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Mahnende Worte beim Gedenkabend zur „Penzberger Mordnacht“

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Von: Andreas Baar

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Diskussion penzberger Mordnacht
Diskussion über das Erinnern: (v.l.) Niels Beintker (Moderator), Hans Mummert (Altbürgermeister), Jan Röntgen (Gymnasium), Jasmin Banani (Realschule), Kirsten Boie (Autorin), Lukas Hezel (Mittelschule) und Stefan Korpan (Bürgermeister). © Andreas Baar

Penzberg – In der Stadthalle wurde den 16 Frauen und Männern gedacht, die in der Nacht vom 28. auf 29. April 1945 durch NS-Schergen ihr Leben verloren.

Rund 200 Zuhörer hatten sich am Donnerstagabend in der Stadthalle eingefunden. Es wurde ein Abend der mahnenden Worte – gepaart mit ergreifenden Momenten im „Mordnacht“-Film von Günter Bergel und einer Lesung von Kirsten Boie, Autorin des Jugendbuchs „Dunkelnacht“. Boies drastische Passagen über die Ereignisse vor 77 Jahren aus jugendlicher Sicht ließen einen schlucken.

Bürgermeister Stefan Korpan (CSU) hob in seiner Rede die Notwendigkeit des stetigen Erinnerns hervor. Damit „das düsterste Kapitel der Stadtgeschichte nicht vergessen wird“, wie er betonte. Penzberg habe einen „brutalen und grausamen Akt der Willkür, der Denunziation“ erlebt, aber auch „heldenhaftes Eintreten für seinen Heimatort“. Es sei wichtig, „dass wir hier die Pflicht haben, eine Erinnerungskultur zu leben“, mahnte er. Diverse Veranstaltungen in Penzberg, gerade mit den Schulen und der Musikschule, zeugten davon, dass auch die Jugend in das Erinnern eingebunden werde. Korpan zählte dazu „die Erziehung unserer Jugend zu einer aufgeklärten Generation“.

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Verfasste das Buch „Dunkelnacht“: Kirsten Boie, Autorin aus Hamburg. © Verlag/Indra Ohlemutz

„Dunkelnacht“ hatte bei seinem Erscheinen 2021 für Aufsehen gesorgt, weil Autorin Boie in im Nachwort der Stadt ein zaghaftes Erinnern an die „Mordnacht“ vorwarf – wovon an diesem Abend allerdings nicht mehr die Rede war. „Ich hatte noch nie davon gehört“, begründete die Hamburgerin die Wahl dieses Themas für ihr Jugendbuch. Boie ist es wichtig, dass man so eine junge Zielgruppe erreicht – um der Jugend die Möglichkeit zu bieten, „einen ganz anderen Zugang zu Geschichte zu bekommen“. Dass zwei Tage vor der Befreiung Penzbergs durch US-Truppen noch 16 Menschen von den Nazis ermordet wurden, habe sie ebenfalls zu dem Buch bewogen, erzählte Boie („Relevanz weit über Penzberg hinaus“) dem Moderator des Abends, Niels Beintker vom BR.

Soll in Lernplan rein

Das aktive Beschäftigen mit den Ereignissen das Podiumsgespräch. Dabei ging es um Gedenken und Erinnerung in Gegenwart und Zukunft. Bewusst war auf der Bühne die Jugend vertreten. Die Schüler Jan Röntgen (Gymnasium), Jasmin Banani (Realschule) und Lukas Hezel (Mittelschule) hatten sich in der Vergangenheit mit der „Mordnacht“ auseinandergesetzt.

Im Gespräch wurde deutlich, dass es durchaus Kenntnislücken über die „Mordnacht“ gab. „Von dieser Geschichte wusste ich nichts“, so Neuntklässler Ezel – „leider.“ Für den Mittelschüler keine Frage: „Das sollte bei den Penzberger Schulen zum Lernplan gehören.“ Realschülerin Banani aus der 10. Klasse hatte 2021 an einer „Mordnacht“-Kunstaktion auf dem Stadtplatz teilgenommen. Das Buch hatte sie betroffen gemacht. Derartigen Hass und Gewalt „könnte ich mir nicht vorstellen“. Gymnasiast Röntgen hatte im vergangenen Jahr am virtuellen „Mordnacht“-Gespräch mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier teilgenommen. Das Buch „musste ich paar Mal weglegen“, erinnert er sich. Allerdings habe das Werk ihm einen guten Zugang zu dieser Zeit ermöglicht – und die Erkenntnis verschafft, „dass so etwas nie wieder passieren darf“.

