Der Wipfel und das Glücksgefühl

Wartaweil - Baumklettern steht hoch im Kurs. In Wartaweil lernen Kinder nicht nur Eichen zu erklimmen, sondern sie erfahren auch das Glück, es geschafft zu haben.

„Wir können jedem Fitnesscenter Konkurrenz machen“, sagt Axel Schreiner und lacht. „Und Baumklettern kann jeder“, versichert er. Wenn es sein muss mit einem Flaschenzug, den habe er aber noch nicht einsetzen müssen, schwört der Leiter des Jugend- und Naturschutzzentrums Wartaweil. Seit 2001 werden auf dem großen Grundstück des Bund Naturschutz (BN) in Wartaweil Baumkletterkurse angeboten - für Schulklassen mit Kindern ab sechs Jahre. Erlebnispädagogik in ihrem Fall, Fitnesstraining inklusive wohligem Glücksgefühl in meinem.

Mindestens 12 000 Kinder seien allein die 300 Jahre alte Eiche raufgeklettert, die der Forstwirt Schreiner als Kletterbaum gerade in den Ruhestand gestellt hat. Nur wenige Meter weiter steht aber ein weiteres Exemplar, das ab sofort der Erlebnispädagogik dient. Und diese eignet sich auch für Menschen, die der Schulbank längst entwachsen sind. Ich bin der lebende Beweis, denn ich war mir sicher: Baumklettern - das kann ich nicht. Für Schreiner war dies eine Herausforderung. „Können Sie doch“, behauptete er. Um es vorweg zu nehmen: Er sollte Recht behalten.

Jeder sollte auf Bäume klettern, findet Schreiner. Ohne Eintritt. „Wenn man es richtig macht, tut es dem Baum nicht weh. Außerdem bleibt ein Klettergarten ein Klettergarten. Der Baum ist aber hinterher wieder ein Baum.“ Für jemanden, der beim BN arbeitet, lässt es sich wohl nicht besser ausdrücken. Schreiner ist aber nicht nur Leiter des Jugend- und Naturschutzzentrums, sondern auch mit ganzem Herzen Forstwirt. Noch als Umweltpädagoge im Allgäu hatte er seinen A-Schein zum Baumklettern gemacht. „Heute braucht man schon einen B-Schein, um Leute anzuleiten“, weiß er. Durch seine langjährige Erfahrung darf auch Schreiner noch Kurse leiten. Er kommt aber nur selten dazu. Der BN hat dafür drei weitere Referenten in Diensten. Das ist auch notwendig, denn Baumklettern ist das meistgebuchte Angebot auf dem 42 000 Quadratmeter großen Grundstück.

Gestiftet wurde die Fläche von Berta Habersack. Sie ist die Witwe des königlich bayerischen Generals der Artillerie Ferdinand Habersack. Gemeinsam bauten sie seit 1899 in Wartaweil ein schönes Haus, das mitten in einem Naturpark am Ostufer liegt. Aus Freude am baum- und vogelreichen Grundstück, stellte sie ihr Heim bereits seit 1947 dem BN für Kurse und Lehrgänge zur Verfügung. 1957 schenkte sie Haus und Grundstück dem BN zur Verwendung für Lehr- und Naturschutzzwecke. 2001 wurde das Jugend- und Naturschutzzentrum eröffnet, 2003 das Gästehaus in der ehemaligen Villa.

Schreiner ist seit 2001 dabei - als Forstwirt und Umweltpädagoge eine Idealbesetzung für die Bildungseinrichtung. Und auch mit 47 Jahren ist er noch ein leidenschaftlicher Baumfex, der es mit Copperfield und den Indianern hält. Wie Indianer nämlich bedient er die Schleuder, mit der er die Seile über die Äste wirft. Und es ist wie bei Copperfield, wie sich der Kambion-Schoner, der die Rinde vor der Reibung durch das Seil schützen soll, um den Ast legt. „Sonst würde es rispeln.“ Copperfield und Magie deshalb, weil Schreiner jedes Mal wieder staunt, wenn sich die Ringe des Schoners festziehen. Er lacht, als er ganz ehrlich sagt: „Ich kann das nicht erklären. Aber es funktioniert. Darum Copperfield.“

