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„Wir genießen die Zeit, die wir miteinander haben“: Wilhelm Raabe und seine Frau Andrea. 

Demenz

Leben ohne Gestern und Morgen

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Das Gesicht ist immer noch das gleiche: weich und sehr freundlich. Doch Wilhelm Raabe, den alle weit und breit wohl vor allem als Tiger Willi kennen, ist schmaler geworden, blass. Seit fünf Jahren leidet der 69-Jährige an Alzheimer. „Mit meinem Kopf stimmt etwas nicht“, pflegt er manchmal zu sagen. Seine Frau Andrea kümmert sich um ihn und erzählt, wie sich das Leben in dieser Situation anfühlt. Und wo Betroffene Hilfe finden.

Steinebach – Das ist vor allem eine Geschichte über eine Krankheit. Und über die Liebe. Wilhelm Raabe sitzt vor einem Teller mit Breze und Sülze, alles klein geschnitten. Er strahlt über das ganze Gesicht und beantwortet jede Frage mit einem fröhlichen und lauten „Ja!“. Aber verstehen tut er sie nicht. Nicht mehr.

Wilhelm Raabe hat ein illustres Leben hinter sich. Im Alter von 27 Jahren holte er sein Abitur nach, studierte Geschichte, Kunstgeschichte und dann noch Sozialpädagogik. Zuvor hatte er im heimischen Betrieb eine Metzgerlehre absolviert. 1994 begann er seine Karriere als Songpoet Tiger Willi, tingelte gemeinsam mit dem Gitarristen Bonzo Keil über die Bühnen im Landkreis und München. Davon erzählen die beiden Gitarren, die in seinem Zuhause in Steinebach hinter ihm an der Wand stehen.

Als den Tiger Willi hat ihn auch seine Ehefrau Andrea Raabe 2006 kennen gelernt: „Bei einem Auftritt in Freising war das. Ein Unwetter ging nieder, und Willi machte im Foyer den Pausenclown“ erinnert sich die 58-Jährige. Die Leute mochten den Tiger Willi, zu dessen Markenzeichen Weste und Käppi im Tigerlook gehörten, und der ein so großes Herz hatte für all die Geschundenen, für diejenigen, die am Rand der Gesellschaft ein tristes Dasein fristeten, und für die er seine Lieder sang.

Tiger Willi und Andrea Raabe heirateten 2011. Wenig später ging es los. „Er hat sich oft verhaspelt, hatte Wortfindungsschwierigkeiten, sich versungen“, schildert Andrea Raabe. Die Lehrerin, die seit 2013 am Christoph-Propst-Gymnasium arbeitet, sich derzeit jedoch in Sonderurlaub befindet, ahnte es schon. Schließlich hat sie ein Jahr sozialen Dienst in einem Pflegeheim absolviert. Und auch später immer wieder mit alten und dementen Menschen zusammengearbeitet.

Für die beiden begann dennoch eine Odyssee. „Wir sind von Arzt zu Arzt. Einer sagte nur: „Das sind Verkalkungen im Hirn. Besser wird’s nicht mehr.“ Es waren schwere Monate. „Er war depressiv, und er hat viel geweint.“ Wilhelm Raabe landete beim Neurologen, schließlich in der Psychiatrie.

Hilfe fanden die beiden schließlich beim Sozialpsychiatrischen Dienst des Diakonievereins in Starnberg. Die Verantwortlichen vermittelten sie ins Klinikum rechts der Isar an Professor Hans Förstl. Wilhelm Raabe musste sich einigen Untersuchungen unterziehen. Gemeinsam füllte das Paar Fragebögen aus. Wochentag, Geburtsdatum, Alter, das wusste Wilhelm Raabe damals noch. Als er jedoch das Ziffernblatt einer Uhr aufzeichnen sollte, tat er sich schon schwer.

Am gleichen Tag wurde sein Kopf untersucht und ein Kontrastmittel zeigte ziemlich deutlich auf, dass und welche Regionen durch die für Alzheimer klassischen Ablagerungen betroffen waren. „Die waren dort ziemlich nüchtern“, erinnert sich Andrea Raabe. Und sie sprachen Klartext. Alzheimer. Dennoch war Andrea Raabe irgendwie fast erleichtert: „Wenn man es weiß, kann man damit umgehen.“

Der Diagnose folgten weitere Untersuchungen, bis die geeigneten Medikamente endlich gefunden waren, um bei Wilhelm Raabe den Krankheitsverlauf zu bremsen und vor allem dafür zu sorgen, dass er sich besser fühlt. „Die Erkrankten spüren, wenn es ihnen schlecht geht, sie deprimiert sind. Das ist auch unheimlich anstrengend für sie selbst“, erklärt Andrea Raabe.

