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Prachtstücke: Peter Gastl fängt und räuchert seine Fische selbst. Seit mehr als 40 Jahren.

Porträt

Auf Zeitreise mit Fischer Gastl

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Er ist ein Urgestein und im Ort bekannt wie ein bunter Hund: Peter Gastl, Fischer und einst Begründer der Segelschule gegenüber dem Steinebacher Rathaus.

Steinebach – Als Peter Gastl damals, vor mehr als 40 Jahren, das Grundstück neben dem jetzigen Augustiner erwarb, war die Seestraße in Steinebach noch nicht geteert. Ein Besuch bei ihm ist wie eine Zeitreise.

Fein aufgereiht hängen die prächtigen Saiblinge im Räucherofen, sorgfältig legt Peter Gastl Holz nach. „Hitze und Rauch brauchen die, sonst werden sie nichts.“ In Gummistiefeln und orangenem Friesennerz stapft Gastl über sein Grundstück am Wörthsee. Überall hängen und liegen Segel- und Ruderboote, die Saison hat noch nicht begonnen. Ein langer Steg führt raus auf das Wasser. „Hier stand früher die Rutsche des Strandbads“, sagt Gastl und zeigt hinaus auf den See.

Früher, das war in den 30er Jahren. Mehr als 40 Jahre ist es auch schon her, dass Friedl Mandl, Tochter des Strandbad-Besitzer Aloys Fleischmann, dem Dießener Peter Gastl Teile der Fläche zum Kauf anbot. Per Handschlag habe man sich damals geeinigt. „Und seitdem bin ich hier“, sagt der 79-Jährige, der am 14. Mai 80 Jahre alt wird.

Alle Fische im Ofen selbst gefangen

Seit er denken kann, ist Gastl Fischer. „Irgendwann ist wohl einer meiner Vorfahren vom Starnberger See herüber gewechselt“, sagt er verschmitzt. Schließlich lebt am Starnberger See auch ein Peter Gastl. Der Peter Gastl vom Wörthsee fährt heute noch raus zum Fischen, allerdings auf den Ammersee. Die Fische in seinem Ofen hat er alle selbst gefangen, sagt er, in Salz eingelegt und schließlich in den Rauch gehängt. Wenn das Wetter passt, sitzt er ab 14 Uhr am Eingang seines Grundstücks und verkauft Saiblinge, Renken und Aale. „Bis ich keine mehr habe.“ Das macht er nun so seit 40 Jahren. Wenn er das erzählt, schaut er ernst. „Das ist meine Natur, dass ich immer so ernst schaue.“ Sagt Gastl und grinst.

Gastl zog einst mit großen Plänen an den Wörthsee. Er baute eine kleine Pension, gründete einen Bootsverleih und eröffnete eine Segelschule. „Als ich damals erzählt habe, dass ich Segelboote verleihen will, haben sie mich alle groß angeschaut“, erinnert sich Gastl. Von Anfang an liefen Verleih und Segelschule aber prima. Und dann kam noch der Surf-Boom. „Da waren zwischendrin bis zu 700 Surfer da draußen“, erinnert sich Gastl. Er selbst hatte 30 Boards zu vermieten, und beschäftigte zwischenzeitlich acht Surflehrer.

Beim jüngsten Trend, dem Steh-Paddeln, hatte Gastl Pension und Segelschule schon längst an Peter Hopman verpachtet. Den Kopf schüttelt Gastl trotzdem über diese Paddel-Idee, für die man nur ein Brett und ein Paddel braucht, sonst nichts. „Dass muss man sich mal vorstellen“, sagt er. „Ich war jahrelang den ganzen Tag hier und habe auf den See geschaut. Aber das mit dem Steh-Paddeln, das ist mir trotzdem nicht eingefallen.“

