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Kerzen und ein Holzkreuz  stehen an der Böschung, an der der  junge Mann sein Leben lassen musste.

Ein Augenblick, der alles veränderte

Weilheim - Bei einem schweren Autounfall starb im Oktober 2011 in Deutenhausen bei Weilheim ein 16-Jähriger. Seither ist die Welt für seine Familie und seine Clique nicht mehr die, die sie mal war.

Als sie sich am Abend des 5. Oktober im vergangenen Jahr bei McDonalds in Weilheim trafen, waren sie guter Dinge. Es war Mittwochabend gegen 21 Uhr, die Straßen trocken, sie hatten drei Autos zur Verfügung, also fuhren sie los. Zur Kapelle im Wald bei Seeshaupt. Sie hörten laut Musik, sie fuhren schnell, die Landschaft flog nur so an ihnen vorüber. Lauter Jungs, die das Leben noch vor sich hatten. Dass einer von ihnen die nächste Stunde nicht überleben würde, dass sie die letzten Minuten ihrer unbeschwerten Jugend, die letzten Augenblicke ihrer festen Clique erleben, und dass danach alles anders sein würde, konnte keiner von ihnen ahnen.

Ob es schon auf der Fahrt zur Kapelle los ging mit der Raserei und dem riskanten Überholen, darüber gehen die Aussagen der Jugendlichen in der Verhandlung vor dem Weilheimer Jugendgericht auseinander, wo sich nun einer der Fahrer – ein 19-jähriger Weilheimer – wegen fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Körperverletzung verantworten muss. Die einen sagen, dass der damals 18-Jährige bereits auf dem Hinweg die anderen beiden vor ihm fahrenden Autos in einem Rutsch überholt habe, in einem Affenzahn weiter gerast sei und dann bei Magnetsried wieder gewartet habe. Die anderen meinen, es sei eine „ganz normale“ Fahrt gewesen.

Bei der Kapelle angekommen, haben sie geraucht und geredet. Nach gut einer Viertelstunde brachen sie wieder auf. Ein 19-jähriger Peißenberger fuhr mit seinem Wagen voraus, ihm folgte ein weiterer Peißenberger. Das letzte Auto, einen BMW, steuerte der Weilheimer. Sie waren wieder schnell unterwegs. Aber offensichtlich noch nicht schnell genug.

Bei Seeshaupt überholte erst das zweite Auto das Vorausfahrende, der Angeklagte zog nach und überholte ebenfalls. „Ich war auch schon mit 110/120 Sachen unterwegs, aber die anderen haben mich überholt, deshalb hab’ ich den Kopf geschüttelt und Lichthupe gegeben“, sagt der 19-jährige Peißenberger vor Gericht aus. Die anderen beiden Autos seien so schnell davongezogen, dass er sie aus den Augen verloren habe. Erst an der Unfallstelle sei er wieder auf sie getroffen.

Im nun mittleren Wagen auf der Rückbank hinten links saß sein 16-jähriger Bruder. Sie waren zu Fünft in dem Auto, das der Weilheimer rasant durch die Nacht steuerte. Dass der Peißenberger Lichthupe gegeben hat, haben sie nach ihren Aussagen wohl bemerkt, aber nicht weiter thematisiert. „Wir haben Musik gehört“, sagt einer von ihnen aus.

Erst als der Angeklagte in Marnbach links an der Verkehrsinsel vorbeizog, um den vor ihm fahrenden Peißenberger und ein anderes Auto in einem Zug zu überholen, reagierte einer der Mitfahrer: „,Fahr mal langsamer‘, hab’ ich gesagt“, doch der Angeklagte habe nicht reagiert, sei weiter gerast. Das war kurz vor Deutenhausen, kurz bevor er gegen 22 Uhr die Kontrolle über sein Auto verlor. „Als das Ortsschild kam, hab’ ich auf 70 bis 80 km/h ’runtergebremst und das Auto rollen lassen“, schildert der Angeklagte die Sekunden vor dem Unfall vor Gericht. In Deutenhausen auf Höhe der Verkehrsinsel sei dann das Auto nach rechts ausgebrochen. „Ich habe versucht, gegenzulenken. Das hat geklappt.“ Dann sei das Auto auf die andere Seite ausgebrochen. „Ich hab’ wieder versucht gegenzulenken, aber es ging nicht mehr, wir sind die Böschung hochgefahren.“

Nach den Ermittlungen der Polizei schleuderte der Wagen gegenüber der Gaststätte „Goldener Stern“ über den Geh- und Radweg, prallte gegen einen Baum, wurde zurückgeschleudert und krachte gegen einen weiteren Baum. Laut Sachverständigen-Gutachten muss der Weilheimer mit „mindestens 90 bis 95 km/h“ unterwegs gewesen sein, als er ins Schleudern geriet. Ein Baum wurde bei dem Aufprall durchgeschlagen.

