Heute können die Geschichten in der Kinderbibel (Buch Mitte) der „Zeugen Jehovas“ Esther Gebhard keine Angst mehr machen. Dabei haben ihr unter anderem die Bücher rechts und links geholfen.
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Heute können die Geschichten in der Kinderbibel (Buch Mitte) der „Zeugen Jehovas“ Esther Gebhard keine Angst mehr machen. Dabei haben ihr unter anderem die Bücher rechts und links geholfen.

Gefangen in der Welt der „Zeugen Jehovas“

  • Kathrin Hauser
    vonKathrin Hauser
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Als Sängerin und Musikerin ist es Esther Gebhard gewohnt, für Partystimmung zu sorgen. Dass die Hohenpeißenbergerin noch immer unter ihrer Vergangenheit bei den „Zeugen Jehovas“ leidet, wusste lange nicht einmal ihre Familie. Über die Zeit in der Organisation erzählt sie in der Heimatzeitung.

  • Viele Jahre hat Esther Gebhard aus Hohenpeißenberg unter ihrer Vergangenheit bei den „Zeugen Jehovas“ gelitten
  • Lange wusste nicht einmal ihre Familie von dieser Zeit
  • Inzwischen spricht sie über die „Zeugen Jehovas“ und will andere aufklären

Hohenpeißenberg – Als es damals an der Haustür klingelte, wusste Esther Gebhard nicht, dass sich ihr Leben komplett verändern würde. Bis zu jenem Tag, an dem das fremde ältere Ehepaar vor der Tür stand, hatte sie eine normale Kindheit erlebt – inklusive einer Taufe. Der Vater war katholisch getauft, die Mutter und die damals etwa vierjährige Esther waren evangelisch. Dann traten die „Zeugen Jehovas“ in ihr Leben: „Meine Mutter hat die Tür aufgemacht, als es geklingelt hat“, erzählt die Hohenpeißenbergerin, die in Schongau aufgewachsen ist. Das ältere Ehepaar hatte Erfolg: Die Mutter ließ sich für die „Zeugen Jehovas“ gewinnen und bald trat auch der Vater bei.

Automatisch war auch die kleine Esther Mitglied der Religionsgemeinschaft, die von vielen als Sekte gesehen wird. „Als Kind bist du dem ja völlig ausgeliefert“, sagt die 49-Jährige. Von da an änderte sich das Leben der jungen Familie drastisch: Versammlungsbesuche, Bibellektüre, das Lesen der Zeitschriften „Der Wachturm“ und „Erwachet!“ und eine fleißige Missionstätigkeit bestimmten nun den Alltag, der plötzlich nur noch wenige Freuden und kaum Freiheiten bot. „Ich bin schon als Kind von Tür zu Tür gegangen und habe für die ,Zeugen Jehovas’ geworben“, sagt Esther Gebhard.

Doch nicht das Klinkenputzen für die Organisation unterschied das Leben der kleinen Esther zu dem der anderen Kinder in ihrer Umgebung. Während die anderen Buben und Mädchen in ihrem Umfeld Ostern, Weihnachten, und Kindergeburtstage feierten, gab es diese Feste in ihrer Familie nicht. Gefeiert wurde dort nur das Abendmahl.

„Ich kannte keine Geburtstagsfeiern, kein Osterfest und kein Weihnachten. Ich habe irgendwie nicht zu dieser Welt gehört“, sagt Esther Gebhard. Sie habe damals in einer Art Seifenblase gelebt, nach den strengen Regeln der „Zeugen Jehovas“ und mit einem immensen Druck. Denn der Kern des Glaubens der „Zeugen Jehovas“, die als „Religionsgemeinschaft“ eingestuft sind, ist die Überzeugung, dass der große Krieg Gottes, „Harmagedon“, unmittelbar bevorsteht und diesen nur die wirklich Frommen überleben werden.

Um möglichst viele vor dem Tod zu bewahren, ist das Ziel der Organisation, die Esther Gebhard heute als Sekte sieht, so viele wie möglich für die „Zeugen Jehovas“ und ihre Art zu leben zu gewinnen. „Es wird als Aufgabe gesehen, so viele Menschen wie möglich zu retten. Das Missionieren wird aus tiefster Überzeugung betrieben.“ Alles, was sich außerhalb der strengen Regeln und der engen Grenzen der Religionsgemeinschaft bewege, sei nicht erwünscht gewesen. „Die normale Welt wird als satanisch gesehen.“ Esther Gebhard durfte keine Kindergeburtstage besuchen und selber keine feiern, Faschingspartys waren tabu, sie durfte keine Freunde außerhalb der Religionsgemeinschaft haben, den Religionsunterricht nicht besuchen und nicht an Klassenausflügen und -festen teilnehmen.

