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Die Natur für sich arbeiten lassen

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Von: Hanna von Prittwitz

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Interessierte Waldbesucher und Fachleute (v.l.): Maxi Heinzler, Robert Wihan (FW-Gemeinderat), Jörg Heinzler (Waldbesitzer), Vizebürgermeister Josef Kraus, Harald Appelt (AELF), Gerald Grobbel (Grünen-Gemeinderat), Juliane Seeliger-von Gemmingen (Kulturreferentin), Traudl Helm, Christian Ufer (Landschaftsarchitekt) und Barbara König-Schmidbauer (Mitarbeiterin Gemeinde Wörthsee) Das Grundprinzip ist: Ich nutze so viel, wie nachwächst. Harald Appelt, Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten
Interessierte Waldbesucher und Fachleute (v.l.): Maxi Heinzler, Robert Wihan (FW-Gemeinderat), Jörg Heinzler (Waldbesitzer), Vizebürgermeister Josef Kraus, Harald Appelt (AELF), Gerald Grobbel (Grünen-Gemeinderat), Juliane Seeliger-von Gemmingen (Kulturreferentin), Traudl Helm, Christian Ufer (Landschaftsarchitekt) und Barbara König-Schmidbauer (Mitarbeiterin Gemeinde Wörthsee) Das Grundprinzip ist: Ich nutze so viel, wie nachwächst. Harald Appelt, Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten © privat

Wie bewirtschaftet man einen Wald nachhaltig? Was ist ein Baum wert? Welche Folgen hat der Klimawandel? Über einen äußerst informativen Spaziergang bei Steinebach.

Steinebach – Mit einem Waldbesuch startet in Wörthsee die neue Vortragsreihe „Talk im Rathaus“. Revierförster Harald Appelt vom Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AELF) brach mit rund 15 Neugierigen am frühen Abend in den kleinen Wald an der Kuckuckstraße in Steinebach auf, um mit ihnen über moderne und nachhaltige Forstwirtschaft zu sprechen, über Naturverjüngung und den Spagat zwischen Waldnutzung und Artenvielfalt. Unter der Zuhörerschar: Gemeinderäte und Vizebürgermeister Josef Kraus, Landschaftsarchitekt Christian Ufer, der für die Gemeinde zahlreiche Projekte betreut, und Jörg Heinzler, Waldbesitzer und Vorstand des Bienenzuchtvereins Starnberg.

Appelt ist für etwa 6200 Hektar Wald rund um die Gemeinden Wörthsee, Gauting, Weßling, Gilching und Krailling zuständig. Zu seinen Aufgaben zählt – neben Exkursionen wie diesen – die Beratung von privaten Waldbesitzern wenn es um Waldpflege oder auch staatliche Förderungen geht. „Und wir haben die Hoheit im Wald und sind dafür verantwortlich dafür, dass die Waldbesitzenden und auch Dritte die Rechte des Waldes einhalten.“

Die kleine Exkursion begann im Buchteil an der Kuckuckstraße. Wenige hundert Meter Luftlinie entfernt entsteht gerade ein Supermarkt, schon dafür wurde gefällt. Das zusätzlich geplante Wohnquartier soll mit einem Hackschnitzelheizwerk versorgt werden, dafür sind weitere Fällungen nötig. Die Bürgerschaft ist alarmiert. Appelt hatte unabhängig davon im Frühjahr mehrere alte Buchen markiert, die raus sollten. Christian Ufer machte dies in Absprache mit der Gemeinde zum Teil rückgängig (wir berichteten). Kein Problem für Appelt. „Das ist eine politische Entscheidung der Gemeinde, die wir akzeptieren müssen.“ Natürlich ging es auch um die Verkehrssicherungspflicht. Ihr fallen viele Bäume zum Opfer, denn wenn sie auf Straßen und Wege stürzen, sind sie aufgrund der Rechtssprechung und der Verantwortung ihrer Besitzer ein Problem. Daran gibt es nichts zu deuteln.

