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Konkurrenz für Handel: Penzberger Ängste vor Gewerbegebiet in Sindelsdorf

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Von: Andreas Baar

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Gute Anbindung: Das neue Sindelsdorfer Gewerbegebiet ist auf der rekultivierten Kiesgrube unweit der A95 geplant. © Andreas Baar

Penzberg – Die Gemeinde Sindelsdorf plant ein Gewerbegebiet mit Supermärkten und Tankstelle an der B472. Das Vorhaben wird in Penzberg kritisch gesehen.

Wo früher eine Kiesgrube das Landschaftsbild neben der Autobahn beherrschte, ist nach der Rekultivierung eine landwirtschaftliche Wiese entstanden. In Sichtweite des Habacher Ortsteils Dürnhausen liegt das Areal noch auf Sindelsdorfer Flur. Diese Wiese will ein privatwirtschaftlicher Projektentwickler als Gewerbegebiet nutzen. Die Lage scheint zumindest verkehrstechnisch ideal – an der vielbefahrenen B472, nur ein paar 100 Meter von der A95-Anschlusstelle entfernt. Dort sollen gleich mehrere Zugpferde – eine Tankstelle und drei Einzelhändler – ihren Platz finden. Der Gemeinderat brachte im Oktober 2019 die nötige Änderung des Flächennutzungsplans sowie den Bebauungsplan „Gewerbegebiet Hochleiten I“ auf den Weg, im September vergangenen Jahres wurde das öffentliche Verfahren eingeleitet. In einem ersten Schritt konnten sich nun die betroffenen Anrainerkommunen dazu äußern.

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Platz für Einzelhandel und Tankstelle: Auf die Wiese (rot umrandet) zwischen Solarpark im Süden und Kiesgrube im Norden soll das neue Sindelsdorfer Gewerbegebiet hinkommen. Der A95-Anschluss (rechts) wäre nicht weit. © Stadtbauamt

Bedenken nicht nur im Rathaus

Während das Projekt im Antdorfer Gemeinderat auf keine Widerstände stieß, wurde es in Habach kontroverser gesehen. In Penzberg dagegen sorgen die Pläne für tiefe Sorgenfalten – nicht nur im Rathaus, sondern auch im Bauausschuss. Dieser schloss sich in der jüngsten Sitzung einstimmig den Bedenken der Verwaltung an. Hauptargument: Die Häufung an Einzelhandelsbetrieben auf Sindelsdorfer Flur könnte „negative Auswirkungen“ auf die bestehende Handelsstruktur in Penzberg haben, wie es aus dem Bauamt hieß. Die Stadtverwaltung macht sich vor allem Sorgen um die beiden Drogeriemärkte an der Hauptkreuzung, die als Kundenmagnet in der Innenstadt fungieren.

Bauausschuss will erst Gutachten

Stadtbaumeister Justus Klement argumentierte mit der Rolle Penzbergs als Mittelzentrum. Die Stadt habe deshalb auch „gewisse Aufgaben“ zu erfüllen – was auch die Versorgung der umliegenden Bevölkerung einschließe. Klare Aussage von Klement: „Wir sehen einen Konkurrenzstandort.“ Penzbergs Bürgermeister Stefan Korpan (CSU) verwies auf eine Zunahme des Verkehrsaufkommens an der B472 sowie auf optische Auswirkungen der Ansiedlungen. Korpan bezweifelte, „ob das im Sinne der kompletten Umgebung ist“. Die Verwaltung befürwortete deshalb ein Gutachten, dass die landesplanerische Verträglichkeit des Sindelsdorfer Handelszentrums erstmal grundsätzlich unter die Lupe nimmt. Eine Haltung, der sich der Bauausschuss einmütig anschloss.

