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Widerstand in Penzberg: Auch dort haben Bürger am Wochenende gegen ein Vier-Sterne-Hotel gestimmt. Schon bei den Infoveranstaltungen deutete sich der Protest an.

Bürgerentscheide kippen Tourismus-Projekte

Geplatzte Hotel-Träume

Immenstadt/Penzberg -In zwei Kommunen in Bayern haben die Bürger am Wochenende über Hotel-Projekte abgestimmt. In beiden Fällen gegen die Pläne, die den Tourismus ankurbeln sollten. Die Bürgermeister sind enttäuscht, die Tourismusverbände ratlos. Sie kommen mit ihren Argumenten nicht gegen Bürgerinitiativen an.

Armin Schaupp hat schlechte Laune. Er ist an diesem Montagmorgen frustriert ins Immenstädter Rathaus gefahren und sitzt nun ratlos am Schreibtisch in seinem Amtszimmer. Daran ist eine Zahl schuld: die 61. Von den 4457 Immenstädtern, die diesen Sonntag zur Abstimmung gegangen sind, haben 61 Prozent gegen das geplante Hotelprojekt am großen Alpsee gestimmt. Und damit gegen die Hoffnung des Bürgermeisters, die 14 000-Einwohner-Kommune im Oberallgäu touristisch besser aufzustellen. Und das, betont Schaupp, wäre so dringend nötig gewesen.

Rund 100 000 Urlauber kommen pro Jahr nach Immenstadt. Bislang bleibt ihnen nichts anderes übrig, als in kleinen Hotels, Pensionen und Gästehäusern zu übernachten. Etwa 200 der 270 Herbergen haben weniger als zehn Betten, sagt Schaupp. Und fast alle können die Ansprüche der Touristen nicht mehr erfüllen. Dunkle Gänge, Etagenduschen und 80er-Jahre-Charme – der Gast von heute erwartet etwas anderes, sagt Schaupp. „Wir hinken der Konkurrenz in Österreich Jahre hinterher.“

Und das, obwohl die Gemeinde seit rund 15 Jahren investiert, um sich für die Zukunft zu rüsten. „Wir entwickeln seit Jahren ein Leitbild für naturnahen Tourismus.“ 14 Millionen Euro hat die Kommune bereits investiert, um Immenstadt attraktiver zu machen. Obwohl sie mit mehr als 30 Millionen Euro hoch verschuldet ist. „Wir waren jetzt an dem Punkt, an dem wir Früchte unserer Arbeit hätten ernten können“, sagt Schaupp. Stattdessen sieht es nun ganz so aus, als wären die 14 Millionen für das neue Image von Immenstadt eine Fehlinvestition gewesen. Das Hotel wird nicht gebaut, andere mögliche Standorte in Immenstadt gibt es nicht. „Die Botschaft unserer Bürger ist klar“, sagt Schaupp: „Kein Tourismus in Immenstadt.“

Der große Alpsee bei Immenstadt ist ein beliebtes Ausflugs- und Urlaubsziel. Die Kommune wollte den Tourismus mit einem Hotelneubau ankurbeln. Aber die Bürger waren dagegen. Nun sind die Pläne endgültig vom Tisch.

Die Kommune im Allgäu ist nicht die einzige, deren Tourismus-Pläne am Bürgerwillen gescheitert sind. Auch die Penzberger haben sich am Wochenende gegen ein Vier-Sterne-Hotel in ihrem Ort entschieden. Dort wird seit fast vier Jahren über einen Standort diskutiert – nur ein einziger der 41 Vorschläge war optimal geeignet. Direkt am Huber See. Dafür hätte ein Teil des Waldes abgeholzt werden müssen. 53,5 Prozent der Wähler waren dagegen. „Sobald es um Bäume oder Wiesen geht, hat man keine Chance mehr mit Sachargumenten“, sagt Penzbergs Bürgermeisterin Elke Zehetner (parteifrei). Trotzdem hatte sie gehofft, dass ihre Bürger anders entscheiden würden. „Ich bin ernüchtert und enttäuscht“, sagt sie einen Tag nach der Abstimmung. „Das Thema Hotel ist für uns nun endgültig abgehakt.“

Die Situation in Penzberg ist ähnlich wie in Immenstadt. „Was die Übernachtungsmöglichkeiten angeht, gibt es in Penzberg großen Nachholbedarf“, sagt Susanne Lengger, Geschäftsführerin des Tourismusverbandes Pfaffenwinkel. Das Roche-Werk hatte die Hoteldebatte vor vier Jahren ausgelöst – weil es seine Geschäftskunden in Penzberg nicht adäquat unterbringen kann. „Nicht nur der Industriestandort Penzberg, sondern die ganze Region hätte von dem Hotel profitiert.“

Für die Tourismus-Expertin Lengger ist das Problem klar. Die Bürgerinitiativen argumentieren lauter und emotionaler als die Gemeinden. „Oft schüren sie bei den Bürgern Ängste. Dagegen kommt man mit Fachargumenten nicht mehr an.“

Ulrich Brandl, Präsident des Bayerischen Hotel- und Gaststättenverbandes, gibt Susanne Lengger Recht. Aus Erfahrung. Er hat selbst in ein großes Hotel in einer kleinen Kommune im Bayerischen Wald investiert – und weiß zu gut, wie leidenschaftlich Bürger gegen etwas sein können. Aber er weiß auch, dass sich die Stimmung oft schnell beruhigt, wenn ein Hotel dann doch gebaut wird und sich Ängste als unbegründet herausstellen. Oder positive Auswirkungen sichtbar werden. Er plädiert dafür, im Baurecht Rahmenbedingungen zu schaffen, die Hotelprojekte auch gegen den Willen von Bürgerinitiativen ermöglichen. „Wenn die Verträglichkeit der Projekte nach nüchternen Parametern geprüft ist, muss das Allgemeininteresse über dem Interesse Einzelner stehen.“ Oft seien es vor allem die Gegner, die sich an Abstimmungen beteiligen. „Das Ergebnis von Bürgerentscheiden entspricht nicht immer dem Willen der Mehrheit“, argumentiert er.

In Penzberg waren die Befürworter knapp unterlegen. In Immenstadt war das Ergebnis deutlicher. Dort hat Bürgermeister Schaupp am Montagmorgen in seinem Amtszimmer kapituliert. „Ich muss die Entscheidung akzeptieren“, sagt er. „Touristen kommen trotzdem an den Alpsee – nur werden nicht wir, sondern die Gemeinden in unserer Nachbarschaft davon profitieren.“

Katrin Woitsch

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