Kloster Andechs
+
Auf den heiligen Berg zum Kloster Andechs pilgern die Bernrieder heute. Grund ist ein jahrzehntealtes Versprechen.

„Weißwürscht sind schon bestellt“

Bernrieder starten heute Wallfahrt auf den Heiligen Berg - der Grund dafür ist kurios

  • Bernhard Jepsen
    vonBernhard Jepsen
    schließen

Jedes Jahr im September ruft für die Bernrieder der heilige Berg. Dann begibt sich eine Pilgergruppe aus dem Klosterdorf am Starnberger See auf Wallfahrt Richtung Andechs. An diesem Samstag findet das religiöse Ritual zum 42. Mal statt. Der Hintergrund der Wallfahrt ist allerdings ein politischer.

  • Wenn heute zum ersten Mal wieder Wallfahrer im Kloster Andechs begrüßt werden dürfen, sind die Bernrieder ganz vorn dabei.
  • Seit 42 Jahren veranstalten sie ihre Wallfahrt.
  • Der Grund dafür ist ein ganz spezieller - und reichlich kurios.

Bernried – Weltoffen, aber auch stolz auf die eigene Kultur und das eigene Selbstverständnis: So in etwa könnte man die Bernrieder Seele grob charakterisieren. Demnach muss es für die Gemeindebohner ein Gräuel gewesen sein, als man im Zuge der Gebietsreform im Landkreis Weilheim-Schongau 1976 in eine Verwaltungsgemeinschaft mit Seeshaupt und Iffeldorf gesteckt wurde.

Vor allem der umtriebige Altbürgermeister Walter Eberl, so wird erzählt, setzte alle Hebel in Bewegung, um Bernrieds kommunale Eigenständigkeit komplett wieder zu erlangen. Im Juli 1979 bat der Bernrieder Gemeinderat sogar um göttlichen Beistand – verbunden mit einem Gelübde: „Wenn wir wieder Einheitsgemeinde werden“, so lautete das Versprechen, „dann sollten wir eine Wallfahrt nach Andechs begründen.“

Hinter den Kulissen wurde natürlich auch kräftig irdische Lobbyarbeit betrieben. Die Angelegenheit ging bis in den bayerischen Landtag. In der letzten Gremiumssitzung vor der Sommerpause im Juli 1979 ging es für die Bernrieder schließlich um die Wurst respektive Eigenständigkeit: Der Landtag beschied über die rechtskräftige Entlassung aus der Verwaltungsreform.

Veto im Landtag: „Die Weißwürscht in Andechs sind schon bestellt“

Wie es in den Annalen heißt, sollte der Beschluss aufgrund der proppenvollen Tagesordnung eigentlich vertagt werden. Doch der damalige Landtagsabgeordnete Peter Widmann aus Wildsteig intervenierte: „Nein, das müssen wir heute noch behandeln, denn der Bürgermeister Eberl hat die Weißwürscht in Andechs schon bestellt“, wird der 2012 verstorbene CSU-Politiker in der Chronik zur Wallfahrt zitiert.

Barocke Pracht erwartet die Wallfahrer aus Bernried im Kloster Andechs.

Das Abstimmungsergebnis ging – welch Wunder – positiv für Bernried aus. „Eventuell waren gute Verbindungen gewisser Bernrieder Institutionen zur hohen Landespolitik auch recht hilfreich, die Schwellenwerte für die Einheitsgemeinde zu erreichen, aber beweisen lässt sich das heute nicht mehr…“, heißt es weiter in den Annalen. Die erste Andechs-Wallfahrt fand dann gleich im September 1979 statt – laut Zeugenberichten „bei fürchterlichem Wetter“. Heuer geht es nun zum 42. Mal auf den heiligen Berg. Mit involviert ist die ganze Dorfgemeinschaft samt katholischer Pfarrgemeinde und Vereinen.

Rosenkranz wird in allen drei Variationen gebetet

Organisator ist die Kommune – für Neu-Bürgermeister Georg Malterer (ÜFW) also ein Pflichttermin: „Ich war auch vorher immer dabei – nein, das wäre gelogen“, scherzt der Rathauschef auf Nachfrage der Heimatzeitung: „Aber jetzt muss ich mit.“ Der Abmarsch für die „Fußwallfahrer“ – meistens ist es eine Gruppe von rund 30 Personen – wurde für Samstag, 5 Uhr, terminiert. Nach einem Zwischenstopp mit Kaffeepause in Kerschlach ist die Ankunft in Andechs um 9.30 Uhr eingeplant. Rund 15 Kilometer müssen die Wallfahrer per pedes zurücklegen.

„Dabei wird geratscht und immer wieder gebetet – und zwar den Rosenkranz in allen drei Variationen. Ganz konsequent“, erzählt Malterer. Am Klostergasthof stoßen dann auch die „Bußwallfahrer“ zur Gruppe. Bei der gemeinsamen Prozession zur Klosterkirche sind es dann regelmäßig rund 100 Wallfahrer, die dem Herrgott für die göttliche Eingebung an den Landtag in punkto „Einheitsgemeinde“ danken.

Nach dem Wallfahrergottesdienst, der coronabedingt im Freien stattfindet, geht es zur Einkehr in den Wappensaal des Bräustüberls. Auf dem Speiseplan stehen – natürlich – „Weißwürscht“.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Streiterei in Weilheim eskaliert: Angreifer schütteln sogar Kinderwagen samt Baby
Streiterei in Weilheim eskaliert: Angreifer schütteln sogar Kinderwagen samt Baby
Unfälle bei Weilheim, Bernried und Pähl fordern drei Schwerverletzte
Unfälle bei Weilheim, Bernried und Pähl fordern drei Schwerverletzte
73-Jährige von Lastwagen überfahren
73-Jährige von Lastwagen überfahren
Zu schnell, überladen und mit technischen Mängeln: Unfall mit Anhänger legt B 472 lahm
Zu schnell, überladen und mit technischen Mängeln: Unfall mit Anhänger legt B 472 lahm

Kommentare