Frage der Anbindung noch offen

Im Sindelsdorfer Rathaus sieht man den Gegenwind durchaus gelassen. Bürgermeister Andreas Obermaier (CSU) verweist gegenüber der Rundschau auf den frühen Stand des Verfahrens. Einen Zeitplan für das Vorhaben gebe es deshalb noch nicht. Alles weitere sei abhängig von den Planungen des für die nahe Bundesstraße zuständigen Staatlichen Bauamts Weilheim für eine Verkehrserschließung des Areals. Eines macht Obermaier allerdings klar: Seitens der Gemeinde gebe es keine Probleme mehr mit dem Vorhaben.

„Die bauen ein Riesending auf die Wiese“

Stadtrat Ludwig Schmuck (CSU)

Die Stimmungslage im Penzberger Bauausschuss war eindeutig: Das neue Sindelsdorfer Gewerbegebiet mit den großen Einzelhändlern könnte dem heimischen Standort die Laune verderben. Nicht jeder Stadtrat war deshalb erfreut über die Ansiedlungspläne bei den Nachbarn. Ludwig Schmuck (CSU) nahm an diesem Abend in der Stadthalle wie gewohnt kein Blatt vor den Mund. „Die bauen ein Riesending auf die Wiese“, wettere der altgediente christsoziale Stadtrat im jüngsten Penzberger Bauausschuss in Richtung der südlichen Nachbarn in Sindelsdorf.

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An der Einfahrt von der B472 her parken derzeit Pendler auf dem öffentlichen P+R-Stellplätzen. © Andreas Baar

Auch Drogeriemarkt geplant

Das derart harsch kritisierte „Riesending“ ist ein großangelegter Handelsstandort, den ein Investor auf Sindelsdorfer Gemeindeflur an der B472, unweit der A95, hinstellen möchte. Wie das städtische Bauamt für die Ausschusssitzung auflistete, sind dort gleich mehrere Betriebe geplant: ein Lebensmittel-Vollsortimenter (800 Quadratmeter Verkaufsfläche) samt Getränkemarkt (500) und Bäckerei (150). Desweiteren ein Lebensmittel-Supermarkt (800) plus Nebenflächen (592) und eine Drogeriemarkt (700) plus Nebenflächen (150). Das Ganze vollendet mit einer Tankstelle mit Shopgebäude (200).

Furcht vor Konkurrenz

Angesichts dieser geballten Ansiedlung schüttelte Schmuck nur den Kopf. Die geplanten Einzelhändler auf Sindelsdorfer Flur seien „eine große Konkurrenz“ für Penzberg, mahnt der Stadtrat. „Hoffentlich ist die Regierung von Oberbayern so gescheit“, hofft Schmuck – und lehne die Dimension ab. Und überhaupt passe so ein Autohof nicht in ein Dorf, zeigte sich der CSU-Stadtrat überzeugt. Schmucks grundsätzliches Fazit fiel dementsprechend ablehnend aus: „Wir sind gut versorgt, da draußen brauchen wir nichts.“

„Frequenzbringer“ schützen

Schmuck blies damit letztendlich, wenn auch deutlich gepfefferter, in das gleich Horn wie die Penzberger Stadtverwaltung. Denn das Bauamt sah in seiner Beschlussvorlage das Sindelsdorfer Vorhaben mit einigen Sorgen entgegen. Durch die Ansiedlungen in dem Plangebiet an der B472, zwischen Solarpark im Süden und Kiesgrube im Norden, könnten „negative Auswirkungen auf die bestehenden Einzelhandelsbetriebe der Stadt Penzberg und insbesondere auf die in der Penzberger Innenstadt ansässigen Drogeriemärkte“ entstehen, hatte das Bauamt um Stadtbaumeister Justus Klement zusammengefasst. Gerade die zwei Drogeriemärkte Rossmann und Müller an der Hauptkreuzung „sind Frequenzbringer“, wusste auch Bürgermeister Stefan Korpan (CSU) zu berichten. Kein Wunder, dass auch er den angepeilten Sindelsdorfer Branchenmix kritisch sah. „Das hätte massive Auswirkungen auf die Penzberger Innenstadt.“ Laut Korpan gab es bereits einen Gesprächstermin mit seinem Sindelsdorfer Amtskollegen Andreas Obermaier (CSU), auch die Penzberger Initiative Pro Innenstadt habe mit am Tisch gesessen.