Anekdoten vom Wörthsee

Dafür hat er aus den vielen aktiven Jahren die eine oder andere Anekdote parat. Einmal zum Beispiel sei eine schon etwas betagtere Surf-Schülerin mit ihrem Board abgetrieben. Bis hin zur Mausinsel. In Bachern ging sie an Land – und fuhr per Anhalter zurück nach Steinebach. „Der Surflehrer hatte sie schlichtweg vergessen. Die hat mir dann ganz schön die Meinung gesagt über meine Surfschule.“ Dann war da der Mann, der sich ein Segelboot ausleihen wollte. „Ich hab ihn gefragt: Kannst du segeln? Er sagte: Ich bin aus Hamburg. Dann ist er los – und sofort gekentert.“ Der Hamburger sei trotzdem wiedergekommen. Wie viele seiner Kunden. Mit den Seglern hat er sich dann auch überall auf der Welt getroffen, in der Karibik oder auch im Mittelmeer vor Südfrankreich. Und ist dabei doch irgendwie der Peter Gastl geblieben, mit seinen Gummistiefeln und dem Friesennerz.

An die letzten Jahre des Strandbads Fleischmann – jetzt steht dort das neue Augustiner-Wirtshaus – kann sich Gastl gut erinnern. Zehn Wirte hat er kommen und gehen sehen. Und dass Franz Beckenbauer seine Brigitte dort geheiratet hat, das hat er auch erlebt.

Zum 50. Jubiläum des Strandbads, das war in den 70er Jahren, habe er ein Floß bauen sollen. „Für eine Tänzerin. Die wollte dann auch ein Bett darauf haben und einen Verstärker.“ Gastl wunderte sich zwar, fertigte das Floß aber wie gewünscht. Die Festgesellschaft samt Bürgermeister und Pfarrer versammelte sich schließlich erwartungsvoll am Seeufer.

Was dann folgte auf dem Floß, draußen auf dem See, „war nicht mal mehr halbseiden“, sagt Gastl und schaut wieder ziemlich verschmitzt. Jedenfalls kam die Show der Tänzerin, die sich mit einem Teddybär auf dem Bett räkelte oder was immer, nicht so gut an. „Die Wirtin war außer sich, und der Pfarrer hat sich aufgeregt.“ Und die Tänzerin habe, ob ihrer missverstandenen Kunst, einen Zusammenbruch erlitten.

Zweimal pro Woche auf dem Ammersee

In seinen Gummistiefeln schlurft Gastl zurück zu seinem Räucherofen und klopft an einen rustikalen Temperaturmesser. „Das macht heute wohl keiner mehr so, aber mir taugt das.“ Seine Fischerei will Gastl so lange betreiben, wie es ihm gesundheitlich möglich ist. Zweimal die Woche fährt er morgens zum Fischen raus auf den Ammersee, „immer eine Stunde, bevor es hell wird“.

In den nächsten Jahren läuft die Pacht für die kleine Pension und die Segelschule aus – beide hat er schon vor 20 Jahren abgegeben. Was dann geschieht, wird man sehen. Seit dem Tod seiner Frau vor fünf Jahren lebt Gastl mit seiner Lebensgefährtin in Bachern. Sein Sohn ist Pilot in Dubai. Da war er natürlich auch schon. Einem waschechten Oberbayern kann dieser High-Tech-Wüstenort nicht imponieren. Der Sohn aber könnte sich eine Heimkehr wohl vorstellen, ebenso wie die beiden Enkeltöchter. „Mal sehen.“ Nur keine Aufregung.

In seiner kleinen Bude, in der Gastl seine verkauften Fische einwickelt, hängt ein ganz altes Foto von damals. Wie alt genau, das weiß Gastl nicht. „Wenn mich einer fragt, wann wurde das gemacht, sage ich: vor drei Jahren.“ Auf dem Foto jedenfalls sieht man den jungen Peter Gastl mit Kapitänsmütze und Zigarre vor seinem Kassentisch sitzen – den Tisch gibt es heute noch. In der Mitte war ein Loch. Darüber hatte Gastl die Kasse sicher verzurrt, damit sie ihm niemand klaut. „Und dann hab ich da gesessen. Mit dem einen Auge habe ich auf meinen Segelverleih geschaut. Und mit dem anderen aber immerzu ins Strandbad.“ Und dann grinst er wieder.

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