1. Startseite
  2. Lokales
  3. Weilheim
  4. Bernried

Buchheim-Museum verliert 1000 Kunstwerke

Erstellt:

Von: Magnus Reitinger

Kommentare

Vor fünf Jahren hatte Unternehmer Hermann Gerlinger (hier vor Schmidt-Rottluffs Gemälde „Rote Düne“) dem Buchheim- Museum seine „Brücke“-Sammlung als Leihgabe überlassen.
Vor fünf Jahren hatte Unternehmer Hermann Gerlinger (hier vor Karl Schmidt-Rottluffs Gemälde „Rote Düne“) dem Buchheim-Museum seine „Brücke“-Sammlung als Leihgabe überlassen. © PETER ENDIG/DPA

Das Buchheim-Museum verliert rund 1000 hochkarätige Werke: Unternehmer Hermann Gerlinger lässt seine „Brücke“-Sammlung versteigern, die er dem Museum in Bernried 2017 als Leihgabe überließ – für eigentlich mindestens zehn Jahre. Doch dann gab es „grundlegende Meinungsverschiedenheiten“.

Bernried – Der Jubel war groß, als der Würzburger Unternehmer Hermann Gerlinger dem Buchheim-Museum im Frühjahr 2017 über 1000 Werke von Malern der Künstlergruppe „Brücke“ überließ: Gemälde von Erich Heckel, Ernst Ludwig Kirchner, Karl Schmidt-Rottluff und anderen Meistern – eine der größten und bekanntesten Sammlungen des deutschen Expressionismus. „Das ist, als käme ein neues Museum hinzu“, jubelte damals Daniel J. Schreiber, der Direktor des Buchheim-Museums: Gerlingers Kollektion, die ihr Domizil zuvor im Kunstmuseum Moritzburg in Halle hatte, ergänze sich perfekt mit Buchheims etwa gleich starker Expressionisten-Sammlung.

Lesen Sie auch: Weilheim soll eine ganz besondere Orgel bekommen

Die Dauerleihgabe war auf zehn Jahre fixiert worden, plus Option auf Verlängerung. „Ich bin mir sicher, dass der Zusammenschluss der beiden Sammlungen eine ganz neue, erhellende Sicht auf die Kunst der Brücke ermöglicht“, freute sich auch der damals 85-jährige Gerlinger. Und er fügte hinzu: „Es steht niemandem zu, eine Sammlung wie diese für sich zu reservieren. Sie gehört der Öffentlichkeit.“

Millionenerlöse für gemeinnützige Organisationen erwartet

Fünf Jahre später hat sich der Sammler jedoch anders entschieden: Die rund 1000 Objekte kommen unter den Hammer, sie werden ab Juni vom Münchner Auktionshaus Ketterer Kunst versteigert. Als Erlös wird ein zweistelliger Millionenbetrag erwartet, der drei gemeinnützigen Organisationen zugute kommen soll: der Stiftung Denkmalschutz, dem Bund Naturschutz und der Stiftung Juliusspital in Würzburg. „Jetzt ist die Zeit gekommen, die Werke der nächsten Generation von Sammlern ganz direkt zur Verfügung zu stellen“, erläuterte Hermann Gerlinger (90) Anfang Januar der Nachrichtenagentur dpa: „Wenn die junge Generation mit den Arbeiten selbst leben kann, wird sie ihren ganz eigenen Zugang zu den Brücke-Künstlern und der Brücke-Kunst finden.“

Buchheim-Museum erhält Abstandszahlung

Das Buchheim-Museum reagierte tags darauf mit einer Presseerklärung: „Wegen grundlegender Meinungsverschiedenheiten über die Durchführung des Leihverhältnisses“ sei man Gerlingers Wunsch, „kurzfristig anderweitig über seine Sammlung verfügen zu können“, entgegengekommen. „Im Rahmen einer Vergleichsvereinbarung gegen Erhalt einer Abstandszahlung“ wurde das Leihverhältnis zum September 2021 beendet. Für die laufende Ausstellung „Brücke und Secession“ (bis 26. Juni) und die Sommerschau „Brücke und Blauer Reiter“ (ab 16. Juli) stünden dem Buchheim-Museum aber noch ausgewählte Gemälde der Sammlung Gerlinger zur Verfügung.

