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Bruno Jonas im Sommerkeller Bernried: Geballte Denkleistung zwischen den Stühlen

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„Ich nehme auf keiner Seite Platz“: Kabarettist Bruno Jonas am Freitagabend im Bernrieder Sommerkeller.
„Ich nehme auf keiner Seite Platz“: Kabarettist Bruno Jonas am Freitagabend im Bernrieder Sommerkeller. © Schregle

Auch in seinem 13. Soloprogramm seziert Kabarettist Bruno Jonas gekonnt und lustvoll das Schmerzhafte an gesellschaftlichen Verrenkungen. Was gut 250 Besucher zum Abschluss der Bernrieder Humorfestivals 2022 begeisterte.

Bernried – „Hallo Anwesende, Daseiende, Menschen und Menschinnen, Lebende“, so wird Bruno Jonas wohl bald „Meine Rede“ eröffnen. Denn: „Denkende geht nicht.“ Auch bei seinem 13. Soloprogramm seit 1979 hat er nichts von seiner Sprach- und Schlagkraft verloren. Und sinniert bei seinem Auftritt am Freitag im Bernrieder Sommerkeller weiter, ob nicht doch „Hallo Körper“ die politisch, sozial und geschlechtergerechteste Begrüßung wäre.

Bürokratendeutsch als Wagner-Arie

Das Sezieren der Semantik, das Aufzeigen des Absurden, das Schmerzhafte an den gesellschaftlichen Verrenkungen und die Fallhöhen der Demokratie sind Jonas’ Spezialität. Der Germanist, Politologe, Philosoph, der zudem Theaterwissenschaften studierte, bündelt dafür all sein Wissen, all seine Talente. Immer wieder erstaunen seine Belesenheit und seine Aktualität. Im doppelten Sinne dialektisch sächselt, niederbayert, säuselt, singt und brummt, brüllt und bildungsflüstert er sich hinein in die mehr oder minder sympathischen Charaktere. Und freut sich am meisten, wenn er Steilvorlagen zum Beispiel aus dem Bürokratendeutsch direkt übernehmen kann – genial interpretiert als Wagner-Arie. Sein Ziel: „Ich arbeite an der Ironisierung des Abendlandes.“

Dass dabei auch das Bernrieder Humorfestival und das geplante „Forum Humor“ einen der berüchtigten Halb- und Nebensätze voller Sarkasmus abbekommen, gehört dazu. Jonas wird dennoch mithelfen, eine „Humorzone einzurichten“, geschützt im großen „Wall deutscher Ernsthaftigkeit“. Bitterböse und urkomisch liefert Jonas später auch ein passend Liedchen zur deutschen Befindlichkeit: „Mir ist so wohl zumute, wir kämpfen für das Gute.“

Sein Rat für den Herbst: Duschen mit Pullover

Jonas’ Lieblingsfigur ist aktuell Außenministerin Annalena Baerbock, die mit jedem Outfit ein Zeichen für Freiheit und Frieden setzen würde. Seine Idee in diesem Sinne: ein CO2-freier Krieg, „damit können wir Putin aushebeln“. Seine weiteren Empfehlungen für den schwierigen Herbst sind eine gesunde Doppelmoral, Duschen mit Pullover, No children for Future oder wahlweise Suizid for Future. Mit all dem Spott bleibt Jonas seiner Aufgabe treu, auf die Zuspitzungen im gesellschaftlichen Ideologie-Diskurs und auf die Fehlgriffe der Politik zu reagieren, egal welcher Couleur sie sind. Sein Credo: „Ich bewege mich zwischen allen Stühlen und nehme auf keiner Seite Platz.“

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So erlaubt er sich auch eine lange Episode in der Warteschleife oder eine Handwerker-Posse aus dem wahren Leben: zum Verschnaufen quasi für das Publikum. Jonas selbst braucht für seine über zwei Stunden geballte Denk- und Spielleistung auch mit 70 immer noch keine Pausen. Im Gegenteil: Er dreht zunehmend auf, würzt seine Schau mit Gedichten, deren Wortdrechseleien sich hinauf- und hinabschrauben in das Dadaistische des Lebens.

Am Ende eine Horrorvision

Ganz im Gegensatz dazu lautet sein Rückschluss: Die Wirklichkeit hat in der Politik nichts verloren, sondern ist – frei nach Kant – eine regulative Idee. Mitten hinein in dieses Gruselkabinett der teils so wahren und leider so wenig übertriebenen Essenzen, die Bruno Jonas herausfiltert, bahnt sich auch eine Horrorvision einen Weg: Was wäre, wenn Filterblasen und Likes auch das Kabarett bestimmen würde? Wenn Jonas Ernst machen und sich nach Besucherorientierung und Lacher-Analysen richten würde? Er wäre Comedy. Er wäre eine Witzfigur. Und nicht einer der schärfsten Denker und Kritiker der Republik.

Freia Oliv

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