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Gerhard Polt: Deshalb braucht es das „Forum Humor“ am Starnberger See

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Von: Magnus Reitinger

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Spontane Feier im Garten von Gerhard Polt am Schliersee: (v.l.) Reinhard G. Wittmann, Peter Gaymann, Viktoria Steinbiß-Gaymann (vom „Forum Humor und komische Kunst“) stießen vergangenen Freitag mit Tini Polt, Gerhard Polt und Bernrieds Bürgermeister Georg Malterer auf die Förderzusage für das „Forum Humor“ in Bernried an.
Spontane Feier im Garten von Gerhard Polt am Schliersee: (v.l.) Reinhard G. Wittmann, Peter Gaymann, Viktoria Steinbiß-Gaymann (vom „Forum Humor und komische Kunst“) stießen vergangenen Freitag mit Tini Polt, Gerhard Polt und Bernrieds Bürgermeister Georg Malterer auf die Förderzusage für das „Forum Humor“ in Bernried an. © Malterer

Kabarettist Gerhard Polt ist eine der treibenden Kräfte hinter dem Humorfestival Bernried und dem „Forum Humor“, das dort bald entsteht. Warum es beides dringend braucht, verrät er im Interview.

Bernried – Gerhard Polt und Bernried, das ist mittlerweile so etwas wie eine Liebesbeziehung. Als „erster Inspirator“ der Initiative „Forum Humor und komische Kunst“ (wie ihn der Vereinsvorsitzende Reinhard G. Wittmann nennt) hat Bayerns wohl bekanntester Kabarettist das Humorfestival Bernried mit aus der Taufe gehoben. Und er hat mit dafür gesorgt, dass dort nun das „Forum Humor“ gebaut wird. Am 22. Juli tritt Polt wieder live im Bernrieder Klosterhof auf. Zuvor ist er noch Schirmherr des Kasperltheaterfests, das im Rahmen des Humorfestivals am 16./17. Juli im Sommerkeller stattfindet – und das dem 80-Jährigen ein Herzensanliegen ist. Was ihm am Kasperltheater so gefällt und weshalb es das „Forum Humor“ dringend braucht, das verrät Polt im Interview.

Erinnern Sie sich noch, wann Sie zum allerersten Mal in einem Kasperltheater waren?

Wann das war, weiß ich nicht. Aber dass ich als Kind das ein oder andere Kasperltheater gesehen hab’, das weiß ich schon.

Was hat Ihnen daran gefallen?

Der Kasperl, das Krokodil, der Schandi, diese allegorischen Figuren, das sind wunderbare Erinnerungen. Das ist einfach Unterhaltung pur. Und es ist wunderbar, wie die Kinder da heute noch drauf abfahren. Das ist das Gegenteil von dem, wenn sie in ein Tablet reinschauen oder wie die ganzen Geräte heißen. Kasperltheater, das ist live, da reagiert man darauf, das ist wunderbar.

Kabarettist Gerhard Polt (80) macht sich seit Jahren für die Errichtung eines „Forums Humor“ stark und ist Mitinitiator des Humorfestivals in Bernried
Kabarettist Gerhard Polt (80) macht sich seit Jahren für die Errichtung eines „Forums Humor“ stark und ist Mitinitiator des Humorfestivals in Bernried. © Matthias Balk/dpa

Finden Sie Kasperltheater deshalb so wichtig für Kinder?

Ja, das ist so direkt, da sitzen die Kinder mittendrin. Ab einem gewissen Alter nehmen sie Anteil, ob das Krokodil jetzt zuschnappt oder nicht und wer zum Beispiel der Dieb ist, und sie schreien auch „Kasperl, pass auf“ oder so was… Die Gefühle sind da am Siedepunkt. Wenn das Kasperltheater gut gemacht ist, ist das ein unglaubliches Erlebnis für Kinder. Und wenn die Erwachsenen sehen, wie die Kinder da abfahren, dann ist das auch für siegut. Das ist einfach schön, das ist eine uralte Form der Unterhaltung, ururalt. Und die hat sich Gott sei Dank nicht überlebt, sondern lebt nach wie vor sehr gut, muss ich sagen.

Haben Sie sich das immer schon gewünscht, Schirmherr von so einem Kasperltheaterfest zu sein?

Ja mei, was heißt Schirmherr? Über die Kasperltheaterkultur gibt’s ja Doktorarbeiten, da gibt’s unheimlich viel Literatur, über die Herkunft und Bedeutung der Figuren, über den Kampf mit der falschen und mit der richtigen Autorität, über das Anarchistische, was da drin ist… Das Kasperltheater ist eine Welt, vergleichbar mit der Welt des Theaters, es ist eine unheimlich gute Möglichkeit, die Welt der Kinderträume und der Kindervorstellungen zu erweitern.