Fünf Jahre ist das nun her. Einiges haben die Raabes versucht, an Kursen, Tageskliniken, Gesprächsrunden. Das meiste war für den Individualisten Wilhelm Raabe nichts. „Er hat damals schon die ein oder andere Gruppe gesprengt“, sagt Andrea Raabe und lacht. Eine große Hilfe war die Fachstelle für pflegende Angehörige, damals noch im Ilse-Kubaschewski-Haus in Starnberg angesiedelt, heute in Inning. „Barbara Schachtschneider von der Beratungsstelle hat uns gesagt, was zu tun ist. Wie man was beantragt. Alleine hätte ich da nie durchgeblickt.“ Andrea Raabe ahnt, dass an dieser Stelle viele Paare und Angehörige durch das Raster fallen. „Viele sind schon sehr viel älter, wenn es sie trifft. Viele schämen sich auch.“

Heute besucht Wilhelm Raabe Treffen, Erzählcafés, macht eine Maltherapie. Andrea Raabe hat um sich und ihren Mann ein engmaschiges Netzwerk aufgebaut, aus ehrenamtlichen Betreuern, darunter eine Sportlehrerin, ein Musiker und eine Künstlerin, und guten Freunden. Denn auch das gehört dazu, wenn das Schicksal zuschlägt: „Man räumt auf.“ Menschen, die mehr Energie ziehen als Zuneigung und Verständnis zu zeigen, haben in diesem durchorganisierten Leben keinen Platz mehr. Jeder Tag im Leben der Raabes ist strukturiert, das ist für den Erkrankten wichtig. Rituale und Gleichmaß stabilisieren.

Wilhelm Raabes Krankheit verläuft in Schüben. „Seit November geht es ihm schlechter“, beobachtet Andrea Raabe. Sie zwingt ihn zu nichts mehr. Früher habe sie viel mit ihm geübt, „aber das ist uns entglitten“. Denn: „Warum soll jemand, der immer nur Schach gespielt hat, auf einmal Memory spielen?“ Ihr Mann trainiert seine Koordination, geht viel nach draußen. Aber Sachen, die er nicht mag, muss er auch nicht tun.

Nach wie vor unternehmen die Raabes viel, wenngleich lange Autofahrten nicht mehr gehen. „Zu viel Verkehr, abends zu viele Lichter, zu viel Stress“, sagt Andrea Raabe. Aber sie besuchen Freunde, laden ein. Wilhelm Raabes Kurzzeitgedächtnis ist allerdings aus dem Tritt. Er freut sich zwar immer, wenn er Bekannte auf der Straße oder sonstwo trifft. Hat aber nur Momente später vergessen, dass er sie schon begrüßt hat. „Manche reagieren da ungehalten“, sagt Andrea Raabe. Das verunsichert wiederum den Kranken.

Die Alzheimer-Gesellschaft verteilt für solche Situationen kleine Karten. „Bitte haben Sie Verständnis, mein Angehöriger ist erkrankt“, steht darauf. Denn Menschen, die an Alzheimer leiden, sind nicht so einfach zu erkennen. „Sie sitzen schließlich nicht im Rollstuhl, oder haben eine gelbe Binde am Arm“, erklärt Andrea Raabe. In Wörthsee aber musste sie noch nie so eine Karte zeigen. „Hier machen es alle gut und richtig.“

Gelitten haben die beiden dann trotzdem in ihrem Heimatort. Der Verkauf des Kirchenwirts hat das Paar dreieinhalb Jahre lang Nerven gekostet (wir berichteten). „Viele haben uns und vor allem Willi angegriffen. Das war eine zeitlang schlimm, besonders für Willi.“ Sie habe dann auch nicht auf die gesundheitliche Situation ihres Mannes hinweisen wollen, sagt Andrea Raabe. „Aber mehr Verständnis wäre zwischenzeitlich schön gewesen.“ Sie hofft sehr, dass mit dem Verkauf des Kirchenwirts an die Gemeinde endlich Ruhe einkehrt.

Und die Musik? „Willi ist nach der Diagnose vor fünf Jahren noch einige Male aufgetreten“, erinnert sich seine Frau. Sie saß dann neben ihm auf der Bühne und litt Qualen. Die Texthänger wurden länger, immer öfter wusste er nicht mehr, wie es weiterging. Zum Glück sei das Publikum seinem Tiger Willi wohlgesonnen gewesen. Wenige Monate nach der Diagnose verließ Wilhelm Raabe die Bühne für immer.

Prognosen gibt es für den Verlauf bei Alzheimer nicht. „Damit kann man sehr alt werden“, sagt Andrea Raabe. Die beiden haben es sich gut eingerichtet in ihrem gemütlichen Haus in der Ortsmitte Steinebachs. Es ist ein Leben ohne gestern und morgen. Am 9. April wird Wilhelm Raabe 70 Jahre alt. Es wird eine kleine Party geben und Wilhelm Raabe wird sich freuen – aber nicht wissen, dass es um seinen Geburtstag geht.

Andrea Raabe kann sich gut vorstellen, eines Tages selbst eine Alzheimer-Beratung anzubieten. „Viele sind so verloren, wenn es sie trifft. So wie wir am Anfang.“ Doch egal wie gut alles organisierbar ist, eines ist für die 58-Jährige auch klar. „Deinen Partner zu pflegen, funktioniert nur, wenn die Beziehung stabil ist.“ Ansonsten werde daraus reine Pflicht, „und dann kommt der Frust“. Das bedeute im Umkehrschluss, „dass Angehörige auch Nein sagen dürfen und müssen“. Das habe für sie nie zur Diskussion gestanden. „Wir lieben uns und genießen die Zeit, die wir miteinander haben.“

Während des Gesprächs ist Wilhelm Raabe mit seiner Betreuerin Stefanie Hutter unterwegs. Gerade kommt er wieder. Er sitzt im Auto, strahlt und winkt. So freundlich wie früher, wenn er auf der Bühne stand und jeden Zuhörer einzeln verabschiedete. Er ist und bleibt der Tiger Willi.

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