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Rettungsaktion für noblen Großesel

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Von: Hanna von Prittwitz

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„Sie haben einen noblen Charakter“: Stefanie Sturm mit Fandina und Fohlen Fernanda.
„Sie haben einen noblen Charakter“: Stefanie Sturm mit den Rieseneseln Fandina und Fohlen Fernanda. © Photographer: Andrea Jaksch

Er ist der heimliche Stolz der Spanier und vom Aussterben bedroht: der andalusische Riesenesel. In Etterschlag plant die Familie Freymann nun eine Erhaltungszucht. Das erste Fohlen ist gerade mit seiner Mama gelandet.

Etterschlag – Große dunkle Augen mit langen Wimpern blicken entspannt in die Kamera der Fotografin. Fandina, andalusische Rieseneselstute und vier Jahre alt, hat kein Problem damit, dass die Fotografin beim Fototermin im Garten der Familie Freymann in Etterschlag auch ihr Fohlen Fernanda in Szene setzt. Die Familie hat sich einem ungewöhnlichen Projekt verschrieben und übernimmt damit wohl deutschlandweit eine Vorreiterrolle: Sie plant die Erhaltungszucht der gefährdeten Riesenesel, von denen es nur noch wenige 100 registrierte Tiere gibt.

Die Familie Freymann, das sind Renate und Nikolaus und ihre Kinder Stefanie Sturm, Tamara Freymann, Verena Freymann und Roland Freymann. Alle pflegen seit jeher eine große Leidenschaft für Pferde und Esel. Auf dem Hof in Etterschlag stehen entsprechend mehrere Reitpferde und Ponys, aber seit mehr als 120 Jahren auch normale Esel und nun, seit eineinhalb Jahren, andalusische Riesenesel.

In Sevilla entdeckte Stefanie Sturm Joaquina, der Nachbar einer Pferdeverkäuferin bot die Rieseneselstute zum Verkauf an. Sie hatte Papiere, es war perfekt. „Wir waren einfach begeistert von der Idee, mit einer Zucht zum Erhalt der Rasse beizutragen“, sagt Stefanie Sturm. Die Freymanns arbeiten nun auch mit einem spanischen Förderverband zusammen, unterstützt wird dieser von der spanischen Regierung. Denn die Eselszene in Spanien hat bis heute eine große Tradition. Die Tiere werden nicht nur geritten und zu Arbeitseinsätzen genutzt, sondern, mit Trachtensattel und Zaumzeug geschmückt, auch auf Paraden gezeigt. So mancher Riesenesel ist auch der Stolz einfacher Schafhirten auf dem Land. Außerdem sind sie wichtig für die Maultierzucht: Dafür werden spanische Pferde mit Rieseneselhengsten gekreuzt. Das funktioniert, wenn die Tiere miteinander aufwachsen. Zu erkennen sind Riesenesel logischerweise an ihrer Größe. Schon die Stuten haben ein Stockmaß von mindestens 1,40 Zentimetern. Es sind immer Schimmel, nur bei ihrer Geburt haben sie dunkles Fell.

Auf die zehnjährige Stute Joaquina folgte Rubita, dann kam der Wallach Comotu und vor vier Wochen reiste Fandina mit ihrem drei Monate alten Fohlen in Etterschlag an. In eineinhalb Wochen erwarten die Freymanns noch Dornella. Diese hat, wenn alles gut geht, ebenfalls ein Fohlen dabei – und ist trächtig. Die Riesenesel tragen bis zu 13 Monate ihre Fohlen aus.

Mit großen, klimatisierten Transportern sind die Tiere unterwegs. „Sie kommen immer sehr entspannt an – und würden am nächsten Tag direkt wieder draufgehen“, sagt Stefanie Sturm. Am Lkw-Steuer sitzen Profis, die sich nicht nur mit den Tieren auskennen müssen, sondern auch mit den hoch komplizierten Zollbestimmungen. Die gemeinsame Reise ist ganz schön lang, von Etterschlag bis nach Sevilla – aus der Umgebung kommen die meisten der Esel – sind es rund 2500 Kilometer.

Vor Kurzem erst machte ein Bewohner des Eselhofs Freymann sogar Schlagzeilen: Aramis, eine Mischung aus einem normalen Esel und einer andalusischen Rieseneselstute, trägt bei den Passionsspielen in Oberammergau Jesus auf seinem Rücken (wir berichteten). Und Esel Comotu war bei den Kaltenberger Ritterspielen im Einsatz. „Der stand vor dem Fanfarenzug – völlig entspannt“, erzählt Sturm. Das macht vermutlich die Faszination der Tiere aus. „Sie haben einen noblen Charakter“, beschreibt Sturm. „Sie sind rücksichtsvoll und liebevoll im Umgang, und sie haben einen unheimlichen Arbeitswillen.“ Den sprichwörtlichen sturen Esel gibt es in ihren Reihen selten. „Und sie sind äußerst lernfähig.“ So würden sich die Riesenesel vieles abschauen. „Und was sie dann mal können, vergessen sie nicht.“ Aramis beispielsweise, nur zur Hälfte Riesenesel, könne sogar Knoten lösen, „und Türen öffnen sowieso“. Allerdings merken sie sich auch schlechte Erfahrungen: „Bei einem Esel, der geschlagen wurde, bleibt die Angst.“

Die Haltung der Tiere indes ist aufwendig, die Riesenesel sind anspruchsvoll. „Sie haben es gerne schön“, sagt Sturm und lacht. „Man muss das schon ernst meinen mit der Zucht.“ Auf dem Eselhof funktioniert das alles nur, weil die ganze Familie die Leidenschaft teilt und sich kümmert, „Wir stehen täglich im Stall“, sagt Stefanie Sturm. Dabei gehen die drei Geschwistern täglich ganz normalen Berufen nach, „wir machen das hier nebenher“. Sturm (36) selbst ist Verwaltungsfachangestellte und arbeitet in einer Tierklinik, sie ist Mutter von drei kleinen Kindern.

Bis das erste, in Etterschlag gezüchtete andalusische Großeselfohlen auf die Welt kommt, wird aber wohl noch einige Zeit vergehen. „Das ist noch Zukunftsmusik. Es ist nicht so leicht, einen Hengst zu bekommen“, erklärt Stefanie Sturm.

Fandina und die kleine Fernanda haben sich mittlerweile in den Schatten zurückgezogen. Auch was das Wetter angeht, dürften sie sich in diesen Tagen wie zu Hause fühlen.

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