„Jammerschade, aber auch kein Schicksalsschlag“

Die Verantwortlichen in Bernried betonen, dass man seit 2017 bereits fünf große Sonderausstellungen mit dieser Sammlung veranstaltet habe: vom viel beachteten „Brückenschlag: Gerlinger – Buchheim“ 2017/18 bis zu den „Farben der Avantgarde“ im vergangenen Sommer. Gerlingers Kollektion (rund 45 Gemälde und etwa 1000 Arbeiten auf Papier) sei „auf jeden Fall eine Museumssammlung“, erklärte Direktor Schreiber gestern gegenüber unserer Zeitung. Sie hätte im Buchheim-Museum „hell leuchten können“, und es sei „jammerschade, dass sie zerschlagen wird“.

Andere Ausstellungen locken mehr Besucher

Für sein Haus sei das Ende des Leihvertrages „aber auch kein Schicksalsschlag“, sagt Schreiber. Auch mithilfe anderer Leihgaben seien weiterhin hochkarätige „Brücke“-Ausstellungen möglich. Zugleich wolle man dieses Thema durch ganz andere Präsentationen „auflockern“ – die erfahrungsgemäß oft noch größeren Publikumszuspruch erfahren.

Worin die Meinungsverschiedenheiten mit Gerlinger lagen, das verrät Schreiber mit Verweis auf entsprechende vertragliche Regelungen nicht. Der wirtschaftliche Schaden fürs Buchheim-Museum sei jedoch quantifiziert worden und werde kompensiert.

Neue Zustiftung: 1300 Werke des „Expressiven Realismus“ für das Buchheim-Museum

Einerseits wird die „Sammlung Gerlinger“ abgezogen, andererseits kann man sich in Bernried über bedeutenden Zuwachs freuen: Der in Tutzing und München lebende Sammler Joseph Hierling hat der Buchheim-Stiftung seine 1300 Werke umfassende Sammlung des „Expressiven Realismus“ zugestiftet. Sie wird nun im Buchheim- Museum bewahrt, erforscht und in immer wechselnden Konstellationen neu ausgestellt.

Mit den Werken (zumeist Gemälde) von 300 Künstlerinnen und Künstlern ist dem Museum „nicht nur eine sehr umfangreiche, sondern auch eine besonders spannende Erweiterung gelungen“, heißt es in einer Pressemitteilung. Die Vertreter des „Expressiven Realismus“ – darunter sind Maler wie Walter Becker, Willy Kriegel und Paula Wimmer – wurden größtenteils zwischen 1890 und 1914 in Deutschland und Österreich geboren. Sie erlebten ihre Erfolge in den Jahren zwischen den beiden Weltkriegen, wegen ihres besonderen historischen Schicksals ist die Bewegung auch unter dem Begriff der „verschollenen Generation“ bekannt.

Joseph Hierling, der einst eine Galerie in München führte und bis 2002 Leiter der Film- und Fernsehproduktion beim Bayerischen Fernsehen war, baute seine Sammlung in enger Zusammenarbeit mit dem Marburger Kunsthistoriker Rainer Zimmermann (1920-2009) auf, der als Wiederentdecker des „Expressiven Realismus“ gilt. Einen Eindruck der Kollektion vermittelte im Buchheim-Museum 2020 die Überblicksausstellung „Wahrheitsmalerei“.

Mit seiner Zustiftung folgte Hierling nun dem Wunsch des Buchheim-Museums, wie ihn schon Gründer Lothar-Günther Buchheim formulierte: „Das Museum soll sich als Forschungszentrum entwickeln, insbesondere zur Expressionismusforschung“, es solle „offen bleiben für die Angliederung anderer Sammlungen“. Mit Hierlings Sammlung sei „ein über weite Strecken noch unbekanntes Feld wundervoller Malerei an das Buchheim-Museum gekommen“, freut sich Direktor Daniel J. Schreiber: So seien „über Jahrzehnte Neuentdeckungen garantiert“.

Auch interessant

Kommentare