Dem Verdacht des Angeklagten, dass sein Auto einen technischen Defekt gehabt haben muss, widersprach der Gutachter vor Gericht: Die Lenkung sei in Ordnung gewesen – „so ein schönes, neues Lenkgewebe habe ich in meiner ganzen Laufbahn noch nicht gesehen“ – ebenso wie Reifendruck und Reifen.

Nach Überzeugung des Verkehrsgutachters ist der Weil-heimer zu schnell in die Kurve gefahren, was aber für einen „sehr geübten Fahrer schon noch beherrschbar“ gewesen wäre. Der Angeklagte als Führerschein-Neuling „hat’s nicht mehr beherrscht“, so der Gutachter. Wenn der Weilheimer, was gut sein könne, tatsächlich in der Linkskurve auch noch gebremst habe, dann habe er damit einen „schlimmen, gravierenden Fahrfehler“ begangen.

„Ich bin über die Beifahrertüre rausgeklettert und habe die anderen gesucht“, schildert der Angeklagte, was nach dem schrecklichen Unfall geschah. Drei seiner Mitfahrer habe er gesehen und sie gefragt, wo der Vierte sei. Er habe den 16-jährigen Peißenberger im Auto sitzend gefunden. „Ich habe ihn angesprochen, aber keine Reaktion, nur ein kurzes Kopfnicken.“ Er habe ihn auf die Rückbank legen wollen, doch die anderen hätten ihn weggezogen.

„Ich habe kurz mit ihm geredet“, sagt der Bruder des 16-Jährigen vor Gericht. „Hol’ mich hier raus“, habe er gesagt und dass er sie alle liebe. „Er ist fast in meinen Armen gestorben.“ Der 16-jährige Peißenberger erlag noch an der Unfallstelle seinen schweren Verletzungen. In der Todesbescheinigung steht, dass der Bub ein schweres Poli-trauma, eine Lungenquetschung, eine Schlüsselbeinfraktur und ein Schädeltrauma erlitten hat und an den Folgen des Politraumas gestorben ist. Die drei anderen Mitfahrer wurden zum Teil so schwer verletzt, dass sie ins Unfallklinikum Murnau eingeliefert wurden. Sie leiden noch heute unter den Unfallfolgen – physisch wie psychisch. „Ich habe schlaflose Nächte, die Bilder kommen hoch, wenn ich alleine bin“, sagt einer der Jugendlichen vor Gericht. Auch der Fahrer zog sich ein Schädel-Hirntrauma und Prellungen zu. Bis zu dem Unfall hat er beim SVL Fußball gespielt, was nun nicht mehr möglich ist.

„Ich habe einen Fehler begangen“, räumt er in dem Prozess ein. Er habe inzwischen ein Fahrtraining beim ADAC absolviert, um in Zukunft besser reagieren zu können. „Es ist für mich nicht leicht“, sagt er gegen Ende der Verhandlung zu den Eltern des getöteten Buben, die am Verfahren als Nebenkläger teilnehmen. Beide tragen schwarze Kleidung. Das Unfallopfer sei sein bester Freund gewesen. „Es tut mir aus tiefstem Herzen leid.“ Den Prozess verfolgt er mit ernstem, traurigem Blick, aufmerksam und gefasst, aber irgendwie gebrochen.

Annehmen kann insbesondere der Bruder des tödlich Verunglückten seine Entschuldigung nicht. Immer wieder muss er von Richter Michael Eberle ermahnt werden, Ruhe zu bewahren. „Ich will hier eine geordnete Verhandlung, auch das sind wir Ihrem Bruder schuldig“, sagt er ein Mal, als der Peißenberger wieder einmal die Fassung verliert und den Angeklagten anschreit. Immer wieder kämpfen seine Eltern während des Prozesses mit den Tränen, atmen tief durch, halten es kaum auf ihren Stühlen aus. Insbesondere die Mutter quälen viele Fragen: „Wieso hast Du als Beifahrer nicht gesagt, mach langsam’?“, fragt sie zum Beispiel einen Zeugen. Der Vater leidet still. Ein Mal verliert er den Kampf gegen die Tränen kurz.

