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Und wieder eine gerettete Erdkröte: Die fast 80-jährige Dagmar Hoppe aus Steinebach hilft seit 34 Jahren den Amphibien bei ihrer Laichwanderung über die Straßen.

Naturschutz

Seit 34 Jahren trägt diese Frau aus Steinebach Frösche über die Straße

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Sie laufen und hüpfen wieder, Frösche, Kröten und Konsorten. Im Landkreis gibt es viele Bereiche, wo die Froschwanderung von Helfern begleitet wird. Menschen wie Dagmar Hoppe und Josef Schwarz tragen die nachtaktiven Tiere seit Jahrzehnten sicher über die Straße. Der eine oder andere Frosch kommt trotzdem unter die Räder.

Landkreis – Mit seinen vielen Feuchtgebieten ist der Landkreis Starnberg ein Paradies für Amphibien. Jetzt, da die Nächte wärmer sind und Regenwetter herrschte, sind sie auf der Wanderung von ihrem trockenen Winterquartier zu ihren Laichplätzen. Ob Frösche, Kröten, Unken oder Molche – ihre Eier legen alle in Gewässern ab. Mit zunehmender Urbanisierung schnitten sich aber immer neue Straßen durch die Natur.

Dagmar Hoppe aus Steinebach kannte das noch anders. Das elterliche Holzhäuschen der fast 80-Jährigen war damals das vierte überhaupt in dem heute immer dichter besiedelten Ortsteil Kuckucksheim der Gemeinde Wörthsee. Straßenverkehrsregeln sind den kleinen Viechern natürlich fremd, und der Autofahrer kann die von Natur aus gut getarnten Tiere kaum erkennen. Seit Jahren kümmern sich Helfer des Bund Naturschutz an den markanten Wanderwegen darum, dass Frosch, Kröte Unke und Co. sicher über die Straße kommen. Beim Bau der Weßlinger Umgehung wurden extra Froschtunnel unter die Fahrbahn gelegt. Ein Versuch, der nach Ansicht von Dagmar Hoppe völlig in die Hose geht. „Die Frösche nutzen den Tunnel nicht“, schimpft sie. „Sie verrecken am Leitsystem.“

In Wörthsee und an der Weßlinger Umgehungsstraße hat die Wanderung schon frühzeitig begonnen. An anderen Stellen ein bisschen später. Nach der andauernden Kälte im Januar und Februar waren die Nächte noch lange kühl, zu kühl für die nachtaktiven Tiere, die erst ab drei bis fünf Grad Celsius unterwegs sind. „Vorher brauchen wir gar nicht raus, da tut sich nichts“, sagt Josef Schwarz aus Herrsching. Gemeinsam mit seiner Frau Gabriele (74) betreut der 75-Jährige die Streckenabschnitte Hechendorfer und Rieder Straße. Seit Anfang März gehen sie die abgezäunten Strecken bei anbrechender Dunkelheit ab. Ausgerüstet mit Gummistiefeln, Signalweste, Taschenlampe und Eimer.

Das geschulte Auge erkennt Amphibien selbst im Laub und bei Dunkelheit sehr schnell. An diesem Abend hat Schwarz Gesellschaft. Bettina Nickl mit ihren 13- und achtjährigen Töchtern Marlene und Sarah. „Kinder hören schon das Rascheln im Laub, die tun sich leichter“, erzählt Schwarz. An diesem Abend ist es 13 Grad warm, es regnet nicht. „Aber es ist noch feucht.“ Darum sammeln Schwarz und die Kinder schon in der ersten Dreiviertelstunde 14 Kröten, zwei fette, laichgefüllte Weibchen, zehn Männchen und einen Frosch. „Frösche sind glitschiger“, erklärt Josef Schwarz. Und sie zappeln mehr, weil sie bis zu 1,50 Meter weit hüpfen können. Die Kröten sind besser zu greifen, weil sie trocken sind und nicht springen. Sie suchen Gewässer nur zum Laichen auf.

Zur Freude der Kinder sind an diesem Abend auch „Doppeldecker“ unter den Kröten, also ein Weibchen mit einem Männchen Huckepack, so schaut es jedenfalls aus. Das meist kleinere Männchen klammert sich während der Paarung bei fast allen Arten unter den Achseln des Weibchens fest. „Die bringt man auch nicht mehr runter“, weiß Josef Schwarz und lacht. Beim Versuch von Sarah, genau dies zu schaffen, sieht es fast so aus, als wollte der Kröterich sie heftig mit dem Hinterbein gegen die Finger treten. Ein Riesenspaß.

„In den letzten zwei Tagen, als es regnete, haben wir 150 Tiere gezählt“, sagt Josef Schwarz. Alles wird genau registriert und dem Kreisverband gemeldet. Im vergangenen Jahr waren es insgesamt nur 485 Amphibien. „Der absolute Tiefpunkt. Wir haben auch Jahre mit 1000 gehabt.“ Aber Schwankungen gebe es immer, sagt Schwarz in der Hoffnung auf ein vorübergehendes Phänomen. Denn die sensiblen Amphibien sind ein Indikator für die Umwelt.

