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Der Querkopf, der jetzt 100 geworden wäre: Lothar-Günther Buchheim im Esszimmer seines Hauses, um 1980. Das Zimmer wurde jetzt im Museum wiederaufgebaut.

100. Geburtstag

Buchheim zieht in sein Museum

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Autor, Sammler, Bürgerschreck: Lothar-Günther Buchheim hat „Das Boot“ geschrieben und Bernried am Starnberger See ein Museum geschenkt. Seit Samstag wohnt er imMuseum. Irgendwie zumindest. Die Räume seiner Villa wurden versetzt. Sie sind Teil der Ausstellung – pünktlich zum Jubiläum. Der geniale Wutbolzen wäre 100 geworden.

Bernried– Wenn er in sein Telefon schrie, wenn er mal wieder platzte vor Tobsucht, dann saß Lothar-Günther Buchheim gerne an diesem Schreibtisch, der überquoll von Krimskrams, Orchideen, Papier, Götter-Statuen und verdorrten Pflanzen. „Er war eigentlich immer im Streit mit den Menschen“, sagt Daniel Schreiber, 52, Direktor des Buchheim Museums in Bernried am Starnberger See.

Buchheim, der 2007 starb, war ein versierter Wutbürger. Museumschef Schreiber steht neben dem Schreibtisch und deutet auf ein Aufnahmegerät. Damit hat der berühmte Kunstsammler seine Gespräche heimlich mitgeschnitten – zum Beispiel, wenn er mit dem Kfz-Mechaniker über die angeblich viel zu teure Rechnung stritt. Man will ja Beweise haben. Typisch Buchheim.

Die Buchheim-Villa in Feldafing kurz vorm Abriss: Das Haus schimmelte und Nagetiere setzten ihm zu.

Daniel Schreiber, ein humorvoller Mann mit Brille, hat gerade etwas Einmaliges vollbracht: Er hat Buchheim, der kommenden Dienstag 100 geworden wäre, heimgeholt. Er hat sein Arbeitszimmer, sein Esszimmer und sogar die Türe zu seinem Luftschutzbunker dorthin verfrachtet, wo Buchheims Vermächtnis weiterlebt – dieser Jahrhundertmensch darf in sein eigenes Museum ziehen. Posthum zwar, aber immerhin. Jedes Detail ist so, wie er und seine Frau Ditti, die 2014 starb, es hinterlassen haben.

Inmitten der Briefbeschwerer-Sammlung von Buchheim: Daniel Schreiber, Museumsdirektor seit 2013.

Eine sagenhafte Idee. Man kann im Museum jetzt durch Buchheims Haus und auch ein bisschen durch seine Seele spazieren. Man kann seine Briefbeschwerer bestaunen, die schier unendliche Porzellanfiguren-Sammlung, die obskuren, gelben Küchenstühle, die ausgestopften Tiere, die zerbeulten Cordhosen und die Pfirsichkern-Sammlung. Buchheim hautnah für jedermann.

Die Sache war der Not geschuldet. Sein mit Kunst und Krempel bis zum Bersten gefülltes Haus in Feldafing musste abgerissen werden. Eine Sanierung hätte Millionen gekostet, der Schimmel-Grenzwert wurde um das 40-Fache überschritten, die Akten für sein Meisterwerk „Das Boot“ – von Mäusen zerfressen. Es gab zwar seltsame Anti-Abriss-Briefe von Buchheim-Getreuen an den Kultusminister („Barbarei wider die Kultur“), aber das Haus war nicht zu retten. Im Herbst kam der Bagger. Im Museum lebt Buchheims Villa Kunterbunt weiter – diesen Samstag dürfen die Einheimischen in die Ausstellung, ganz exklusiv, ab Dienstagmittag jeder, der will.

Schreiber geht ein paar Schritte weiter und steht plötzlich vor einem Bauernschrank. Es war Buchheims geheimer TV-Schrank. Der Sammler sagte immer, er verabscheue das Fernsehen. Trotzdem besaß er einen staatlichen Apparat – unterm Dach war eine Antenne versteckt. Die Folge: mieser Empfang. Aber das nahm er in Kauf. „Er wollte GEZ sparen“, sagt Schreiber und lacht. Buchheim meinte es hingegen todernst. Jeden Pfennig investierte er in die Kunst. Sich und seiner Ditti gönnte er fast nichts. Er verbot ihr sogar, Fahrstunden zu nehmen – und unterrichtete sie selbst. Die Küche der Buchheims war so marode, dass sie gleich im Müll statt im Museum landete.