Als sich die Beweisaufnahme dem Ende zuneigt, sagt die Mutter zu dem Angeklagten: „Ich finde, dass Du nicht dazu gestanden hast, was Du getan hast.“ Sie regt an, dass dem ehemaligen Freund ihrer Söhne der Führerschein entzogen wird. „Ich habe Angst, dass so etwas noch einmal passiert.“

Die Clique, die sich am Abend des 5. Oktobers aufgemacht hatte, gibt es so nicht mehr. Zum Angeklagten habe man keinen Kontakt mehr, sagt einer der Jugendlichen aus. „Wir haben uns auseinander gelebt. Mit dem Fahrer ist keiner mehr befreundet.“ Fast alle, die bei jener Fahrt dabei waren, sitzen als Zeugen oder Zuhörer im Sitzungssaal 18 des Amtsgerichts. Vor ihnen, ein wenig abseits, die Eltern des Angeklagten. Während des Plädoyers der Staatsanwältin legt der Bruder des Verstorbenen seine Hände auf die Rücken seiner Eltern. Und kurz ist es, als ob das Unfallopfer in ihrer Mitte ist.

Trotz der vielen Menschen herrscht bis auf ein lautes Schluchzen des Bruders Stille im Raum, als Richter Eberle das Urteil verkündet: Der Angeklagte wird wegen fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Körperverletzung in drei Fällen nach Jugendstrafrecht zu zehn Monaten Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt. Als 19-Jähriger konnte er entweder nach Jugend- oder Erwachsenenstrafrecht behandelt werden – je nach Reifegrad. Das Verhalten des Angeklagten lasse aber auf jugendtypisches Verhalten schließen, so die einhellige Meinung von Staatsanwältin, Richter, Jugendgerichtshelfer und Verteidiger. Sein Fahrverhalten sei von jugendlichem Imponiergehabe geprägt gewesen. Es wird eine besondere Schwere der Schuld festgestellt. „Sie haben sich über eine Kette von Warnungen so hinweggesetzt, dass es zum Tod eines jungen Menschen gekommen ist“, sagt der Richter bei der Urteilsbegründung. Dabei sei das Problem nicht das fahrerische Können gewesen, „das ganz zentrale Problem liegt im Kopf.“ Deswegen wird dem Weilheimer die Fahrerlaubnis für 18 Monate entzogen. Noch im Gerichtssaal gibt der junge Mann seinen Führerschein ab. „Wäre Erwachsenenrecht zum Zuge gekommen, wäre die Freiheitsstrafe wohl nicht zur Bewährung ausgesetzt worden“, sagt der Richter. Jugendstrafrecht setze jedoch andere Maßstäbe.

Als das Urteil gesprochen und die Verhandlung geschlossen ist, will keiner so recht gehen. Alle bleiben auf ihren Stühlen, so, als ob sich dadurch noch etwas ändern ließe an dem schrecklichen Unfall, am Tod eines Menschen, daran, dass für die Jugendlichen und ihre Familien nichts mehr so ist wie vor jenem Oktoberabend. Richter Eberle bittet die Zuhörer, den Saal zu verlassen und die Eltern des toten Buben, ihren anderen Sohn mitzunehmen. Dem Verurteilten und seinem Anwalt rät er, noch eine Weile sitzen zu bleiben. Damit die aufgestaute Wut und der tiefe Schmerz nicht noch in Gewalt umkippen. Langsam leert sich der Gerichtssaal.

An der Unfallstelle gleich am Fuß- und Radweg gegenüber dem „Goldenen Stern“ in Deutenhausen sind die Spuren des schrecklichen Ereignisses mittlerweile fast nicht mehr zu sehen. Die Büsche treiben neue zartgrüne Blätter. Die Lücke, die das schleudernde Auto in die Bepflanzung an der Straße gerissen hat, ist fast geschlossen. Über die Reifenspuren ist Gras gewachsen. Es stehen Blumen, Kerzen und ein Holzkreuz in der Böschung. Um das Kreuz ist eine Kette gelegt. Auf ihr ist der Papst zu sehen. Nur wer genau hinschaut, erkennt, dass rund um das Kreuz der Boden voller kleiner Scherben ist. Sie glitzern in der Abendsonne.

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