. Dienstagabend, 21.18 Uhr. Der Countdown läuft, noch zwölf Minuten. Zweimal schon hatte der Start verschoben werden müssen. „Denn nichts ist so sicher wie die Verzögerung“, flachst Huber. Schlechtes Wetter, technische Probleme – bei Raketenstarts muss alles passen. Am Dienstag stehen alle Lichter auf Grün. „Auch die der Kaffeemaschine, denn bei uns gilt jetzt 24/7 – also Arbeit rund um die Uhr“, sagt Huber. Dann erklärt er die ersten Minuten nach dem Start: Erst macht die Rakete ein Nick-Manöver, kippt also leicht in Richtung Westen. Dann folgt ein Roll-Manöver, eine leichte Drehung.

Sieben Minuten: „Jetzt übernimmt der Computer die Steuerung – wenn’s weiter geht, ist eine Hürde genommen“, sagt Moderator Bobinger. Anders als bei Starts in den USA wird erst auf null gezündet. In den USA hebt in diesem Moment die Rakete schon ab. In Frankreich tut sie das ach etwa sieben Sekunden. Das sorge für gewisse Ungenauigkeiten, bemerkt Huber, „aber vielleicht ist das die französische Lebensart“.

Fünf Minuten noch: In Kourou treten geladene Gäste auf einen Zuschauerbalkon. Die Sonne scheint. Drei zwei, eins, null. Die Triebwerke zünden, und sieben Sekunden später hebt die Ariane ab. Dichte Wolken steigen auf, Vögel fliegen der Kamera entgegen, Bobinger schwärmt von einem „Bilderbuchstart“. Das Wetter ist so gut, dass die Rakete fast zwei Minuten lang zu sehen ist. Erst in 100 Kilometer Höhe verschwindet sie aus dem Blick. Nach 23 Minuten ist sie schon 465 Kilometer hoch und hat 8485 Kilometer Distanz zurückgelegt – bei einem Speed von 9,11 Kilometern pro Sekunde. Nach 33 Minuten trennen sich Satellit und Trägerrakete. Nun ist EDRS-C auf dem Weg in seinen Orbit.

Für das Missionsteam im DLR-Kontrollzentrum wird es jetzt ernst. Ziel ist, nach etwa 30 Minuten erstmals in Kontakt zu treten mit dem Satelliten. „Das ist uns gelungen“, sagt Huber um 22.13 Uhr zufrieden. „Er nuckelt schon an der Kommandoflasche.“ Zu Ende ist der Abend aber noch lange nicht. Um Mitternacht etwa entfalten sich die Solarpaneele, „dann hat er Strom“, erklärt Greetje Janßen, stellvertretende EDRS-Projektleiterin. Bis EDRS-C seine Position erreicht hat, werden noch Wochen vergehen. Dann aber gibt es noch mehr Bilder von der Welt – und vor allem schneller.

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