Als Zauberei erscheint es mir, als ich anfange - in Gurt und Seil hängend - der Schwerkraft zu trotzen. Nicht mühelos, darum gesteht mir Schreiner anfangs die „Seniorentechnik“ mit der Fußschlaufe zu. Damit kann ich statt Armkraft Körpergewicht nutzen. Das macht es die ersten Meter leichter. Vom Ehrgeiz gepackt, will ich darauf aber bald verzichten. Oben angekommen ist es wieder wie Zauberei, wenn sich ein ausgeprägtes Glücksgefühl breit macht. Nochmal versichert Schreiner, „es ist kein Baum zu hoch“. Bis zum Wipfel muss ich trotzdem nicht rauf. Mein Glück ist auch auf Dreiviertel-Höhe perfekt. Bauch, Beine, Po übrigens - sind tatsächlich Tage später noch spürbar.

Baumklettern:

Erlebnispädagogisch ist Baumklettern besonders wertvoll, findet Axel Schreiner. „Jedes Kind sollte auf Bäume klettern.“ In Wartaweil werden 60 bis 80 Baumkletterkurse im Jahr angeboten. Sie finden bei jedem Wetter statt, außer bei Sturm. Meist sind es Schulklassen mit Kindern ab 6 Jahre und maximal 25 Schülern. Am Baum hängen bis zu fünf Seile plus ein sechstes für den Referenten, der die Kinder nach oben begleitet.

Metaphorisch sagt Schreiner: „Es geht immer nur in eine Richtung - nach oben.“ Baumklettern stärkt das Selbstbewusstsein, motiviert, lässt Grenzen überwinden, Anstrengung wird sofort belohnt und jedes Kind kommt hinauf. Schreiner gesteht gleichwohl, dass sich zuweilen auch kleine Dramen abspielen, weil es Kinder gibt, die sich unter Druck gesetzt fühlen, wenn alle drum herum stehen und zuschauen. Aber auch daraus könne man lernen und schon nach den ersten Metern überwiegt ein Glücksgefühl.

Kleine Studie am Rande: Die meisten Mädchen steigen selbstständig in den Gurt, Buben schaun erst, und dann muss man ihnen helfen. Es sei genau zu erkennen, wer sich alleine anzieht zu Hause und wer nicht. Schreiner lacht und sagt, dass man da eine Statistik machen könne. Und er sagt ganz offen: „Ich war auch so einer.“

Infos unter www.bund-naturschutz.de.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

SARS-CoV-2: Drei neue Fälle am Freitag
Die Lage in der Corona-Krise hat sich in den vergangenen Wochen entspannt. Die Gesamtzahl der Fälle ist am Freitag wieder gestiegen.
SARS-CoV-2: Drei neue Fälle am Freitag
Gemeinderat (✝50) stürzt mit Segelflugzeug ab - Retter können nichts mehr tun
Unglück im Salzburger Bergland: Ein langjähriger Gemeinderat aus Seefeld im Kreis Starnberg ist mit seinem Flugzeug abgestürzt und verstorben.
Gemeinderat (✝50) stürzt mit Segelflugzeug ab - Retter können nichts mehr tun
Eine Institution verschwindet: Edeka-Nachfolge in Tutzing nur mit neuem Namen
Eine Tutzinger Institution verschwindet. Der Edeka schließt. Ein Gemüsehändler würde den Markt weiterbetreiben. Das Unternehmen gibt die Lizenz aber nicht heraus.
Eine Institution verschwindet: Edeka-Nachfolge in Tutzing nur mit neuem Namen
Riesen-Ansturm auf Berge und Seen: Polizei befürchtet erneutes Chaos mitten in Corona-Pandemie - und warnt
Corona-Krise: An Pfingsten wird es die Ausflügler an die Seen und in die Berge ziehen – die Einheimischen befürchten Blechlawinen und Parkplatznot. Und die Polizei warnt.
Riesen-Ansturm auf Berge und Seen: Polizei befürchtet erneutes Chaos mitten in Corona-Pandemie - und warnt

Kommentare