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Der frühere Bundespräsident Wulff erhält den „Toleranz-Preis“ der Evangelischen Akademie Tutzing. Damit soll dessen „leidenschaftliches Werben für einen verstärkten Dialog mit dem Islam“ gewürdigt werden. Oder ist der Preis ein Beitrag zur Integration des gefallenen Politikers? Wir fragten nach.

Toleranzpreis

Wulff: Vorkämpfer für den Dialog mit dem Islam

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Tutzing - Der frühere Bundespräsident Wulff erhält den „Toleranz-Preis“ der Evangelischen Akademie Tutzing. Damit soll dessen „leidenschaftliches Werben für einen verstärkten Dialog mit dem Islam“ gewürdigt werden. Oder ist der Preis ein Beitrag zur Integration des gefallenen Politikers?

Er will zurück nach oben. Der ehemalige Bundespräsident Christian Wulff. Deswegen hat er sein Buch „Ganz oben – ganz unten“ geschrieben. Daher sucht er das Gespräch mit den Bürgern. Deshalb setzt er sich in Talkshows. Jetzt wird ihm eine Ehrung zu teil, die ihm auf dem Weg zurück zumindest wie Balsam auf seine Seele wirken wird. Christian Wulff wird mit dem undotierten „Toleranz-Preis“ der Evangelischen Akademie in Tutzing (Kreis Starnberg) geehrt. Der Preis sei keine Wiedergutmachung für Christian Wulff, stellte Akademiedirektor Udo Hahn gegenüber unserer Zeitung klar. „Wir haben dazu keine Veranlassung. Wir sind auch nicht für die Presse-und Öffentlichkeitsarbeit von Herrn Wulff zuständig.“ Es gehe darum, Wulffs „leidenschaftliches Werben für einen verstärkten Dialog mit dem Islam“ zu würdigen.

Wenn man eine Entwicklung in der Gesellschaft verstärken wolle, dann müsse man etwas aufgreifen, das von Menschen mit Rang und Namen verlautbart werde. Die Rede zum Tag der Deutschen Einheit 2012, in der Wulff gesagt hatte, der Islam gehört zu Deutschland, habe bis heute Signalcharakter. „Sie wirkt in der muslimischen Gemeinschaft deutlich nach.“ Mit ihm habe sich Stimme zu Wort gemeldet, die über alle Grenzen von Parteien und Bevölkerungsschichten anerkannt sei. Freilich müsse man darüber diskutieren, inwieweit der Islam zu Deutschland gehört. „Aber das ist gerade der Auftrag unserer Akademie, dass wir den Diskurs fördern.“ Bedauerlicherweise habe das Thema Islam auf der weltpolitischen Ebene gerade eine ungeahnte Dramatik bekommen. „Umso wichtiger ist es, dass wir mit Muslimen ins Gespräch kommen“, so Hahn. Die Entscheidung für den ehemaligen Bundespräsidenten sei in der fünfköpfigen Jury einstimmig getroffen worden, sagte er. Gewiss biete die Person von Herrn Wulff vielerlei thematische Ansätze zur Diskussion. „Für uns ist aber das Thema Islam und Integration von Muslimen maßgeblich – zu den anderen Dingen möchten wir uns kein Urteil erlauben.“

Vorsitzender der Jury ist Günther Beckstein, der frühere bayerische Ministerpräsident und Leiter des Politischen Clubs der Akademie. Er begründete die Wahl von Wulff so: „Er hat auf dem Gebiet der Integration und Toleranz gegenüber Migranten herausragendes geleistet. Da brauchen Sie nur irgendjemanden in der türkischen Community fragen, da hat Christian Wulff ein herausragendes Ansehen.“ Während eines laufenden Strafverfahrens wegen Untreue hätte man es nicht gemacht. Die Frage sei aber geklärt, ihm sei rechtlich nichts vorzuwerfen. „Wir wollen ihm mit dem Preis auch keine moralische Weihe geben. Da hat es bei uns in der Jury auch durchaus unterschiedliche Meinungen gegeben, ob er sich nun sehr geschickt oder ungeschickt gegenüber den Medien verhalten hat. Aber letztlich war ausschlaggebend, was er für das Verhältnis zum Islam geleistet hat“, stellte Beckstein klar.

„Der Ausspruch ,Der Islam gehört zu Deutschland’, den ich erst für problematisch gehalten habe, hat eine symbolhafte Bedeutung bekommen. Das hat bei Muslimen eine ganz, ganz große Beachtung gefunden“, erklärte Beckstein. Das Verhältnis zum Islam werde in den nächsten Jahrzehnten noch an Bedeutung gewinnen. „Von daher ist es auch richtig, den Kontakt zu dem vernünftigen Islam zu verstärken. Und da ist eindeutig, dass Wulff eine starke Brücke ist.“

Die Auszeichnung wird am 30. Oktober im Schloss Tutzing überreicht. Neben Wulff wird in der Kategorie Zivilcourage Constanze Kurz, ehrenamtliche Sprecherin des Chaos Computer Clubs, geehrt. Bisherige Träger des Preises, der alle zwei Jahre verliehen wird, waren unter anderem der frühere Bundespräsident Roman Herzog, der Dirigent Daniel Barenboim, der Schriftsteller Henning Mankell und der Aga Khan.

Claudia Möllers

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