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Der Kirchenwirt in Steinebach steht seit Wochen leer. Das gesamte Areal umfasst 2719 Quadratmeter. Dazu kommt der gegenüberliegende Parkplatz mit 339 Quadratmetern. Wenn die Käufer nicht klagen, gehört das Areal bald der Gemeinde.

Ortsentwicklung

Steinebach: Gemeinde will den „Kirchenwirt“

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Eine Entscheidung wie ein Paukenschlag: Die Gemeinde Wörthsee will ihr Vorkaufsrecht für das Areal des Kirchenwirts in der Ortsmitte nutzen. Dies beschlossen die Gemeinderäte am Dienstagabend einstimmig. Danach gab’s Sekt im Augustiner. Und zwei enttäuschte Investoren.

Steinebach – Es lag in der Luft. Stefan Schmid und Jürgen Rödig von der RFC & Terra GbR, die das Areal des Kirchenwirts von der Familie im Dezember erworben hatten (wir berichteten), konnten mit ihrer Planung im Wörthseer Gemeinderat am Dienstagabend nicht punkten. „Zu massiv“, war die übereinstimmende Meinung.

Zahlen, um dies zu entkräften, wollten die Investoren nicht nennen. Rödig argumentierte, es sei zu wenig Zeit gewesen. „Nach der Ankündigung der Gemeinde im Januar, das Vorkaufsrecht ziehen zu wollen, haben wir nicht weitergeplant“, sagte Rödig.

Dabei waren die Käufer schon im November im Gemeinderat vorstellig geworden. Damals bereits war den Räten die Planung zu üppig, sie baten um Verkleinerung. Umgesetzt sahen sie ihre Vorschläge nicht. „Das ist Gilching, was wir hier sehen. Nicht Wörthsee“, kommentierte Dr. Monika Ofer (SPD) die Planung. Rödig hingegen vertrat den Standpunkt: „Es geht hier doch nur um die Frage: Wollen Sie Ihr Vorkaufsrecht nutzen oder nicht?“

Investoren fassungslos im Foyer

Rödig machte kein Geheimnis aus der Tatsache, dass Schmid und er zwar die Wünsche der Gemeinde realisieren wollen, sprich Wohnbebauung, Sanierung des Kirchenwirts mit Gastronomie sowie Gewerbeflächen als schöne Ortsmitte. Dass sie aber auch Kaufleute sind. „Es ging dabei nicht um Gewinnmaximierung, sondern um Tragfähigkeit“, sagte Rödig gestern. „Wir wollten da wirklich was Schönes machen.“ Zuversicht, dass man sich zeitnah auf ein Konzept einigen kann, stellte sich im Verlauf der Diskussion am Dienstagabend dennoch nicht ein. Dann schickte Bürgermeisterin Christel Muggenthal die Zuhörerschar – viele Bürger verfolgten die Sitzung – nach draußen.

Während die Räte hinter verschlossenen Türen diskutierten, machten Schmid und Rödig ihrer Verwunderung im Foyer Luft. „Ich verstehe nicht, warum die Gemeinde nicht gleich sagt, dass sie das Grundstück haben will. Dann hätten wir uns das alles sparen können“, sagte Schmid. Immerhin hatten die Käufer den laut Rödig akut einsturzgefährdeten Dachstuhl des alten Gasthauses abgestützt, das Gebäude durchgeheizt, Gespräche mit der Verwaltung über die Bebauungswünsche geführt und auch in erste Planungen investiert.

„Es wird nur so, wie wir es wollen, wenn wir es selber machen.“

Nach einer Stunde durften alle wieder in den Saal. Dann nahmen die Fraktionssprecher Stellung. Gerald Grobbel (Grüne) erinnerte daran, „wie viel Mühe wir uns mit dem Bebauungsplan gemacht haben“. Dirk Bödecker (Wörthsee aktiv) beklagte die „massive Erhöhung der Wohnbebauung“ mit Blick auf die Entwicklung des Höhenzugs an der Stelle. Franz Polz (CSU) sah es als Problem „die eigenen Ziele durchzusetzen“. Dr. Klaus Kaplaner (parteifrei) erwartete einen „langjährigen Prozess, in dem nachtarockt wird“. Und Ofer erinnerte an „ die Möglichkeit, unsere Pläne durchzusetzen“.

Florian Tyroller (Grüne) allerdings ermahnte seine Kollegen: „Ein wichtiger Punkte scheint jetzt die Zeitschiene zu sein.“ Christel Muggenthal fasste die Stimmung schließlich in einem Satz zusammen: „Es wird nur so, wie wir es wollen, wenn wir es selber machen.“ Die Entscheidung, das Vorkaufsrecht zu nutzen, fiel einstimmig. Und die Zuhörer applaudierten.

Wie geht es nun weiter? Die Gemeinde wird die Käufer schriftlich darüber unterrichten, das Vorkaufsrecht „zu ziehen“, wie es juristisch heißt, Sie muss dem Käufer gegenüber diesen Schritt begründen. Entscheidend sind dabei die Vorteile für die Gemeinde und die Bürger in Bezug auf eine verträgliche Ortsentwicklung. Die Käufer haben vier Wochen Zeit, gegen die Entscheidung vorzugehen.

Kauf kostet rund 2,25 Millionen Euro

Die Gemeinde hat die Kosten des Kaufs, die Maklergebühren und die Grunderwerbssteuer zu übernehmen. Laut Muggenthal geht es dabei um 2,25 Millionen Euro. „Den Käufern soll kein Nachteil entstehen.“ Ist der Kauf durch die Gemeinde in trockenen Tüchern, will Muggenthal sich als Erstes um den Erhalt des Kirchenwirts kümmern. „Der Gemeinderat wird sich demnächst zusammensetzen und mit Experten darüber beraten, was wir machen.“ Für sie sei die Entscheidung auch ein Zeichen: „Das war ein einstimmiger Beschluss. Ich habe im Augustiner eine Runde geschmissen.“ Sie ist sich sicher, dass die Entscheidung die richtige ist: „Wir haben eine Immobilie mitten im Ort erworben, das kann doch kein Fehler sein?“

Und die Käufer? Jürgen Rödig sah die Sache am nächsten Morgen einigermaßen entspannt. „Ich bin nicht böse. Aber enttäuscht bin ich schon.“ Er habe die Gemeinde etliche Male gefragt, ob sie das Grundstück nicht haben wolle. Entsetzt aber sei er darüber, wie leichtfertig am Ratstisch mit Steuergeldern umgegangen werde. „Wenn die Gemeinde dort so baut, wie sie es plant, wird etwas Schönes entstehen. Aber die Kosten werden immens sein, und die Wirtschaftlichkeit ist fraglich.“

Käufer: „Wir wollen keinen Stress“

Sein Partner und er seien der Gemeinde entgegengekommen – und auch zu viel bereit gewesen. Dabei wisse niemand, ob dort in der Ortsmitte Geschäfte wirklich funktionieren würden. Und auch das Thema Gastronomie sei problematisch. „Die Gemeinde hat sich aus meiner Sicht in ein hohes unternehmerisches Risiko begeben – das ist eigentlich nicht ihre Aufgabe.“

Er wolle nun erstmal abwarten, wie das Rathaus seine Entscheidung begründe. „Die Kosten, die uns entstanden sind, werden wir zurückfordern. Aber wir wollen keinen Stress.“

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