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Elf Kandidaten hinter dem Tresen des Wörthseer Jugendhauses (v.l.): Kerstin Täubner-Benicke (Grüne), Britta Hundesrügge (FDP), Christian Winklmeier (SPD), Martin Hebner (AfD), Bernhard Feilzer (Linke), Karin Boolzen (ÖDP), Heinz Thannheiser (Bayernpartei), Michael Kießling (CSU), Moderatorin Christine Rose, Claudia Ruthner (parteifrei), Dr. Harald von Herget (Freie Wähler) und Tobias McFadden (Piraten).

Bundestagswahl 2017

Erstwähler diskutieren mit Kandidaten: Erst Politik, dann Party

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Alle elf Bundestagskandidaten aus dem hiesigen Landkreis kurz vor der Wahl auf einen Schlag – das wollten sich viele Erstwähler im Jugendhaus Wörthsee nicht entgehen lassen. Die Diskussion kam aber erst gegen Ende durch einen Satz in Gang.

Steinebach – „Ich habe mir überlegt, welche fiesen Fragen ich stellen könnte.“ Der Satz einer jungen Frau vor dem Jugendhaus Wörthsee deutete vor der Veranstaltung bereits an, dass es für die elf Bundestagskandidaten des hiesigen Wahlkreises kein leichter Abend werden würde. Sie haben sich am Freitag über zwei Stunden lang Erstwählern vom Wörthsee und Umgebung gestellt. Trotz der lockeren Moderation durch Christine Rose gelang es den Bundestagskandidaten nur schwer, Lockerheit zu zeigen.

Bei den klassischen Wahlkampfthemen nutzten die Kandidaten ihr gewohntes Vokabular. Was sich genau hinter Wertschöpfung, Kapitaleinkünften, Riester-Rente oder dem Austrocknen von Steuer-Sümpfen verbirgt, war vielen Besuchern sichtlich unklar. Sie hakten vor allem dann nach, wenn sie hinter den Aussagen der Kandidaten Luftschlösser vermuteten. Etwa fragte ein Besucher, wie das bedingungsloses Grundeinkommen finanziert werden solle. Während Tobias McFadden (Piraten) auf Sparen der Verwaltungskosten setzt, waren Michael Kießling (CSU) und Bernhard Feilzer (Linke) generell dagegen – die jungen Erwachsenen sollten ihre Zukunft selbst in die Hand nehmen.

„Ich habe ein Jahr lang gesucht, bis ich eine Wohnung gefunden habe, in die ich ohne Bürgen einziehen konnte“, klagte eine Besucherin. Es solle mehr Förderung vom Staat geben, forderten Karin Boolzen (ÖDP) und Claudia Ruthner (parteifrei). Dabei mangele es nur an bezahlbaren Wohnungen, betonte Dr. Harald von Herget (Freie Wähler).

Beim Problemthema Rente forderte Kerstin Täubner-Benicke (Grüne), dass auch Selbstständige einzahlen sollten. Britta Hundesrügge (FDP) setzt auf ein festgelegtes Renten-Minimum sowie die betriebliche und private Altersvorsorge. Indes versuchte es Heinz Thannheiser (Bayernpartei) mal mit stillem Protest, – er las während der Redebeiträge der anderen Kandidaten im Magazin „Freies Bayern“ – mal mit Sprüchen zwischendurch („Wisst ihr, wer der erste große Propagandist für E-Mobile war? Walt Disney, mit dem Gefährt von Grandma Duck“) darauf aufmerksam zu machen, dass ihn die „Zettelwirtschaft“ der anderen Kandidaten stört und er sich einfachere Lösungen der Probleme wünscht.

Richtig Fahrt nahm die Diskussion erst durch einen Satz von Christian Winklmeier (SPD) auf. Als Martin Hebner (AfD) anregte: „Wir müssen die Ausgabenseite des Staates anpacken. Dazu zählen die Energiewende, massive Ausgaben für die Euro-Rettung und die Flüchtlingskrise. Da werden pro Jahr 50 Milliarden Euro investiert. Auch das zahlt ihr irgendwie.“ Diese Ausgaben müsse man begrenzen. Winklmeier entgegnete: „Ich glaube, dass die AfD eine Begrenzung der Menschlichkeit hat.“ Erstmals applaudierten die Erstwähler lange und laut, das Gemurmel in den Sitzbänken verstummte schlagartig. Winklmeier kritisierte auch Hebners Einladung nach Gilching für Partei-Kollege André Poggenburg, der mit NS-Vokabular aufgefallen sei. Auch mit ihm habe er sprechen wollen, entgegnete Hebner und sagte zur Kritik an seiner Menschlichkeit: „In dem Fall geht es um eure Zukunft. Menschlichkeit heißt auch, dass ihr später mal was habt.“

Diese emotionale Auseinandersetzung ließ die Debatte deutlich länger werden – ohne dass das Interesse der Jugendlichen nachließ. „So eine Veranstaltung ist toll“, sagt die Seefelderin Emmelie Hieronymus (18). „Sonst wird man ins kalte Wasser geschmissen und stimmt meist so wie seine Eltern ab.“ Idgie Dietl (18) aus Wörthsee weiß noch immer nicht, wen sie wählen soll. „Ich war davor ziemlich überfordert. Jetzt weiß ich aber, wen ich sympathisch finde und habe schon Kandidaten ausschließen können.“

Ob es an seinem Anstoß zur Diskussion lag, lässt sich nur schwer sagen. Jedenfalls war Winklmeier bei der anschließenden inoffiziellen Abstimmung der absolute Favorit. Er setzte sich mit 60 Prozent der Stimmen (21) deutlich vor Kießling (5) und Täubner-Benicke (3) durch. Viele Kandidaten haben das Ergebnis noch mitbekommen, bei der Party danach mit den Erstwählern.

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