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Folgenschwere Überschwemmung: Das Hochwasser in Polling richtete etwa 7 Millionen Euro Schaden an, manche Häuser an der Huglfinger Straße sind immer noch nicht bewohnbar. foto: archiv/bergwacht penzberg

Bei Bürgerversammlung in Tiefenbachhalle

Polling: Hochwasserschutz braucht Zeit

Polling - Bei einer zum Thema Hochwasser-(schutz) einberufenen Bürgerversammlung stellte die Gemeinde ihre Pläne vor – ein zweistelliger Millionenbetrag steht im Raum:

An Anfang Juni werden sich die Bürger in Polling noch lange erinnern. Am 5. Juni wurde in der Gemeinde wegen Hochwassers der Katastrophenfall ausgelöst, Tage später war die Situation noch angespannt (wir berichteten). 45 Anwesen waren betroffen, ein paar der Häuser sind wegen Heizölschäden auch heute noch nicht bewohnbar und deren Sanierung wird Monate dauern. Und es bleibt die Angst vor dem nächsten Starkregen. Da konnte auch Bürgermeisterin Felicitas Betz am Montag bei der Bürgerversammlung zu dem Thema keine Entwarnung geben: „Wir müssen davon ausgehen, dass das mit dem Klimawandel zu tun hat und uns darauf einstellen, dass es öfter passieren wird“, sagte sie vor mehr als 100 Besuchern in der Tiefenbachhalle.

Gemeinde will ihre Hausaufgaben machen

An dem Abend ging es vor allem um Hochwasser und den Schutz vor einer nächsten Katastrophe. Rathauschefin Betz nutzte die Gelegenheit, um sich bei allen Beteiligten für den Zusammenhalt, die Unterstützung und die Spendengelder zu bedanken. Georg Kokai vom gleichnamigen Pollinger Ingenieurbüro führte mit Grafiken, Computer-Simulationen und Daten noch einmal aus, wie das Hochwasser entstanden war und welche Folgen es hatte. Er sprach auch über den Punkt, den sich die Anwesenden spürbar herbeigesehnt hatten: die Sofortmaßnahmen. Die Einsatzplanung und Vorwarnung der Feuerwehr zu optimieren – das sei selbstverständlich, so Kokai. Aber auch die Gemeinde ist gefodert. „Wir müssen jetzt unsere Hausaufgaben machen“, betonte Bürgermeisterin Betz. So soll laut Kokai eine integrale Hochwasserschutz-Planung erarbeitet und die gefährdeten Überschwemmungsgebiete für künftige Absicherungen rechtlich festgesetzt werden. Zudem wird der damals betroffene Russengraben auf seinen tatsächlichen Einfluss in einem solchen Schadensfall und mögliche Optimierung geprüft.

Warnsysteme für zwei Bäche und Jakobsee

Außerdem wurden Pegel mit automatischem Warnsystem in den Gewässern, von denen die meiste Hochwassergefahr ausgeht, installiert: im Tiefenbach und im Rettenbach. Auch im Jakobsee soll ein Pegel mit Höhenmarke warnen, bevor es zu einem Dammbruch kommt. Dafür müsse das Hochwasser aber ein besonders Heftiges sein, wie Kokai einwarf. Das größte Problem stelle aktuell der Tiefenbach dar, der deshalb entkrautet und geräumt werden soll. Weil manche Bürger angezweifelt hatten, dass das tatsächlich etwas bringt, zeigte Kokai eine Computer-Simulation: In dieser war zu erkennen, dass der Bach nach der Räumung mehr Wasser aufnehmen kann. „Das ist also ein Nachweis dafür, dass es bei kleineren Ereignissen etwas bringt“, so der Ingenieur. Für einen langfristigen Schutz der Gemeinde vor Überflutungen muss laut Kokai jedoch intensiv an dem Hochwasserschutzkonzept gearbeitet werden. Über dieses Konzept wird seit mehr als einem Jahr diskutiert.

Hochwasserschutz gibt es nicht im Supermarkt

Aber: Bis die Konzeptplanung steht, alle Genehmigungen eingeholt sind, mit den Bauarbeiten begonnen wird, und der Hochwasserschutz vollständig realisiert ist, werden etwa vier, fünf Jahre vergehen. Diese Zeitspanne nannte Bernhard Müller vom Wasserwirtschaftsamt. Er fügte hinzu: „Dafür muss jedoch alles wie am Schnürchen laufen.“ 2021 hätte Polling dann frühestens einen wirksamen Schutz vor Überschwemmungen. Müller: „Hochwasserschutz kann man sich eben nicht im Supermarkt kaufen.“

Kosten wird es trotzdem einiges: Bürgermeisterin Betz rechnet mit einem Wert im zweistelligen Millionenbereich. 75 Prozent der Planungskosten und 65 Prozent der Baukosten soll jedoch der Freistaat Bayern übernehmen.

Die Bürger sind ungeduldig - Reaktionen auf die Pläne zum Hochwasserschutz:

An diesem Abend gab es von den Fachleuten viele Hochwasser-Infos – aber nicht jeder Anwesende war mit dem Gehörten zufrieden. „Das war wieder nur Gerede“, war nach der Veranstaltung vor der Tiefenbachhalle zu hören. Während der Versammlung fragte eine Frau empört: „Wie oft saufen wir in der Zwischenzeit dann noch ab?“ Ein Mann meinte: „Vor 35 Jahren hatten wir schon mal das Thema, da hatte sich die Ausräumung des Tiefenbachs innerhalb kürzester Zeit erledigt. Wir brauchen wirklich Hilfe, also macht’s was.“ Die Zuhörer applaudierten ihm lautstark. Bürgermeisterin Felicitas Betz und Landrätin Andrea Jochner-Weiß versuchten zu erläutern, weshalb das Hochwasserschutz-Projekt ein sehr komplexer Prozess sei: „Das Wesen unserer Demokratie ist einfach, dass jeder mitsprechen darf. Vor ein paar Jahren hat man vielleicht einen Bach einfach so ausgebaggert, heute gelten andere Gesetze“, sagte Betz. Ohne die an verschiedenen Stellen notwendigen Genehmigungen sei einfach keine Planung möglich. „Diese Gesetze wurden nicht von uns gemacht, daher dürfen wir unseren Ärger nicht an den Ämtern auslassen.“ Auch Jochner-Weiß betonte: „Es gibt einfach Richtlinien, die man einhalten muss. Wir können nichts versprechen, aber wir tun alles, dass es so schnell wie möglich geht.“ Sie machte auch klar: „Selbst, wenn alles verbaut ist, kann einen das Hochwasser immer noch treffen.“

Weitere Infos

unter www.polling.de und im Rathaus Polling.

von Luca von Prittwitz

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