Die Überschwemmungen im Juni 2016 sind den Anliegern noch bestens in Erinnerung. Sie haben Angst, dass es bald wieder soweit ist.

Peißenberg

Baggern ist nicht gleich baggern

Dass das Wasserwirtschaftsamt den Michelsbach von Anlandungen befreit hat, sorgt in Peißenberg für große Verwunderung. Die Frage, die sich Anlieger, die Rathausverwaltung und der Marktrat gleichermaßen stellen: Warum darf das Wasserwirtschaftsamt einen Bachlauf ausbaggern, die Gemeinde am Wörthersbach aber nicht?

Der Hochwasserschutz in Peißenberg bleibt eine zähe Angelegenheit. Selbst bei der Umsetzung von kleineren Maßnahmen hakt es. So wurde zwar bei einem Ortstermin im Oktober mit der „Interessensgemeinschaft Hochwasserschutz“ vereinbart, dass im Wörthersbach Anlandungen entfernt werden. Doch im Anschluss daran erklärte die Gemeinde mit Hinweis auf die Behörden, dass eine Ausbaggerung erst im Spätsommer 2019 möglich sei.

Umso verwunderter reagierte man nun, als das Wasserwirtschaftsamt vor kurzem den Michelsbach, einen Zulauf des Wörthersbachs, ausräumen ließ. „Uns sagt man, dass das Ausbaggern aus Naturschutzgründen nicht geht – und dann macht das Wasserwirtschaftsamt genau das, was wir nicht dürfen“, monierte Bürgermeisterin Manuela Vanni in der jüngsten Marktratssitzung.

Nähere Details konnte die Rathauschefin im Gremium nicht verkünden, ebenso wenig wie Bauamtsmitarbeiter Thomas Schamper: „Wieso gebaggert wurde, wissen wir nicht.“ Auf Anfrage der Heimatzeitung beim Wasserwirtschaftsamt erklärte Behördenleiter Roland Kriegsch, dass der Michelsbach entlang des St.-Michelswegs ein gepflastertes Schussgerinne mit „geringerer ökologischer Bedeutung“ sei. Weil der Wildbach dort ausgebaut sei, falle die Pflege des Bachlaufs in den Zuständigkeitsbereich des Wasserwirtschaftsamtes.

Ziel der Behörde ist es laut Kriegsch, das abfließende Wasser im Bereich des Schussgerinnes, „so schnell wie möglich durch die örtlichen Verhältnisse zu bringen“. Und dementsprechend müsse für den Hochwasserschutz der Bachlauf von Zeit zu Zeit ausgebaggert werden. Grundsätzlich könne man den Michelsbach nicht mit dem Wörthersbach vergleichen: „Die haben unterschiedliche Charakteristika“, so Kriegsch.

Die Argumentation dürfte für die betroffenen Anlieger am Wörthersbach nur schwer nachvollziehbar sein. Ihnen wurde von offizieller Seite stets gesagt, dass Eingriffe in einen Bachlauf keine hochwasserschutztechnischen Verschlechterungen für die Unterlieger verursachen dürfen.

Wenn das Wasser aber nun schneller den Michelsbach hinunterläuft, so wie von Kriegsch beschrieben, fließt es auch schneller zum neuralgischen Einmündungsbereich am Wörthersbach. „Das passt alles nicht zusammen“, kritisiert denn auch Thomas Schamper auf Nachfrage. Was der Bauamtsmitarbeiter ebenfalls „nicht nachvollziehen“ kann, ist der Umstand, dass sich das Wasserwirtschaftsamt beim Ortstermin im Oktober noch skeptisch über die hochwasserschutzpräventive Wirkung von Ausbaggerungen gezeigt hatte: „Erst sagt man, ,es bringt nichts‘, und dann baggert man selbst am Michelsbach.“ Aber wer hat der Gemeinde eigentlich untersagt, möglichst zeitnah am Wörthersbach Ausbaggerungen vorzunehmen? Die Antwort ist kompliziert. Laut Landratsamts-Pressesprecher Hans Rehbehn weiß man bei der Unteren Naturschutzbehörde von keinem offiziellen Schreiben an die Marktgemeinde, in dem eine Bachräumung am Wörthersbach verboten worden wäre.

Das Zeitfenster 15. August bis 30. September ergebe sich aus dem Fischerei- und nicht aus dem Naturschutzrecht. Ob aus dem entsprechenden Sachgebiet ein Veto ausgesprochen worden sei, konnte die Pressestelle des Landratsamts auf die Schnelle nicht eruieren.

Thomas Schamper indes spricht von einer E-Mail, die von der Kreisbehörde an die Gemeinde versandt worden sei. Nach Informationen der Heimatzeitung handelt es sich dabei um eine Stellungnahme einer Mitarbeiterin aus dem Sachbereich „Fachlicher Naturschutz“. Darin wird einer Bachräumung im März /April 2019 nicht zugestimmt – unter anderem mit Hinweis auf die Laichzeit von Amphibien und die Gefährdung der Fischbrut. Der Termin März/ April war der Gemeinde aber laut Schamper vom Fischereiverband als einzig möglicher Zeitraum genannt worden. Von Seiten des Landratsamts gibt es zu besagter E-Mail keine Auskünfte. Die besagte Kollegin ist derzeit im Urlaub.

Bernhard Jepsen

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