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Wackere Badende morgens um halb acht am Wörthsee: Annette Keszler (l.) und Tilla Gutjahr. 

Badespaß im Winter

Aquajogging bei 3,9 Grad

Wörthsee - Es gibt im Landkreis ziemlich viele Menschen, die bei diesen Temperaturen noch baden. Zwei von ihnen haben wir am Wörthsee getroffen. 

Gestern morgen um halb acht am Wörthsee. Der Regen geht in Schnee über, es weht ein frischer Wind, auf dem See tanzen die Schaumkronen. Wir, Fotograf und Reporterin, warten auf zwei Wahnsinnige, die hier, beim Il Kiosko, fast jeden Morgen zum Schwimmen gehen. Und zwar das ganze Jahr durch. Von dieser Spezies gibt es ziemlich viele an allen fünf Seen im Landkreis. 

Da kommt im Bademantel Tilla Gutjahr um die Ecke. Tilla Gutjahr ist 78 Jahre alt und steigt seit 25 Jahren jeden Morgen in den Wörthsee. Im Sommer keine Kunst, aber an diesem Morgen hat das Wasser frische 3,9 Grad. Die Steinebacherin wundert sich, dass wir überhaupt aufgetaucht sind. Bei dem Wetter. Sie setzt sich eine Badehaube auf und steigt ungerührt in die Wellen. Seit einem Jahr macht Annette Keszler aus Steinebach mit. „Ich kann aber nicht so lange drinbleiben“, gesteht sie, und stürzt sich an der alten Dame vorbei in die Fluten. Tilla Gutjahr lässt sich Zeit, dann ist sie im Wasser, und bleibt dort auch.

Ungerührt geht sie in der Nähe des Ufers hin und her. „Es gibt wenige gesicherte Erkenntnisse über den Wert für die Gesundheit. Aber für jemanden, der herzgesund ist, ist das Bad im See um diese Jahreszeit bestimmt ein gutes Kreislauftraining“, erklärt die Allgemeinmedizinerin Dr. Felizitas Leitner aus Weßling. Tilla Gutjahr hat mit dem täglichen Bad im See angefangen, weil ihre Knochen schmerzten. „Bei Entzündungen in den Gelenken kann Kälte tatsächlich helfen“, erklärt Leitner. „Aber manchmal auch nicht. Daher glaube ich, dass der Haupteffekt dem Kreislauf dient.“ Mediziner nennen diese Form von Abhärtung auch Reiztherapie. „Der Körper muss da auch was leisten, daher solle man nicht mit einem Infekt ins Kalte steigen“, sagt Leitner. 

Ratsam sei, sich diesem Training langsam anzunähern. Also erstmal nur mit den Füßen ins Wasser zu gehen beispielsweise. Auch die Kühltherapie basiert auf der entzündungshemmenden Wirkung von Kälte: Bis zu drei Minuten befinden sich die Patienten dabei in auf minus 110 Grad heruntergekühlten Kältekammern – eine Therapie, die in Gesundheitszentren und nur unter ärztlicher Aufsicht stattfinden sollte. Es schneit. Es bläst. Eine Joggerin läuft vorbei und schüttelt sich. Wir schütteln uns auch. Es ist zu nass und zu windig, um direkt vom Seeufer aus ein Foto zu machen. Tilla Gutjahr geht immer noch tief im Wasser hin und her. „Ich mach’ Aquajogging“, hat sie angekündigt. Denn Schwimmen hat die Steinebacherin nicht gelernt.

 Annette Keszler ist schon aus dem Wasser geflüchtet und rubbelt sich im Schutz des Kiosks trocken. Langsam nimmt auch die 78-Jährige Kurs auf das Ufer. Ihre Wangen glühen. Unbeeindruckt trocknet sie sich ab, schlüpft in ihren blauen Bademantel. Ihre Knochen schmerzen nicht mehr, seit sie auch bei Kälte täglich baden geht, sagt sie. Erkältet ist sie selten. Üblicherweise ist mit dem Badespaß aber Schluss, wenn sich eine Eisdecke über den See legt. Es soll aber an allen Landkreisseen Menschen geben, die in die Eisdecken Löcher schlagen für ihren besonderen Badespaß. „So lange wie in dieser Saison ging das noch nie“, sagt Tilla Gutjahr.

Und schwärmt von den Morgenstunden, wenn es nicht gar so grauslich ist, sondern die Sonne das Seeufer in rosafarbenes Licht taucht. Der Wetterbericht sagt Schnee voraus. Die Steinebacherin packt ihr Zeug zusammen. „Bis morgen“, ruft sie Annette Keszler noch zu. Wetter ist doch egal.

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