„Äußerungen“ aus Habach, keine Einwände in Antdorf

In Habach sah der Gemeinderat das neue Gewerbegebiet der Sindelsdorfer Nachbarn mit gemischten Gefühlen. Offiziell gibt es gegen das Vorhaben „keine Einwendungen“, wie Bürgermeister Michael Strobl nach der jüngsten Sitzung gegenüber der Rundschau sagte. Allerdings habe man der gemeindlichen Stellungnahme diverse „Äußerungen“ beigefügt. Zum Einen macht die Kommune laut Strobl deutlich, dass man Werbeanlagen mit 30 Metern Höhe für „nicht verhältnismäßig“ halte – was sich auf ein mögliches Bauwerk für den Autohof bezieht. Zum Zweiten befürchtet die Gemeinde durch die künftigen großen Einzelhändler „eine Beeinträchtigung des Habacher Dorfladens“, so Strobl. Und laut Bürgermeister gibt die Gemeinde den Sindelsdorfern noch „eine Empfehlung“ mit auf den Weg: Man weist die Nachbarn explizit auf eine „negative Erfahrung“ mit einer zunehmenden Beleuchtung in einem Gewerbegebiet hin. „Das wollen wir weitergeben“, bekräftigt Strobl mit Blick auf Lichtverschmutzung im „Gewerbegebiet „Mühltal“ an der B472. Am Ende stimmte der Habacher Gemeinderat zu, keine Einwendungen zu erheben, aber zusätzlich die Hinweise mit auf den Weg zu schicken – allerdings fiel der Beschluss nicht einstimmig. Laut Strobl, der selbst mit „Ja“ stimmte, fiel das Votum mit 10:2 aus.
In Antdorf ging es bei dem Thema in der letzten Sitzung 2021 des Gemeinderats dagegen kurz und schmerzlos zu: Gegen das Sindelsdorfer Gewerbegebiet gibt es „keine Einwendungen“ der Gemeinde, wie Bürgermeister Klaus Kostalek knapp in der Sitzung erklärte. Das Gremium schloss sich dem Antdorfer Rathauschef einstimmig und ohne Debatte an.

Die Bauabteilung bot dem Ausschuss einen Vorschlag für das weitere Vorgehen an: Eine Untersuchung soll die „landesplanerische Verträglichkeit“ des Vorhabens an diesem Standort nachweisen. Bauamtsmitarbeiter Günter Fuchs sah den Ball nun bei der Regierung von Oberbayern: Diese werde für das Genehmigungsverfahren die „wichtigste Behörde“ sein und wohl eine Verträglichkeits-Untersuchung fordern.

Eigene Ansiedlungen befeuern

Am Ende stimmte der Bauausschuss ohne Gegenstimme dem Vorschlag der Verwaltung zu. Lediglich Armin Jabs (BfP) richtete mahnende Worte auch an die eigene Verantwortlichkeiten. Das Vorhaben in Sindelsdorf „wird der Innenstadt großen Chancen zufügen“, fürchtete er – „aber was haben wir für Möglichkeiten?“ Anscheinend sei ja Potential für weitere Einzelhändler im Umland vorhanden, dies sollte man schnellstmöglich in Penzberg abgreifen, mahnte Jabs. Sprich: Eigene Ansiedlungen befeuern. „Wir müssen einem Drogeriemarkt eine Chance geben“, spielte Jabs auf das alte Thema „dm“-Standort in der Stadt an. Bei einem weiteren Discounter hatte sich die heimische Lokalpolitik allerdings bereits quer gestellt: Der Aldi-Konzern hatte sich nach der Sindelsdorfer Straße eine zweite Filiale in Penzberg gewünscht – doch die anvisierte Ansiedlung an der Dr.-Gotthilf-Näher-Straße war im August 2020 vom Stadtrat mit großer Mehrheit abgelehnt worden.

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