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Geradezu barock sieht das Einsatzfahrzeug der Feuerwehr in Santa Cruz de la Sierra im Vergleich mit den Löschfahrzeugen aus, die in Deutschland von den Feuerwehren bei ihren Einsätzen genutzt werden.

Au-Pair

Aus der Millionen-Metropole nach Walchstadt

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Ana Dora Viracochea Melendes ist 27 Jahre alt, kommt aus Bolivien und hat dort Medizin studiert. Seit drei Monaten arbeitet sie bei einer Familie in Walchstadt als Au-Pair – und ist temporäres Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr.

Walchstadt – Montagabend in Walchstadt. Trotz der großen Hitze steigen die Kameraden um Kommandant Alex Seelig für eine Übung in ihre schweren Uniformen. Weil das Landratsamt am gleichen Tag aufgrund der Hitze die Wasserentnahme aus dem See verboten hat, wird der Anschluss eines gereinigten Güllefasses ohne Wasser geübt. 15 junge Männer und Frauen sind an dem Abend dabei, unter ihnen auch Melendes. Sie fährt im Mannschaftstransportwagen mit und ist in ihrer Uniform kaum mehr zu unterscheiden von ihren neuen bayerischen Kameraden.

Als sie vor drei Monaten von Bolivien nach Walchstadt kam, sprach sie noch kein Wort Deutsch. „Sie verbessert sich von Woche zu Woche“, sagt Seelig. Die Verständigung wird entsprechend immer leichter und geht notfalls auch „mit Händen und Füßen“ über die Bühne, wie Seelig erklärt. Es ist das erste Mal, dass seine Feuerwehr einen Gast aus dem Ausland in ihren Reihen hat. „Das ist für uns auch herausfordernd. Aber weil sie so begeistert ist, macht es Spaß.“

Melendes ist seit 2010 Mitglied der Feuerwehr in Santa Cruz de la Sierra in Bolivien. In der Hauptstadt des Departamento Santa Cruz leben an die zwei Millionen Menschen. Seit 2012 ist die heute 27-Jährige erste Feuerwehrfrau und auch als Notärztin im Einsatz. Allein in der vergangenen Woche mussten ihre Kollegen in Bolivien zu mehr als 50 Einsätzen ausrücken. Per Whatsapp ist sie mit ihren Kameraden stets in Kontakt, auf Fotos sind Feuerwehrmänner im Einsatz zu sehen, beim Löschen von brennenden Fahrzeugen, Häusern, Buschbränden.

Ihr Medizinstudium begann Melendes im Alter von 17 Jahren an der Universität in Santa Cruz de la Sierra. Parallel zu ihrem Einsatz als Feuerwehrfrau arbeitete Melendes in verschiedenen Abteilungen des Städtischen Krankenhauses und in einem Rehabilitationszentrum für Kinder mit Brandverletzungen in Bolivien. Sie ist mittlerweile fertig ausgebildete Allgemeinmedizinerin.

Feuerwehr mit Neuzugang: Ana Dora Viracochea Melendes (vorne l.) im Kreise ihrer neuen Kameraden in Walchstadt samt Kommandant Alex Seelig (l.).

Ursprünglich wollte Melendes in den USA arbeiten. Ihr Traum sei immer gewesen, sich in einem anderen Land zu spezialisieren. „Nun bin ich hier in Deutschland.“ Ein Jahr lang möchte Melendes als Au-Pair arbeiten, „um die deutsche Sprache zu lernen“. Danach plant sie ein Jahr im Freiwilligendienst, auch in Deutschland. Ihr Traum ist: „Ich möchte Kinderärztin werden und Leben retten.“

Bei der Feuerwehr in Walchstadt versucht Melendes so gut wie es geht, eine Unterstützung zu sein. Bei einer Vermisstensuche am Wörthsee vor zwei Wochen war sie auch schon im Einsatz dabei. Die gesuchten Kinder tauchten zum Glück jedoch auf, was den Einsatz verkürzte. Grundsätzlich ist die Umstellung auch auf die Technik groß. „Bis auf Schlauch und Spritzen sind die Geräte ganz anders als in Bolivien“, sagt Seelig. Melendes würde sich aber alles sehr gründlich anschauen. „Sie ist schüchtern, aber langsam traut sie sich mehr.“

Bei der Übung an diesem heißen Montag legt Melendes bei Routinegriffen schon etwas munterer Hand an. Beim anschließenden Kameradschaftsabend erzählt sie dann von ihrer Heimat. Es ist der Tag der Unabhängigkeit in Bolivien. Daher gibt’s für die neuen Kameraden auch eine bolivianische Flagge, T-Shirts und Plätzchen als Dank.

Die Feuerwehr in Bolivien ist völlig anders strukturiert. In Santa Cruz de la Sierra beispielsweise gibt es zwei Berufsfeuerwehren und sieben ehrenamtliche, die alle unterschiedlich spezialisiert sind. „Sie haben dort einen Zug für die Brandbekämpfung, einen für den technischen Einsatz und einen für den medizinischen“, hat Seelig von Melendes gelernt. Im medizinischen Zug ist die junge Notärztin unterwegs.

Melendes gibt ehrlich zu, dass es nicht ganz einfach ist für sie in Deutschland. „Die ersten drei Monate waren sehr herausfordernd.“ Sie habe viel Gutes, aber auch Schlechtes erlebt. . „Aber ich weiß, dass ich die deutsche Sprache lernen und der Gesellschaft hier bald besser helfen kann.“ Begeistert ist sie von ihren neuen Kameraden: „Die Feuerwehrmänner von Walchstadt sind wunderbare Menschen. Sie haben viel Geduld mit mir.“

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