Sie verbrachte eine ziemlich einsame Kindheit in Schongau, wo sie aufwuchs. „Als Kind ist das alles schon sehr belastend.“ Ein Gefühl allerdings ist ihr ständiger Begleiter gewesen und das hat sie auch Jahre, nachdem sie aus der Religionsgemeinschaft ausgestiegen war, nicht verlassen: die Angst. Durch die Überzeugung, dass es nur die wirklich Frommen schaffen, Harmagedon zu überleben, sei ein wahnsinniger Druck ausgeübt worden, erzählt Esther Gebhard. Die Kinderbibel, die mit brutalen Bildern zum Beispiel von ertrinkenden Menschen bei der Sintflut schürte die Ängste noch.

Da konnte auch ihre Mutter, die drei Jahre, nachdem sie bei den „Zeugen Jehovas“ eingetreten war, wieder ausgetreten ist, nicht helfen, denn für die religiöse Erziehung des Mädchens war der Vater zuständig. Nur, wenn der Vater weg war, hat die Mutter alles ein wenig lockerer gesehen. „In gewisser Weise habe ich ein Doppelleben geführt.“

Irgendwann als Jugendliche begann sie, sich der Organisation ein wenig zu entziehen. Sie habe zum Beispiel Freundschaften außerhalb der Gemeinschaft gepflegt. „So mit 18 Jahren habe ich aufgehört, die Versammlungen zu besuchen“, erinnert sich Esther Gebhard. Den Absprung schaffte sie aber nicht aus eigener Kraft: „Mit 20 war ich schwanger ohne Trauschein und das ist ein Ausschlussgrund bei den Zeugen Jehovas.“

Esther Gebhard wurde Mutter einer Tochter und sechs Jahre später bekam sie noch ein Mädchen. Für ihren Vater war das so schlimm, dass er den Kontakt zu seiner Tochter abbrach: „Meinen Vater habe ich seit etwa 28 Jahren nicht mehr gesehen und gesprochen“, sagt sie.

Mit der ersten Schwangerschaft war zwar die Zeit bei den „Zeugen Jehovas“ beendet., doch das Leid und die Ängste begannen erst richtig. Denn die tiefe Furcht, die ihr von Kind auf eingepflanzt worden war, den nach Überzeugung der „Zeugen Jehovas“ unmittelbar bevorstehenden Weltuntergang nicht zu überleben, nachdem sie nicht mehr zu den Frommen gehörte, ergriff dann vollkommen Besitz von ihr. „Ich hatte ständig Angst, dass ich meine Kinder in den sicheren Tod schicke. Ich hatte regelrechte Panikattacken.“ Immer, wenn sich ein Unwetter zusammengebraut habe oder bei ähnlichen Wetterphänomenen habe sie Panik bekommen, weil sie dachte, Harmagedon sei da.

Ihre Kinder und ihr Mann wussten nichts von diesen Ängsten und von der Vergangenheit bei den „Zeugen Jehovas“. Erst vor sieben Jahren habe sie angefangen, sich mit ihrer Zeit in der Organisation zu beschäftigen, nachdem sie in einer Talkshow ein ehemaliges Mitglied gesehen hatte. Sie habe Kontakt zu anderen ehemaligen „Zeugen“ aufgenommen und so langsam angefangen, ihre Vergangenheit aufzuarbeiten: „Es war ein Befreiungsschlag. Auf einmal ist diese ,Zeugen-Jehovas’-Blase geplatzt, in der ich irgendwie immer noch gelebt habe.“ Geholfen haben ihr dabei auch Bücher wie „Der Gewissenskonflikt“ oder „Freiheit des Geistes“.

Die Organisation habe ihr viel genommen, sagt sie: „Sie haben mir eine heile, glückliche Kindheit gestohlen.“ Dennoch sei sie nicht mehr wütend auf die „Zeugen Jehovas“ und auch nicht auf ihre Eltern. „Ich habe ihnen verziehen, das war wichtig für mich.“

Inzwischen hat sie ihren Weg gemacht, ist Musikerin und hat als Heilpraktikerin eine Praxis für Psychotherapie und Hypnose und unterstützt andere Aussteiger. Weil es ein Anliegen für Esther Gebhard ist, vor der Organisation zu warnen, und Mitglieder zum Ausstieg zu ermutigen, ist sie inzwischen auch mit ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit gegangen. Kürzlich war sie sogar selber in der SWR-Talkshow „Nachtcafé“. „Ich möchte, dass die, die an den Lehren der ,Zeugen Jehovas’ zweifeln, wissen, dass die Welt nicht satanisch ist. Es gibt sehr viele sehr gute Menschen hier.“

Homepage

Nähere Infos im Internet unter www.esthergebhard.de

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