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Papa bei der Arbeit: Während Pirmin Bertle an einem Felsblock auf Sardinien bouldert, machen es sich seine Kinder in der Höhle gemütlich.

Das Porträt

Leicht leben, schwer klettern

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Pirmin Bertle (32) ist als Profikletterer in der Welt daheim und in Untereglfing zu Hause. Zu Besuch bei einem, der immer hoch hinaus will und doch ganz geerdet bleibt.

Eglfing – „Letzte Ausfahrt Cut – Wie mir ein Riesenriss im Mittelfinger schöne Durchstiegsaussichten in Via de la Capella (9b) in Siurana eine Woche vor Schluss zunichte macht.“ Das ist die Überschrift von Pirmin Bertles neuestem Blog-Eintrag. Mittlerweile ist er zurück aus Spanien und sitzt in der Stube seiner Wohnung in Untereglfing und zeigt den noch immer verletzten Finger. Doch der Riss heilt ebenso schnell wie die Enttäuschung darüber, „Via de la Capella“ nicht geklettert zu haben. Denn Bertle ist schließlich Profi – Kletterprofi. Er lebt von und mit der Kletterei.

Profisportler klingt gut. Der geht seiner Leidenschaft nach und bekommt Geld dafür. Man sieht es bei den Fußballern, die sich den vierten oder fünften Sportwagen kaufen. Im Bergsport gibt es jedoch nur wenig Protagonisten, die es zu – zumindest bescheidenem – Reichtum bringen. Mal von Reinhold Messner abgesehen, der sich um den schnöden Mammon schon lange keine Sorgen mehr machen muss. Es sind Typen wie die Huber Buam und Stefan Glowacz, die nicht jeden Cent dreimal umdrehen müssen. Die besten Voraussetzungen für eine lukrative Sportlerkarriere hätte Bertle: 64 Kilogramm Muskeln verteilt auf 184 Zentimeter, Typ „blonder Sunnyboy“ mit einem frechen Lächeln. Und nicht nur die Optik stimmt: der 32-Jährige bewegt sich leistungsmäßig an der Weltspitze. Dennoch muss er sich für seinen Lebensunterhalt strecken – nicht nur am Fels. Bertle hat Sponsoren, gibt Kletterworkshops, hält Vorträge, fotografiert und verkauft Artikel über seine Reisen und Erlebnisse an Magazine. Sein Bildband „Passion Verticale“ ist mittlerweise fast ausverkauft. Gerade hat er sich beim Bundesleiterteam „Sportklettern“ vorgestellt, um sich als Trainer zu empfehlen. Ich lebe mit wenig Geld, aber es ist sich noch immer ausgegangen“, sagt der Eglfinger. In seiner Branche muss man eigentlich die Selbstvermarktung zelebrieren, um unterstützt zu werden.

Klinken putzen und ständig das Rad neu erfinden

Das heißt Klinken putzen und das Rad ständig neu erfinden, also spektakuläre Routen mit unfassbaren Schwierigkeitsgraden zu wiederholen oder noch besser erstzubegehen. Das ist alles sehr zeitaufwändig. Das kann der 32-Jährige aber nicht leisten, denn „ich bin alleinerziehender Vater“. Bertls Kinder Jules (5) und Aliénor (3) sind häufig dabei, wenn es auf Reisen geht, auch wenn die Monate dauern, wie ein Trip nach Südamerika. Die beiden sind aber gerade im Kindergarten, als ihr Papa in der Stube des alten Bauernhauses über seine Passion spricht – entspannt und unaufgeregt.

Ein normaler, netter Typ, der nicht mit seinen Leistungen angibt, nur weil die Presse im Haus ist. Dabei könnte er das bedenkenlos tun. In der Schweiz, wo er lebte und die Mutter seiner Kinder, von der er mittlerweile getrennt lebt, kennenlernte, hat er den Großteil der schwersten Sportkletterrouten erstbegangen. In Spanien, wo er sich vor kurzem den Finger lädierte, traf er auf die US-Kletterstars Dave Graham und Daniel Woods. „Ich war überrascht, dass ich das gleiche Niveau wie Dave habe“, wundert sich der 32-Jährige noch immer. In Erstaunen versetzt ihn aber auch das Gebaren mancher Kletterer: „In Südamerika wollten alle Selfies mit mir machen. Ich finde das befremdlich, wenn mich jemand als Vorbild sieht.“

Aber warum eigentlich nicht? Bertl lebt ein Leben, das sich viele wünschen, aber nicht zu leben trauen. Von Zeit zu Zeit wundert er sich, was aus machem Schulfreund geworden ist, der leidenschaftslos seiner Arbeit nachgeht und nach seinem Tagwerk das Polster der Couch eindrückt. Dabei könnte der Eglfinger auch gutes Geld mit einem Brotberuf verdienen. Bertle spricht Deutsch, Französisch, Englisch und Spanisch und hat ein abgeschlossenes Studium. „Ich habe ja einen Master in Psychologie“, sagt er. „Ich wäre aber sicher kein glücklicher Psychotherapeut“, liefert er die Erklärung, warum er sein Leben lebt, wie er es tut.

„Ich schaue ohne Furcht in die Zukunft“

Schon als Bub war Bertle am Fels unterwegs, mit 32 brennt die Leidenschaft fürs Klettern noch immer. „Das Tüfteln und Optimieren, das Fokussieren im Highend-Bereich – das ist es, was mir Spaß macht“, sagt er. Sein Kletterleben beschreibt er selbst trefflich: „Es ist eigentlich ein sehr steiniger Weg, den ich versuche, elegant und entspannt zu gehen.“ Und diesen Weg will Bertle weiter einschlagen, auch wenn er nicht direkt mit Fels zu tun hat. „Ich muss ein Standbein aufbauen, das von meiner Kletterleistung unabhängig ist“, sagt er, denn jünger wird er nicht.

Schreiben könnte er sich vorstellen. Er hat sogar schon einen Roman in der Schublade liegen. Ihm schwebt auch die Idee eines reinen E-Klettermagazins vor, das es noch nicht gibt. „Ich werde immer etwas haben, für das ich brennen werde“, sagt Bertl. „Ich schaue ohne Furcht in die Zukunft.“

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