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Am Bahnhof Bernried , wo der KZ-Zug vor 74 Jahren stand , legten die Menschen am Sonntag Blumen nieder. 

„Es war furchtbar“

Rührende Momente bei Gedenken an KZ-Zug in Bernried

„Augen auf und hinschauen – damals wie heute“: Unter diesem Motto stand heuer die Gedenkfeier an den KZ-Zug, der 1945 in den letzten Kriegstagen auf einem Abstellgleis am Bernrieder Bahnhof haltmachte. An dem von der „Bahnhofsgruppe Bernried“ organisierten Zeremoniell nahm auch Zeitzeugin Annemarie Gutmann teil.

Bernried – Der 28. April 1945 war ein Tag, den Gutmann bis heute nicht vergessen hat. Kurz vor Kriegsende strandete am Bernried Bahnhof ein KZ-Zug mit rund 2000 Gefangenen an Bord. Die Hilferufe der Häftlinge waren bis ins Unterdorf zu hören. Gutmann war damals 19 Jahre alt. Sie verrichtete ihren Kriegsdienst als Schalterassistentin.

Der Zug war am Abend des 28. Aprils am Bernrieder Bahnhof angekommen, und er stand auch noch am nächsten Morgen da, als Gutmann zur Arbeit fuhr. Sie sah das ganze Elend der halb verhungerten und ausgemergelten Häftlinge, die von SS-Schergen bewacht wurden. Menschliche Grausamkeit in unvorstellbarem Ausmaß. Der Stationsleiter am Bernrieder Bahnhof wollte den Zug abfertigen, bekam ihn aber nicht los. Weder in Tutzing noch in Seeshaupt wollten man ihn haben. Ein paar Tage später trafen die Amerikaner ein. Sie gaben den befreiten Häftlingen ein dreitägiges Plünderungsrecht. Bernried war davon ausgenommen, weil es unter dem Schutz der Schweizer Gesandtschaft stand, die in Höhenried stationiert worden war.

Gutmann haben sich die Bilder des KZ-Zugs mit den in graublauer Häftlingskleidung gehüllten Insassen, die ausgesehen haben wie „hautüberzogene Totenköpfe“, ins Gedächtnis gebrannt. „Das kann man nicht abstreifen“, sagt die 93-Jährige, die die Gedenkfeier am Sonntag, dem 74. Jahrestag der Geschehnisse, sichtlich berührt verfolgte. Ihre Nichte, Kathrin Starke, las während der Zeremonie aus den von Gutmann aufgeschriebenen Erinnerungen vor. Man merkte der Seniorin die Betroffenheit an. Die Augen waren wässrig.

Zwei Buben, die der Feier beiwohnten, reichte sie die Hand: „Ich hab’ das alles mitgemacht – und jetzt bin ich 93“, ließ sie die Knirpse wissen. „Es war wirklich so schlimm. Es war furchtbar. Mir geht das sehr nahe.“

Dass die „Bahnhofsgruppe“ um Judy Grosch, Christine Eberl und Barbara Eder seit 2005 die Gedenkfeier organisiert, findet die Zeitzeugin „sehr gut“, die Nachkommenschaft müsse schließlich erfahren, welche Gräueltaten sich zugetragen haben: „Auch wenn es mir an dem Tag persönlich nicht gut geht“, wie Gutmann erzählt: „Ich bin eigentlich ein fröhlicher Mensch. Aber das ist immer sehr belastend und traurig. Man schämt sich für sein eigenes Volk.“

Gutmann war die erste in Bernried, die offen über die Geschehnisse rund um den KZ-Zug erzählte. „Ich weiß nicht, ob es den Leuten unangenehm war. Aber der Zug war in Bernried lange Zeit kein Thema“, berichtet Eberl über die Zeit, als die „Bahnhofsgruppe“ mit den Recherchen begann. 2005 wurde dann die erste Gedenkfeier abgehalten und 2010 am Bahnhofsvorplatz der „Baum der Versöhnung“ gepflanzt - ein Apfelbaum der Marke „Korbinian Aigner“, benannt nach einem katholischen Pfarrer und Pomologen, der im KZ inhaftiert war.

Was ist heute wichtig?

Die Gedenkfeier folgt einem festen Ritual. An der Bahnsteigkante werden nach der Lesung aus Gutmanns Erinnerungen Blumen niedergelegt und Kerzen angezündet. Danach geht es an den „Baum der Versöhnung“ zum inhaltlichen Diskurs. Heuer hatten die Organisatoren als Reflexion über die Gegenwart das Motto „Augen auf und hinschauen – damals wie heute“ ausgerufen.

Die rund 30 Teilnehmer der Gedenkfeier sollten sich Gedanken darüber machen, was sie aktuell schockiert und was sie als besonders wichtig erachten. In der Rubrik „Wichtig“ wurde unter anderem die EU-Wahl genannt, dazu Zivilcourage, ein tolerantes Miteinander, Demut und Empathie. Als schockierend wurden Antisemitismus, Kriege und die Äußerung von Pauschalurteilen bezeichnet. Die Gedenkfeier endete wie gewohnt mit einem fröhlichen Part. Die Teilnehmer sangen „Shalom chaverim“ („Friede sei mit dir“), dazu gab es für alle ein Stück Brot, „denn“, wie Eberl betonte, „in Bernried soll niemand hungern müssen.“  jep

Bernhard Jepsen

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