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Die Filiale im Ort ist Geschichte.

Zahlreichen Dörfern geht es so wie Eberfing

Bankensterben auf dem Land: Ein Dorf im globalen Finanzstrudel

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Immer mehr Filialen schließen – vor allem auf dem Land. Ein Ende des Bankensterbens ist nicht in Sicht. Besuch in einem oberbayerischen Dorf, das in den Strudel globaler Krisen geraten ist.

Eberfing – Es ist der letzte Freitag im April, an dem die Raiffeisenbank im oberbayerischen Eberfing noch einmal geöffnet hat: Ein letztes Mal können Kunden Geld bei ihrer Bank einzahlen oder Überweisungen abgeben. Um 16 Uhr schließt Florian Pildner seinen Schalter – und zwar für immer.

Zehn Jahre lang hatte Pildner den Außenposten der VR-Bank Werdenfels in Eberfing geleitet. Die Raiffeisenbank war das einzige Kreditinstitut im Ort. Fast jeder hier kannte Pildner – und Pildner kannte die meisten der 1400 Eberfinger. Manchmal, erzählt der Bankkaufmann heute, sei er sonntags durch das Neubaugebiet geradelt und habe sich gefreut, wenn wieder eine junge Familie den Traum von den eigenen vier Wänden verwirklicht hat – dank eines Bankkredits, den er vermittelt hatte. Die Raiffeisenbank in Eberfing – sie war mehr als ein anonymes Geldinstitut. Rund 70 Prozent der Eberfinger seien Kunde bei der Bank, schätzt Pildner. 14,5 Millionen Euro hatten sie und die ortsansässigen Firmen zuletzt auf ihren Konten geparkt.

Die Konten führt die Bank weiterhin, aber die Zweigstelle Eberfing ist zugesperrt. Für Bankgeschäfte müssen die Eberfinger jetzt ins Auto steigen und ins sieben Kilometer entfernte Huglfing fahren. Oder gleich in die zehn Kilometer entfernte Kreisstadt Weilheim. Im Februar hatte der Vorstand am rund 40 Kilometer südlich gelegenen Sitz der Bank in Garmisch-Partenkirchen die Schließung der Filiale Eberfing verkündet. Die Gemeinde zwischen Starnberger See, Staffelsee und Hohem Peißenberg ist von der Landkarte der Bank verschwunden – trotz wachsender Einwohnerzahl.

Der Ärger der Kunden ist groß

Entsprechend groß ist der Ärger bei den Kunden. Darunter mischt sich Resignation. „Die Banken sitzen am längeren Hebel“, sagt Heidi Maier. Die 61-Jährige ist eine der letzten im Dorf, die ihren Teil dazu beiträgt, dass es noch überhaupt so etwas wie eine Grundversorgung gibt. Maier betreibt in Eberfing einen Getränkemarkt. Und weil es im Dorf auch keinen Laden mehr gibt, verkauft Maier nicht nur Bierkisten und Mineralwasser, sondern auch ein bisschen Obst, Gemüse, Milch und Joghurt.

Als Gewerbetreibende trifft sie die Schließung der Bank doppelt: Rund zwei Mal in der Woche sei sie auf der Bank gewesen, sagt sie. Schnell mal Wechselgeld für die Kasse holen, gehe jetzt nicht mehr. Für Wechselgeld müsse sie ins Auto steigen.

Schließung „schwer nachvollziehbar“

Eberfings Bürgermeister Georg Leis versteht die Entscheidung der Bank bis heute nicht. Für ihn sei die Schließung noch immer „schwer nachvollziehbar“, sagt er. „Wir haben viele ältere Mitbewohner im Ort, die sehr gerne und intensiv die Bankfiliale frequentiert haben.“

Georg Leis, Bürgermeister in Eberfing.

Ältere Menschen seien jetzt auf die Unterstützung ihrer Familien angewiesen. Selbst durch lautstarken Protest auf einer Bürgerversammlung ließ sich der Bankvorstand nicht umstimmen – es blieb dabei: Die Bank verlässt den Ort. Geblieben ist ein Geldautomat.

Bankvorstand plant für die Zukunft

Am längeren Hebel sitzt Walter Beller – aber irgendwie auch nicht, versucht er zu erklären. Für den Vorstandsvorsitzenden der VR-Bank Werdenfels sind Filialschließungen eine Folge von Umbrüchen in der Branche. Dass er in diesem Tempo einmal Geschäftsstellen schließen würde, habe er sich vor Jahren auch nicht vorstellen können, sagt Beller. „Ich komme selbst aus einem kleinen Ort, in dem es mittlerweile keine Post, keinen Bäcker und keinen Laden mehr gibt“, sagt er. 2012 betrieb die VR-Bank noch 33 Filialen, damals hatten die Genossenschaftsbanken aus Weilheim, Penzberg und Garmisch-Partenkirchen zu einer Bank fusioniert.

Walter Beller, Chef VR-Bank.

Und jetzt? Nachdem seit Mai die Filiale Eberfing zugesperrt hat, ist Bellers Filialnetz auf 21 Geschäftsstellen geschrumpft. Als Vorstand einer Bank sei er dafür verantwortlich, dass es seinem Institut auch noch in fünf Jahren gut gehe, erklärt er. Dann zeigt er ein Diagramm, auf dem die Kurve nur eine Richtung kennt: nach unten. Überschrift: „Zinsspanne in Prozent der Bilanzsumme“.