Ich merke schon: Sie sind gern Schirmherr…

Natürlich, logisch, hier in Neuhaus, im Wasmeier-Museum, gibt’s auch ein Kasperltheater-Festival, da bin ich auch Schirmherr. Ich bin dankbar und freu’ mich, dass es das gibt. Und ich hab’ auch das Gefühl, dass das eine gewisse Renaissance hat, weil es wieder mehr Leute gibt, die das machen. Die Begeisterung, die Sie da sehen können, steckt an.

Den Humor persönlich, den kenne ich nicht. Ob es dem Humor schlecht geht, weiß ich nicht. Aber es gibt viele Menschen, denen es nicht gut geht und denen es gut täte, wenn sie den Humor hätten, um das, was ihnen abverlangt ist, auszuhalten.

Gerhard Polt

Sie sind ja maßgeblich daran beteiligt, dass es das Humorfestival in Bernried gibt. Warum braucht es denn so ein Festival? Geht es dem Humor so schlecht?

Na ja, den Humor persönlich, den kenne ich nicht. Ob es dem Humor schlecht geht, weiß ich nicht. Aber es gibt viele Menschen, denen es nicht gut geht und denen es gut täte, wenn sie den Humor hätten, um das, was ihnen abverlangt ist, auszuhalten.

Man könnte ja meinen, dass die Zeiten für Humorschaffende golden sind. Im Fernsehen hat es wahrscheinlich noch nie so viel Satiresendungen und Comedy-Beiträge gegeben wie heute, überall sind Gags gefragt. Können Sie mit so einer Entwicklung was anfangen?

Diese Beobachtung ist schon richtig. Aber Humor ist ein kompliziertes Thema, und es gibt so unglaublich viele Varianten von Humor, in der Musik, im Film, im Theater und, und, und. Das ist ja der Grund, warum wir in Bernried jetzt dieses Forum für Humor bekommen: Dass man über Humor nachdenkt. Demokratie ist ohne Humor ja gar nicht denkbar. Je weniger Humor Menschen haben, umso weniger sind sie tolerant und umso weniger können sie auch mit sich selber umgehen und sich aus einem gewissen Abstand betrachten. Es gibt Untersuchungen, wo man herausfinden wollte, für was Menschen begabt sind – haptische Begabung, technische Begabung, musikalische Begabung, mathematische Begabung und so weiter. Und in diesen Ranglisten war die Ironie-Begabung ganz unten angesiedelt. Wenn man auf der Straße jemanden fragt „Haben Sie Humor?“, dann werden wahrscheinlich 99 Prozent sagen „ja“. Aber ich möchte nicht wissen, wie viele von den 99 Prozent unter bestimmten Umständen sofort sagen: „Da hört der Spaß auf!“. Verstehen Sie, das ist das Widersprüchliche im Menschen.

Was soll denn Ihrer Meinung nach im künftigen „Forum Humor“ passieren?

Da müsste ich jetzt weit ausholen… Aber es geht zum Beispiel um die Art, wie sich Menschen auseinandersetzen, ob da Humor dabei ist oder nicht. Oder um die Frage, wo hört der Witz auf und wo fängt Blasphemie an? Was ist guter Humor? Wann ist ein Witz gut, wann schlecht? Warum lacht jemand drüber? Was sind Kalauer? Wie kann man junge Menschen dazu bringen, dass sie vielleicht in ihren Aufsätzen satirische, ironische und witzige Darstellungen schreiben, also nicht nur immer das Ernste, das Traurige, das Tragische, sondern auch das Komödiantische? Und das Komödiantische – das haben ja viele Leute schon beschrieben –, das ist ja zehnmal schwieriger als das Tragische.

Was könnte das „Forum Humor“ da leisten?

Es soll eine Begegnungsstätte sein, eine Art Akademie, wo man alle Varianten des Humors behandelt. Da kann zum Beispiel ein Clown aufzeigen, warum Leute über bestimmte Sachen lachen oder nicht lachen. Oder man kann zeigen: Wie schreibe ich komisch – und warum sehen das andere Leute vielleicht als Provokation und nicht als komisch? Oder die Frage: Gibt es in Parlamenten noch Komik? Oder, wie heißen die, diese Querdenker, mit wie wenig Selbstironie die vorgehen und so weiter. Das ist endlos, da kann man Seminare machen, da kann man Selbsterfahrungen machen, da können Sie Künstler oder Theaterwissenschaftler oder Psychologen oder Soziologen einladen. Es ist ein Ozean, dieses Thema, unermesslich… Und dem nachzuspüren und darüber nachzudenken, das, glaube ich, kann nicht schaden. Natürlich ist das lohnend.

Ist Bernried ein guter Standort für so ein Haus?

Das ist ein sehr guter Standort! Da haben Sie gleich das Buchheim-Museum um die Ecke, und der Ort hat ein Kloster, das die Gemeinde gekauft hat, da können Leute dann auch mal übernachten, wenn sie wollen. Und diese Gemeinde ist sehr offen und freut sich. Bernried ist – wie würde man heute sagen? – mit einer echten Willkommenskultur behaftet.

Interview: Magnus Reitinger

Nähere Informationen

zum Humorfestival Bernried: www.forum-humor.de/humorfestival-2022

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