Für die Zukunft appellierte Altbürgermeister Hans Mummert, „dass man das Thema immer offen hält“. Mummert möchte so „die Leute wachrütteln, seid vorsichtig“. Es brauche derartige Erinnerungen, mahnte er – gerade mit Blick auf die Montagsdemos („Es wird weiter marschiert“) und dem häufigen Zweifel an der Demokratie. „Das macht mir Angst.“

Menschen werden Barbaren

Ebenfalls mit Blick auf die Zukunft forderte Autorin Boie, dass Thema stets weiterzutragen. Die Ereignisse vor 77 Jahren und das NS-Regime hätten eines gezeigt: „Wie in kürzester Zeit aus Menschen Barbaren werden können.“

Zuvor war am Ehrenmal sowie an den Ehrengräbern den Opfern der „Penzberger Mordnacht“ gedacht worden.

Gedenken an Ehrenmal und auf Friedhof

Für die Penzberger SPD ist die „Mordnacht“ vom 28. auf den 29. April 1945 ein Ereignis, dass sich eingebrannt hat. Schließlich zählen auch Sozialdemokraten zu den Opfern der NS-Schergen. Und so gedachte der Ortsverein am Donnerstag am Ehrenmal an der Freiheit ebenfalls der 16 ermordeten Frauen und Männer. Bei der Veranstaltung, musikalisch umrahmt vom Jugendchor „Voice happenZ“, richteten Ortsvorsitzender Clemens Meikis und der ehemalige MdB Klaus Barthel aus Kochel mahnende Worte an die Zuhörer.

Penzberger Mordnacht „Vater vergib“ Philipp Roß (evangelischer Pfarrer), Bernhard Holz (katholischer Pfarrer) und Benjamin Idriz (Imam) beim gemeinsamen Friedensgebet auf dem Friedhof.
„Vater vergib“: (v.l.) Philipp Roß (evangelischer Pfarrer), Bernhard Holz (katholischer Pfarrer) und Benjamin Idriz (Imam) beim gemeinsamen Friedensgebet auf dem Friedhof. © Andreas Baar

Meikis sprach von einem „sinnlosen Akt der Gewalt“. Es müsse das Bestreben der Gesellschaft sein, derartiges „nie wieder erleben zu müssen“. Mit Blick auf den Ukraine-Krieg warnte Meikis vor einer „Gleichgültig gegenüber dem kleinsten Unrecht“. Barthel erinnerte an den „gewaltfreien Kampf“ der mutigen Penzberger, um ihre Stadt von den Nazis zu befreien. Der ehemalige SDP-Bundestagsabgeordnete schlug einen Bogen zur Arbeiterbewegung in der einstigen Bergarbeiterstadt und hielt ein leidenschaftliches Plädoyer für Solidarität. Barthel mahnte angesichts der Montagsdemos („krude Ansichten“) dazu, „noch mehr für die Erinnerung zu tun“. Denn: „Es gibt immer noch viele, viel zu viele, die aus der Geschichte nichts oder das Falsche gelernt haben.“

Penzberg Friedhof Mordnacht
Gedenken an den Ehrengräbern auf dem Friedhof. © Andreas Baar

Im Anschluss wurde den „Mordnacht“-Opfern an ihren Ehrengräbern auf dem Friedhof gedacht. Man schenke den Opfern nicht nur „ein gebührendes Andenken“, bekräftigte Bürgermeister Stefan Korpan (CSU), sondern man wolle auch „ein Zeichen setzen gegen die Sinnlosigkeit des Ukraine-Kriegs“. Korpan machte deutlich, dass die „Mordnacht“ nie vergessen wird: „Wir wollen, wie müssen und wir werden weiterhin bereit sein, Lehren aus unserer Geschichte zu ziehen.“ Penzbergs Rathauschef („die Erinnerung ist uns eine ständige Begleiterin“) blickte zudem auf die Jugend. Diese gelte es zu sensibilisieren, dass sie „jegliche Tendenzen aufkeimender menschenverachtender Positionen und Äußerungen“ wahrnimmt und Einhalt gebietet.

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