Man kann viel schmunzeln über diesen Mann. Man kann seine Durchsetzungskraft bewundern. Aber es gibt auch viele Zeitgenossen, denen war zum Weinen zumute, wenn sie nur an ihn dachten. Manche weinen noch heute. Buchheims Kunstsammlung, Schätzwert 1980: 240 Millionen Mark, sollte erst in Duisburg eine Heimat bekommen. Er verhandelte mit Dresden, Chemnitz, Weimar, Bayern. Nirgends wurde man sich einig, immer gab es Streit.

Fleißarbeit: Eine Mitarbeiterin ordnet die Porzellanfiguren-Sammlung so an, wie sie Buchheim angeordnet hatte.

Dann machte Ministerpräsident Edmund Stoiber das Museum zur Chefsache. Buchheims Picassos, Chagalls, Noldes, Heckels, die afrikanische Volkskunst, die Holzschnitte, seine Briefbeschwerer, sie alle sollten nach Feldafing kommen. Dort wollten sie das Museum auf dem Gelände der staatseigenen „Villa Maffei“ bauen. Aber die Feldafinger boten dem großen Buchheim die Stirn. Per Bürgerentscheid verhinderten sie 1997 seinen Traum. Das kleine Dorf hatte Angst vor einem Verkehrskollaps und wahrscheinlich noch mehr vor Buchheim selbst. Der nannte seine Kritiker: „Schweinehunde“, „ignorante Brunnenfrösche“ oder auch „Gullyratten“. Die Stimmung am Starnberger See war auf Monate vergiftet, manchmal ist sie es heute noch. Die Nachwehen dauern bereits über 20 Jahre. Museumschef Schreiber sagt: „Es gibt Feldafinger, die nicht miteinander reden, weil sie damals wegen des Museums so viel gestritten haben.“

Die Bernrieder waren jedenfalls weniger heikel – der damalige Bürgermeister Walter Eberl lotste das Museum kurzerhand in seine Gemeinde. Kosten: 37 Millionen Mark, weitgehend finanziert vom Freistaat. Eröffnung 2001. Schreiber sagt: „Eberl wusste, wie man Buchheim nehmen musste. Wenn er grantig war, dann lag es oft daran, dass er Hunger hatte. In solchen Fällen hat der Bürgermeister ihm ein Baguette mit Butter gebracht.“ Es hat anscheinend geholfen. Am Dienstag feiern sie hier in Bernried großes Jubiläum: Stoiber wird sprechen, Klaus Doldinger, der die berühmte Filmmusik zu „Das Boot“ gemacht hat, und viele andere. Es werden Buchheim-Festspiele am Seeufer, mal wieder.

Und auch ein besonderer Mann wird da sein: Waldemar Rejmer, 57, Hausmeister von Buchheim, Chauffeur und heute Depotleiter des Buchheim Museums. Die vergangenen Tage hat er mitgeholfen, die Räume originalgetreu wiederauferstehen zu lassen. Jetzt sitzt er im Museum auf einem Bänkchen. „Man sagt viele Sache über Buchheim.“ Viele, findet er, stimmen nicht.

Depotleiter des Museums und früherer Chauffeur von Buchheim: Waldemar Rejmer in Bernried.

Waldemar Rejmer hat ihn fast jeden einzelnen Tag erlebt. Sein Dienstbeginn war am 1. April 1990. Jeden Tag hat Buchheim einen Zettel geschrieben, oft hat er sich nachts Dinge überlegt, die Waldemar Rejmer tagsüber erledigen sollte. Ein Klassiker war eine Tour über die Dörfer in der Gegend, das haben beide oft gemacht, immer in Buchheims BMW. Und zwar genau dann, wenn die Einheimischen Frühjahrsputz machten und jene Dinge an den Straßenrand stellten, die sie nicht mehr brauchten. „Da haben wir alte Balken für den Regalbau eingesammelt“, sagt Rejmer. Und was Buchheim sonst noch für nützlich hielt. Von Millionären lernt man das Sparen. Das ist das eine.

Aber Buchheim griff auch in die Steuertrickkiste. Am Todestag betrug alleine das Vermögen, das er in der Schweiz deponiert hatte, 22 778 157 Euro. Ditti hat das Geld später nach Deutschland zurückgeholt, eine Selbstanzeige geleistet und nachversteuert. Yves Buchheim, der Sohn des Sammlers, hat gerade medienwirksam eine Biografie veröffentlicht, in der er erzählt, wie er dem Vater bei der Steuerhinterziehung half.

Rejmer hat ein ganz anderes Bild vor Augen, wenn er an seinen alten Chef denkt. Für ihn ist Buchheim ein Held. Rejmer sagt: „Er hat seine ganze Sammlung einer Stiftung übergeben. Er hat uns allen seine Kunst geschenkt, mir, unseren Enkelkindern, allen.“ Das sei seine größte Leistung überhaupt. So kann man es natürlich auch sehen.

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