Schnell war die kleine Versammlung beim Thema Nachhaltigkeit angelangt. Wie zeitgemäß ist Waldwirtschaft im Hinblick auf Nachhaltigkeit und Klimawandel? „Wenn die Gesellschaft keine Bewirtschaftung mehr will, werden wir nicht mehr bewirtschaften“, sagte Appelt. Auf der anderen Seite steuere die Bewirtschaftung die Entwicklung eines Waldes. „Wir können viele Weichen stellen und durch die Bewirtschaftung die Zukunftsfähigkeit eines Waldes pflegen.“ Auf Katastrophen wie Jahrhundertstürme, wie sie alle sieben Jahre auftreten, und Baumerkrankungen habe die Bewirtschaftung allerdings keinen Einfluss, das sei auch klar. „Aber wenn wir in diesem Buchenwald nichts machen, haben wir nur noch Buchen. Wenn diese erkranken, und das ist beispielsweise in Rothenburg ob der Tauber entlang der Autobahn gut zu sehen, haben wir auch hier ein Problem.“ Durch Bewirtschaftung lasse sich ein Wald stabilisieren.

Die Versammlung stand unter einer hohen Buche. Das Alter schätzten alle auf 40 bis 60 Jahren, der Baum stehe hier schon seit 130 bis 150 Jahren, schätzt Appelt. Er hat ihn rot markiert, denn er hat Fällreife. Das heißt, sein Stammholz ist gut zu nutzen. Rund 1000 Euro ist der Baum wert, 130 bis 160 Euro gibt der Kubikmeter her, um die 100 Euro gehen für die Bearbeitung ab. Die Buche darf vorerst noch stehen bleiben. „Aber früher oder später nehmen wir sie raus.“ Ein Generationenwechsel sei fällig, „die Verjüngung findet statt“. Kein Grund für Empörung, findet auch Ufer. „In der Gemeinde wird de facto durch die Ausgleichspflanzungen vor allem am Ziegelstadel Wald vermehrt.“

„Wir haben alle Ansprüche an den Wald, er erfüllt viele Funktionen“, erklärte Appelt. „Und wir können unser heimisches Holz nutzen, da kennen wir die Bedingungen. Das Grundprinzip ist: Ich nutze so viel, wie nachwächst.“ Er könne im Wald nicht einfach schalten und walten, sondern ein Kommunalwald wie der Steinebacher werde von Experten für 20 Jahre überplant. „Wir gehen nicht nur mit Eurozeichen in den Augen durch den Wald“, versicherte der Revierförster. Die moderne Forstwirtschaft lasse die Natur für sich arbeiten. „Sie macht es in den meisten Fällen besser als wir.“ Dabei schaue er immer auch in die Zukunft. Welche Baumarten halten dem Klimawandel stand? Welche passen zum Standort? „Wir machen also relativ komplexe Sachen im Wald, und in der Regel endet das damit, dass die Motorsäge läuft.“

Reicht der Wald für die hohen Ansprüche? Die Zahlen der Bundeswaldinventur stammen von 2012, zeitnah werden aktuellere erwartet. Die alten zeigen, dass es zumindest den Wälder in Bayern noch ganz gut geht. Pro Jahr wachsen in einem Wald wie diesem an der Kuckuckstraße pro Hektar sechs Festmeter Holz zu, schätzt Appelt. In anderen Wäldern können es laut Statistik bis zu zwölf Festmeter sein. Sorge, dass das Restholz für eine Hackschnitzelheizanlage beispielsweise nicht reiche, seien unbegründet. „Da reicht das Restholz von 230 Hektar Wald, und die Gemeinde hat 600 Hektar“, ergänzte Waldbesitzer Heinzler.

Zum Schluss ging es noch kurz um die Arbeit der gewaltigen Harvester, die in den Wäldern oftmals brutale Spuren hinterlassen, was Zuhörerin Traudl Helm bekümmerte. Appelt versteht das. „Aber die Harvester sind das Sicherste, was wir haben“, sagte er und erzählte, dass pro Jahr auf ein Kubikmeter Sturmholz ein toter Forstarbeiter entfällt. Abgesehen davon kosteten die Maschinen bis zu 800 000 Euro mindestens: „Sie haben entsprechend einen vollen Terminplan und können nicht warten.“ Übertreiben dürfte es dennoch niemand der rund 800 000 Waldbesitzer in Bayern. „Es wird kontrolliert, was sie machen. Wald bleibt Wald.“

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