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283 Kilometer trennen Uschi Spatschek (Mitte) von ihren Freunden im sächsischen Pausa. Vom Wörthsee aus setzt sie sich mit ihnen für Bedürftige in ihrer Heimat ein. Bürgermeisterin Christel Muggenthal empfing die Helfer: Margitta Voigt (l.), Katrin Elias (2.v.l.), Horst Voigt (3.v.r.) und Konstanze Schumann (r.).

Ehrenamt

Die Ritterin aus dem Osten

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Uschi Spatschek musste ihr geliebtes Pausa in Sachsen verlassen. Am Wörthsee hat sie ihre zweite Heimat gefunden - Bedürftige in Sachsen lässt sie aber nicht im Stich.

Wörthsee Uschi Spatschek musste ihr geliebtes Pausa in Sachsen verlassen und aus der Ferne verfolgen, wie es dort nach der Wende bergab ging. Am Wörthsee hat sie längst ihre zweite Heimat gefunden – die Menschen in Pausa kann sie aber nicht im Stich lassen.

Der ganze Keller ist voll, die Kleider und Spielsachen türmen sich die Treppe herauf. Uschi Spatschek muss viele Pakete schnüren. Die gespendeten Sachen schickt sie in 25-Kilo-Paketen nach Pausa. Wenn sie selbst ins heimische Sachsen fährt, ist das Auto so voll, dass nicht einmal ein Hamster neben ihr Platz fände. Mit 22 Jahren verließ Spatschek Pausa, lebt mittlerweile am Wörthsee. Für Bedürftige in ihrer Heimat setzt sie sich aber heute noch ein.

Spatschek engagiert sich bei der Arbeitsloseninitiative Sachsen – ein Dachverein mit 170 Mitarbeitern für eine Tafel, Kleiderspende, Arbeitslosenhilfe, Beratung für straffällige Jugendliche und Mehrgenerationenarbeit. Die Initiative gibt es seit der Wende, Spatschek ist seit 2003 dabei. Es ist das erste Mal, dass ihre Freunde aus Sachsen an den Wörthsee kommen. „Das sind echte Kämpfer – das muss hier mal bekannt werden“, sagt die Rentnerin. Sie gehört selbst zu den Kämpfern, ihr Schlachtfeld ist der Wörthsee. Dafür wurde sie zum „Ritter der Plauener Tafel“ ausgezeichnet.

Schikane in der DDR: „Mein Herz bubbert immer noch“

Um zu verstehen, warum sich die Vogtländerin heute noch für ihre Heimat einsetzt, muss man ihre Geschichte kennen. Ihre zwei Brüder sind im Krieg gefallen. Die Nachfolge in der familiengeführten kleinen Brauerei in Ostberlin sollte Spatschek übernehmen. Für die Lehre bei der Brauerei von Berliner Kindl ging sie nach Westberlin. Spatschek war die einzige Frau in der Berliner Handwerkskammer. Dann hakt der Plan: Ihr Vater rät von einer Rückkehr nach Ostberlin ab, für Ausgereiste zu gefährlich. Spatschek muss ihre Familie, ihre Freunde, ihre Lebensplanung hinter sich lassen.

Sie kann den Menschen, die ihr lieb sind, nicht helfen. Den Schrecken der DDR muss sie aus dem fernen Augsburg hinnehmen. „Mein Herz bubbert immer noch, wenn ich über die A9 fahre und den Grenzstein sehe – so, wie die uns schikaniert haben.“

Für viele Menschen gingen die Probleme mit der Wende erst so richtig los. Spatschek lebte mit ihrem Mann Horst zehn Jahre lang in Afrika, er war dort Entwicklungshelfer. Am Flughafen in Afrika auf dem Weg zurück nach München sprachen Deutsche davon, dass in Berlin die Mauer gefallen sein. Spatscheks Reaktion: „Vergackeiern kann ich mich selbst.“ Daheim angekommen, fuhr sie mit dem Zug nach Berlin. „Ich wollte sehen, ob das wirklich so ist.“ Es war so. „Für die neuen Bundesländer ging es per Kopfsprung ins Neue rein. Da kamen Sachen auf Familien zu, von denen sie noch nie gehört hatten.“

Spatschek will von den Ehrenamtlichen erzählen

Dazu gehörten auch Telefone oder seitenlange Formulare, sagt Konstanze Schumann. Nach der Wende verlor sie ihren Job – und wurde Geschäftsführerin der Arbeitsloseninitiative. „Wir haben alles für die BRD produziert. Wir haben nicht gedacht, dass das einfach nicht mehr gebraucht wird“, sagt Schuhmann. Das Gewerbe vor Ort, viel Textil und viel Maschinenbau, brach zusammen. Erfahrene Mitarbeiter wurden arbeitslos, junge Menschen zogen in die alten Bundesländer – eine ganze Gegend kollabierte. Die Langzeitarbeitslosigkeit sinkt nur, weil Menschen zu Rentnern werden. Schumann und die anderen Helfer vor Ort beraten sie und binden sie in Projekte der Initiative ein. Fördergelder ermöglichen es, dass die Mitarbeiter dabei den Mindestlohn erhalten – und irgendwann vielleicht den Sprung zurück in die freie Arbeitswelt schaffen. „Die Vogtländer sind tüchtige Leute“, sagt Spatschek stolz.

„In Bayern kriegt man nur mit, wenn in Sachsen die AfD marschiert“, sagt Bürgermeisterin Christel Muggenthal. „Dass es dort auch tolle Projekte gibt, erfährt man nicht.“ Spatschek will es erzählen und weiter ihre Pakete schnüren.

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