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Belagerungszustand in Steinebach: In diesem Super-Sommer war das fast schon ein tägliches Bild am Wörthsee.

“Nix geht mehr“ im Fünfseenland

Problemfall Wörthsee: Einheimische genervt von Münchnern auf Tagesausflug - was ist Ihre Meinung?

Einheimische, die nicht mehr baden gehen, genervte Touristen, ein stinkender Wörthsee und chaotische Verkehrsverhältnisse: Das waren die Schattenseiten des Sommers im Starnberger Landkreis.

Steinebach/Wörthsee – „Nix geht mehr – wegen Überfüllung geschlossen“ – der Titel der Veranstaltung galt buchstäblich auch für den großen Saal im Augustiner, der fast nicht genug Platz bot für die vielen Menschen, denen das Thema auf den Nägeln brennt: Wenn nämlich die Münchner zu Tausenden an die Seen schwapppen, perfekt angebunden über die Lindauer und Garmischer Autobahn, herrscht dort Ausnahmezustand. 

Die CSU-Ortsverbände Wörthsee, Inning, Weßling und Seefeld hatten gemeinsam zu der Veranstaltung eingeladen, die Antworten finden sollte auf die Frage „Ist das das Ende der Naherholung im Fünfseenland?“, wie Wörthsees CSU-Vorsitzender Philipp Fleischmann erklärte. Eingeladen waren Landrat Karl Roth als Vorsitzender des Erholungsflächenvereins (EFV) und Christoph Winkelkötter, Geschäftsführer der Gesellschaft für Wirtschafts- und Tourismusentwicklung Starnberg (gwt). Günter Schorn vom Bund Naturschutz hatte kurzfristig abgesagt. Seinen Platz nahm die CSU-Landtagsabgeordnete Dr. Ute Eiling-Hütig ein.

Sperrung der Autobahnausfahrten als „letztes Mittel“

An schönen Sommertagen sind alle genervt: die Anwohner, die Touristen und sogar die Gastronomen. Christoph Winkelkötter unterscheidet dabei zwischen den Naherholern, die nur für einen Tag in den Landkreis kommen, und Touristen, die im Landkreis übernachten. „Da wollen wir die Wertschöpfung erhöhen“, sagte er. Immerhin seien die 1,1 Millionen Übernachtungen jährlich die Basis für 2000 Arbeitsplätze. Die Seen seien bei der Naherholung Fluch und Segen zugleich, „den Druck aus München kann aber eine Region allein nicht leisten“. S-Bahnausbau, Busse, Parkleitsysteme, höhere Parkgebühren und gesperrte Autobahnausfahrten wie auf der A 8 bei Langwied – „darüber müssen wir nachdenken“.

Für Roth ist die Sperrung der Autobahnausfahrten „das letzte Mittel“. Er erklärte die Arbeit des EFV, der auch im Norden Münchens Flächen aufkauft und sie zu Erholungsgebieten macht, „um den Druck aus dieser Region zu nehmen“. Beim Verkehr seien die Leute unbelehrbar, und zwar sommers wie winters. „Trotz Shuttleservice wurden beim Weihnachtsmarkt im La Villa in Niederpöcking vergangenes Jahr 183 Autofahrer aufgeschrieben.“ Das Geld der Touristen täte der Region aber auch gut. „Ich habe keine Lösung.“

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Polizei mit den ganzen Falschparkern überfordert? 

Eine Zuhörerin aus Inning forderte, mehr Straßen abzuplanken und rigoros Autos abzuschleppen. „Parkplätze anbieten, ja, aber nicht endlos.“ Von der S-Bahn in Steinebach müsse man allerdings zwei Kilometer zu Fuß zum See gehen. „Der Naherholende wird das nicht tun“, sagte sie und forderte die Einführung eines Badebusses. Martina Jursch, ehemalige Vorsitzende der CSU Wörthsee, berichtete, dass der frühere Inhaber des heutigen Augustiners seine Gäste noch mit Bulldog und Blaskapelle von der Bahn abgeholt habe. Sie beklagte, dass die Münchner auch unter der Woche ab 17 Uhr den See bevölkerten, und hätte gerne mehr Parkplätze am Birkenweg. 

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Thomas Waldkircher, der in Wörthsee einen Hausmeisterservice anbietet und oft durch den Ort muss, regte sich darüber auf, dass die Polizei offensichtlich keine Handhabe gegen Falschparker habe. „Ich sollte in der Gemeinde anrufen, als ich mich beschwert habe“, sagte er. So ein Chaos wie hier erlebe er nirgends. „Die Österreicher sind uns da zehn Jahre voraus.“ Er gehe sonntags nicht mehr baden, „ich fühle mich nicht mehr wohl“. Weitere Zuhörer forderten Anlieger-Parkausweise und eine kommunale Kontrolle des ruhenden Verkehrs. Über Radio sollte, wie in diesem Sommer versuchsweise schon geschehen, auch auf volle Parkplätze und die Nutzung des ÖPNV hingewiesen werden.

Es kam auch der Vorschlag, die Parkplätze zu reduzieren. Johanna Benz (WörthseeAktiv) forderte, den Schwerpunkt auf den Radverkehr zu legen, „das ist erstrebenswerter als der irrsinnige Versuch, die Menge zu bändigen“. Und ein anderer Zuhörer stellte fest: „Bei 30 000 Menschen, die in München zuziehen, sind nicht mehr die Autos das Problem, sondern die Anzahl der Menschen.“ Die Frage sei, „wie viele Leute unser Wörthsee überhaupt verträgt“.

Einigen stinkt die Situation - und manchmal der See 

Das war das Stichwort für den Schlagenhofener Robert Volkmann. „Diese Veranstaltung ist seit Jahren überfällig“, stellte er fest und schimpfte, dass das Landratsamt die Seengespräche eingestellt habe. „Denn die haben unheimlich viele gute Sachen auf den Weg gebracht.“ Das Badegelände Oberndorf am Wörthsee stinke ihm im Wortsinn: Es mangele an sanitären Anlagen, „heuer hat man es am See riechen können“. Dieser sei in einem schlechten Zustand, „oben hui, unten pfui“. Experten hätten bestätigt, dass er vom Gesundheitsamt kontrolliert werden müsse. Stefan Diebl, Sprecher des Landratsamts, berichtete auf Nachfrage, dass regelmäßige Kontrollen stattgefunden hätten: „Die Badewasserqualität war gut.“

Viele Ideen, viele Klagen also. Positives zu vermelden hatte Eiling-Hütig. Eine Verfassungsänderung fordere gleichwertige Lebens- und Arbeitsverhältnisse. Dies sei auch der Grund, warum die Rechtspflegeschule Starnberg nach Pegnitz verlegt werde. „Und warum muss ein Unternehmen ins Münchner Umland gehen, wenn es die nötige Struktur auch in der Oberpfalz hat?“ Auch das nehme Druck. Landrat Roth blieb nachdenklich: „Wir können es niemandem verbieten, zu uns zu kommen.“

Angst vor der Blechlawine aus Freiham

Von einem „Schreckgespenst“ war bei der Bürgerversammlung in Wörthsee im Oktober die Rede: Freizeitgäste aus Freiham werden die ohnehin kritische Verkehrssituation verschlimmern, befürchten die Bürger (Merkur.de).

Sommer, Sonne, Blechlawine

Ganz normaler Wahnsinn am Starnberger See, Land unter an Ammer-, Pilsen- und Wörthsee, berichtete Merkur.de im August.

*Merkur.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks.

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