Erstes Problem: Niedrige Zinsen

Das klingt nach kompliziertem Bankgeschäft, ist aber leicht zu verstehen: Die fallende Kurve zeigt das ganze Drama, das sich derzeit in der Finanzbranche abspielt. Vereinfacht gesagt läuft das so: Die Kunden der VR-Bank lagern auf ihren Konten Guthaben, dafür zahlt ihnen die Bank einen Zins. Das Geld der Kunden bündelt die Bank zu Krediten und reicht es an Firmen oder Privatkunden weiter. Die Bank kassiert dafür höhere Zinsen, als sie auf Einlagen zahlt – zumindest früher war das so. Jetzt nähern sich Einlagenzins und Kreditzins für die Bank bedrohlich nahe an.

Bellers Grafik zeigt: 2010 lag die Zinsspanne – also die Differenz der gezahlten und kassierten Zinsen – im Verhältnis zur Bilanzsumme bei 2,53 Prozent. 2021 erwartet der Bank-Chef 1,50 Prozent. Das klingt nach wenig, im Bankgeschäft kommt es aber auf jede Nachkommastelle an. Beller hat ausrechnen lassen: 2021 fehlen der Bank fünf Millionen Euro an Erträgen verglichen mit 2016.

Der einstige Bankschalter bleibt für immer geschlossen.

„Mittlerweile ist die Welt verkehrt“, sagt Beller und verweist auf die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) in Frankfurt. Vor über einem Jahr hatte die Notenbank den Leitzins auf null Prozent gesenkt. Bereits davor dümpelten die Zinsen nahe der Nulllinie. Für Beller heißt das: Überschüssiges Geld, das seine Bank nicht als Kredit weiterreicht, muss zu Minuszinsen von 0,4 Prozent bei der Zentralbank geparkt werden. Die naheliegende Lösung, auch von Privatsparern Negativzinsen zu kassieren – davor schreckt Beller noch zurück. „Es ist eine verrückte Zeit“, sagt der Bankchef. Denn neben schrumpfenden Zinserträgen hat Beller ein weiteres Problem.

Zweites Problem: Strenge Vorschriften

Neue Vorschriften der Bankenaufsicht zwingen den Vorstand, ein dickes Kapitalpolster vorzuhalten. Damit soll die Bank für schlechte Zeiten gewappnet sein. Die Aufsicht will eine Finanzkrise wie 2007 verhindern, als Banken vor der Pleite standen. „Das trifft ausgerechnet uns Genossenschaftsbanken, obwohl wir mit der Finanzkrise nichts zu tun hatten“, klagt Beller. Er habe nur eine Möglichkeit, den neuen Anforderungen gerecht zu werden: Seine VR-Bank müsse Jahr für Jahr kräftige Gewinne einfahren, nur so könne er den Kapitalpuffer gewährleisten.

Wie wechsle ich das Girokonto?

Gewinne bei sinkender Zinsspanne? Eigentlich ein Widerspruch. Auf den Druck reagiert Beller mit einem verschärften Sparkurs. Die Schließung teurer Filialen sind für ihn die logische Folge – und jetzt hat es die Raiffeisenbank Eberfing getroffen.

Die Gemeinde zwischen Loisach und Lech ist plötzlich in den Strudel globaler Krisen geraten. Auf die Staatsschuldenkrise in Europa reagiert EZB-Chef Mario Draghi mit einer aggressiven Geldpolitik und beschleunigt das Filialsterben. Nachdem sich Banken vor zehn Jahren am US-Immobilienmarkt verzockt haben, bremsen strenge Gesetze nun ihr Geschäft – der Spardruck steigt. Wer wirklich am längeren Hebel sitzt, ist auf einmal nicht mehr ganz klar. Beller? EZB-Chef Draghi? Oder doch Regierungen und EU-Kommission? Als wäre das nicht kompliziert genug, wirbelt auch noch das Internet die Branche durcheinander.

Drittes Problem: Online-Banking

Um das zu verstehen, muss man dem früheren Eberfinger Filialleiter Pildner zuhören. Er sagt: „Jedes zweite Privatkonto in Eberfing wird inzwischen online geführt.“ Und das seien keineswegs nur jüngere Kunden: „Wir habe Kunden, die sind über 80 Jahre alt und begeistert vom Online-Banking.“ Kleine Filialen verlieren weiter an Bedeutung.

Der Tresor von Ex-Filialleiter Florian Pildner ist seit Ende April leer.

Die Umbrüche in der Bankenwelt haben nicht nur Eberfing getroffen. In den vergangenen Jahren haben zehntausende Filialen in Deutschland für immer zugemacht. Letztlich kann es den Eberfingern aber egal sein, dass es woanders kaum besser aussieht und wer daran Schuld ist. Ihnen wurde über Nacht die Bank vor der Haustür weggeschnappt – gefragt hat sie keiner.

Bürgermeister Leis versucht nun in kleinen Schritten retten, was noch zu retten ist. Statt einem einfachen Geldautomaten fordert er zumindest einen Ein- und Auszahlungsautomaten. Auch einen Briefkasten für Überweisungsträger hat Leis gefordert – den lehnt die Bank aus rechtlichen Gründen bislang ab. Nur eines ist dem Bürgermeister bereits jetzt klar: „Der Ärger in Eberfing wird noch lange Zeit bleiben.“

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