Dagmar Hoppe kann ein Lied davon singen. Seit 34 Jahren hilft die fast 80-Jährige Fröschen, Kröten und Molchen auf die Sprünge. Nicht nur ein paar Stunden am Abend, manchmal die halbe Nacht. „Wir haben hier die größte Artenvielfalt im Landkreis“, sagt sie. Hoppe wohnt an der Kuckucksstraße in Steinebach, an der die Amphibien hin und zurück von den Moorlaichgewässern in beide Richtungen laufen. Das Tempo-30-Straßenstück, das nicht abgezäunt werden kann, darf deshalb in den Nächten mit starker Wanderbewegung auch gesperrt werden. „Früher waren es so viele, dass es für Autofahrer gefährlich werden konnte, weil es zu rutschig gewesen wäre“, erinnert sie sich. Denn natürlich wurden schon viele Tiere totgefahren. Damit das nicht geschieht, laufen Dagmar Hoppe und Herbert Lecherbauer Patrouille.

Wenn ein Autofahrer zu schnell angerauscht kommt, gehen sie in Warnweste gekleidet und mit der Taschenlampe leuchtend auch mal mutig mitten auf die Fahrbahn. „Die sehen die Schilder ganz genau und fahren trotzdem so schnell“, ärgert sich die stellvertretende Vorsitzende der Ortsgruppe Wörthsee im Bund Naturschutz. „Meiner Tochter ist einer schon an die Beine gefahren“, erzählt sie. Manche würden sogar extra Gas geben und die Amphibien mutwillig überfahren. So etwas macht sie dann richtig wütend. Und wenn die Frösche dann hinten platt sind, die Zunge hängt raus, aber sie leben noch, dann gibt es nur eins: tottreten. „Damit sie sich nicht noch weiter quälen müssen.“

Während das Ehepaar Schwarz in Herrsching akribisch seine Liste führt, hat Dagmar Hoppe in Wörthsee diesen Ehrgeiz lange aufgegeben. „Wenn wir vorne und hinten die Barken zumachen, können wir gar nicht sehen, was drinnen passiert.“ Darum greifen sie und Herbert Lecherbauer auch an diesem Abend Tiere auf und tragen sie von einer zur anderen Seite, ohne sie aufzulisten. Es sind nicht viele, ausgerechnet drei sehr seltene Kammmolche. „Der kommt normalerweise erst im April“, sagt Dagmar Hoppe. „Dieses Jahr ist alles aus dem Lot.“

Die Weßlinger Umgehung hätte sie auch gern verhindert. „Jede Straße zerstört Natur.“ Nun stört Dagmar Hoppe eben die Erhebung, die die Funktionen der Tunnel beweisen soll. Denn eigentlich sollten die Froschtunnel an der Umgehung nicht begangen werden, um am Ende zu sehen, wie viele Amphibien den Weg geschafft haben. „Ich lass’ die nicht alle verrecken“, sagt sie energisch. Etliche tote, vertrocknete Springfrösche und auch die besonders geschützten Kammmolche habe sie bereits aufgesammelt. Die lebenden hat sie ins nächste Gewässer getragen. „Einige Kröten gehen durch den Tunnel, aber die Frösche gar nicht. Die vertrocknen regelrecht.“ Früher seien bei Wanderungen bis zu 4000 verschiedene Amphibien gezählt worden. Aber die 43 Durchlässe werden nicht genutzt. Hätten die helfenden Hände dort die 180 Amphibien, die sie am Montag fanden, nicht über die Straße getragen, wären auch sie elendig eingegangen.

Die abnehmende Zahl der Tiere bei der Wanderung an der Kuckucksstraße führt Dagmar Hoppe auch auf Trockenheit zurück – und auf den Wald. Der Wald wurde auf der einen Seite stark bewirtschaftet und das gegenüberliegende Pfeiferlwinklmoos weitgehend ausgetrocknet. „Das ehemalige Hochmoor ist viel zu stark verkrautet“, bedauert sie. „Es müsste gepflegt werden, aber woher die Leute nehmen?“

So geht sie an diesem Abend traurig und mit einer gewissen Portion Wut im Bauch die Straße auf und ab, trifft auf Johanna Benz, Gemeinderätin der Gruppierung Wörthsee Aktiv. Die 79-Jährige freut sich über einen kleinen Plausch und das Lob für die Arbeit, die sie so viele Jahre schon macht. Zurzeit jeden Tag und über viele Stunden. Bis nachts um 1.30 Uhr ist sie zum Teil auf den Beinen. „Bis kein Auto mehr fährt.“ Sie kann einfach nicht anders.

Noch bis Mitte April muss man auf den Straßen im Landkreis mit Amphibien rechnen oder mit Menschen, die zu deren Schutz morgens und besonders an warmen, regnerischen Abenden unterwegs sind. Der Bund Naturschutz bittet alle Autofahrer deshalb um besondere Vorsicht und Rücksichtnahme.

Amphibienwanderung

Dagmar Hoppe bietet am Samstag, 1. April, eine Amphibien-Exkursion am Golfplatz Wörthsee an. Treffpunkt ist um 15 Uhr am Golfplatz. Die Wanderung dauert etwa zwei Stunden.

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