Prominenter Besuch: In den 90er-Jahren traf Enrico Tacchetti (links) an einer Baustelle auf den damaligen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber.
+
Prominenter Besuch: In den 90er-Jahren traf Enrico Tacchetti (links) an einer Baustelle auf den damaligen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber.

Enrico Tacchetti war schon in vielen Häusern in der Kreisstadt

Vor 60 Jahren kam „Heini“ von Italien nach Weilheim - Auch mit 83 arbeitet er noch

Enrico Tacchetti ist ein Phänomen. Vor genau 60 Jahren ist Enrico, den eigentlich alle nur liebevoll Heini nennen, am Weilheimer Bahnhof angekommen. Mittlerweile gehört er fast zum Stadtbild. Und zur Firma Abele, für die er noch immer tätig ist – seit nunmehr fast 60 Jahren.

Weilheim – „Gastarbeiter“ nannte man Menschen wie Enrico Tacchetti despektierlich, weil sie bloß nicht heimisch werden, sondern wieder zurück in ihre Ursprungsländer fahren sollten. Doch das hat bei ihm nicht geklappt. „Ich würde es ja gerne feiern, dass ich jetzt seit 60 Jahren hier lebe, aber Corona hat mir leider einen Strich durch die Rechnung gemacht“, sagt Tacchetti, der vor 83 Jahren südlich von Rom zur Welt gekommen ist.

Gut gehalten hat sich der 83-Jährige.

Er erinnert sich noch genau an den Tag, an dem er in Roma Termini in den Zug gestiegen ist. „Mein eigentliches Ziel war München, ein Bekannter hatte mir erzählt, dass es hier ausreichend Arbeit gebe.“ Aber zufällig traf er im Zug einen Sanitärunternehmer aus Weilheim, der ihn sozusagen noch im Abteil einstellte.

Damit begann eine berufliche Laufbahn, die Heini vermutlich in die meisten Weilheimer Häuser geführt hat. 1963 wechselte er zur Firma Abele, bis heute arbeitet er noch stundenweise für das Weilheimer Unternehmen. „Bevor ich zuhause rumsitze und mich langweile, gebe ich lieber meine Erfahrung weiter an die jungen Kollegen. Bei Abele arbeite ich gerade mit der fünften Generation an Chefs“, sagt Tacchetti und lacht. Wenn es nach dem aktuellen Geschäftsführer Andreas Bieber geht, soll das auch noch ein paar Jahre so bleiben.

Als Heini den Azubi mit der Rohrzange zwickte

„Heini gehörte immer zu den wirklich fleißigen und gewissenhaften Kollegen“, erinnert sich Ex-Abele-Chef Johann Vogl, der die meiste Zeit mit ihm zusammengearbeitet hat. „Er hat mehrere Generationen Azubis hervorragend aufs Berufsleben vorbereitet, handwerklich ausgezeichnet, menschlich warmherzig und kommunikativ, manchmal vielleicht etwas ruppig“, sagt Vogl und erinnert sich an eine Szene, als Heini dem Azubi herzhaft mit der Rohrzange in den Oberschenkel gezwickt hat, als der nicht spurte. „Das ist doch bestimmt 35 Jahre her – verjährt“, sagt Tacchetti und lacht. Er bestätigt, dass es im Handwerk zu dieser Zeit etwas rauer zuging. Und hofft, dass der damalige Azubi ihm mittlerweile verziehen hat.

Denn eigentlich kann man Tacchetti nicht lange böse sein. Sein geselliges Wesen, sein offenes Auftreten und sein herzliches Lachen führen dazu, dass sich viele Weilheimer einfach zu ihm setzen, wenn sie ihn vor dem Café oder der Eisdiele zufällig treffen. Um dann mit ihm über die aktuellen Ereignisse in Weilheim zu reden. Natürlich mit feinstem italienisch-oberbairischen Akzent. „Den habe ich nie abgelegt, damit alle gleich an bella Italia denken, wenn sie mich treffen. Und manchmal muss man ja auch Erwartungen erfüllen. Tatsächlich habe ich anfangs in Weilheim auch eine Vespa gefahren“, erinnert sich Tacchetti und grinst.

Seit vielen Jahren ist er aber einer schwäbischen Automarke treu. Zuverlässig und solide hat sie ihn bislang mehrmals pro Jahr nach Rom gebracht, wo sein Bruder und seine Schwestern immer noch leben. Dass diese Besuche wegen Corona aktuell nicht stattfinden können, bedauert nicht nur Tacchetti, sondern auch seine Chefin Susanne Bieber. „Heini hat dort eine kleine Plantage mit Olivenbäumen, und das Öl, das er uns von dort mitbringt, schmeckt einfach ausgezeichnet.“

„Ich habe eben eine deutlich jüngere Weilheimerin geheiratet, da muss man auf sich achten“

Ihre liebste Erinnerung an Taccheti gibt Susanne Bieber auch gleich preis: „Ich weiß noch, wie er einmal tief betrübt in meinem Büro stand, weil er dachte, er wird jetzt alt. Da hatte er nämlich das erste Loch in einem seiner Zähne entdeckt – mit Anfang 70.“ „Ich habe eben eine deutlich jüngere Weilheimerin geheiratet, da muss man auf sich achten“, verteidigt sich Tacchetti. Seine Frau ist auch einer der Gründe, warum der ursprünglich Plan, nach Ende des Arbeitslebens nach Italien zurückzukehren, bislang immer wieder aufgeschoben wurde. „Erstens bin ich noch gar nicht in Rente und zweitens kann ich mir gut vorstellen, weitere 60 Jahre in Weilheim zu leben.“

Auch interessant

Kommentare